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Arbeit am Mythos: Lesen in der Halle des Ehrengastes Neuseeland.
Frankfurt am Main - Wenn die Revolution vorbei sei, werde sich das System seiner Firma beim Publikum durchgesetzt haben, meint ein Mitarbeiter von Total Boox. Das israelische Unternehmen stellt an einem Stand an der Frankfurter Buchmesse ein Service vor, bei dem der Kunde nur noch für jene Seiten eines E-Books zahlt, die er auch tatsächlich liest. Das System, bei dem das Bezahlsystem aktiviert wird, wenn man mehr als fünf Sekunden auf einer Seite verweilt, ist marktreif, es soll im Jänner präsentiert werden.
Von "Revolution", "Stresstest für die Verlagsbranche" oder gar von einem Urknall, der "die Gutenberggalaxis ausdehnen" werde, war bei dieser 64. Frankfurter Buchmesse allenthalben die Rede. Im Moment gewärtige man im Verlagswesen nicht einen "Strukturwandel", sondern vielmehr einen " Strukturbruch", meint auch Joachim Unseld, Verleger der Frankfurter Verlagsanstalt. Auf Ersteren könne man sich einstellen, auf einen Strukturbruch hingegen, "müssen neue Geschäftsmodelle folgen". Und in der Tat ist man sich, wenn man durch die auf zehn Hallen verteilten 170. 000 Quadratmeter der Frankfurter Messe spaziert, nicht ganz sicher, ob man nun durch die Kulissen eines Potemkin'schen Dorfes geht - oder sich, im Gegenteil, in der letzten Bastion des Gedruckten befindet.
Volle Kraft voraus
Zwar beansprucht das Buch in Frankfurt nach wie vor neun Zehntel der Ausstellungsfläche für sich, und doch spürt man, dass sich in den Unterdecks dieses von den Banken-Hochhäusern umstandenen Literaturmesse-Schiffs einiges tut. Um zwei Prozent (auf neun Milliarden Euro, davon vier Milliarden Privatkundenmarkt, d. h. ohne Branchenverzeichnisse etc.) ging der Umsatz des deutschen Buchmarktes von Jänner bis September zurück. In Spanien sind 25 Prozent gewesen.
Dramatischer sehen die deutschen Zahlen hingegen mit einem Minus von fünf Prozent für den stationären Buchhandel aus. Carel Halff von der Mediengruppe Weltbild geht davon aus, dass sich die Verkaufsfläche im Einzelhandel in den kommenden Jahren halbieren wird. Diese Entwicklung habe weniger mit dem E-Book (dessen Anteil sich auf 2 Prozent verdoppelt hat) zu tun als damit, dass mittlerweile 15 Prozent aller Bücher im Internet bestellt werden. Sorgen machen Halff auch die Monopolisierungestendenzen durch Apple und Amazon, wo die nur auf den jeweiligen Plattformen abrufbaren E-Books ein reines Kundenbindungsinstrument seien.
Was nicht falsch ist, denn mittlerweile ist es auch in den Messehallen unübersehbar, dass es eine ganze Menge multimedialer Anbieter ins traditionelle Buchgeschäft zieht, für die ein Buch nur eine Art "Content" unter vielen ist. Ob allerdings "Self publishing"-Plattformen wie Bookrix.de oder das vom Verlag Droemer etablierte neobooks.com ("einfach E-books erstellen und Autor werden") der Weisheit letzter Schluss sind, wird sich zeigen. Sicher aber ist, wie Gunnar Siewert, Geschäftsführer von Bookrix, meint: "Die 500 Jahre alte Struktur, dass einige Verleger entscheiden, was auf den Markt kommt, hat ausgedient." Siewerts amerikanisches Vorbild Smashwords hat in diesem Jahr 70.000 elektronische Bücher zum Verkauf gestellt, vier davon schafften es auf die Bestsellerliste der New York Times.
Hoffentlich ist der klassische Autor nicht schon tote,r als man denkt - vor allem, wenn es nur mehr um Distributionsprozesse geht. Denn Literatur ist mehr, als nur ein Buch zu "erstellen". Es war kein gutes Zeichen, dass das an den letzten Messen heftig diskutierte Thema Urheberrecht vom nun von den Kommandobrücken erschallenden Ruf "volle Kraft Richtung digitale Zukunft" fast vollständig übertönt wurde.
Einen letzten Höhepunkt der Messe bildete die sonntägliche Vergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Liao Yiwu. Der in Berlin lebende chinesische Dissident prophezeite China ein Auseinanderbrechen und meinte, auch auf den Westen anspielend, ein "Wertesystem des Drecks, das den Profit über alles stellt, nimmt weltweit überhand".
Währenddessen machte man sich in der Halle des Ehrengastes Neuseeland ans Abbauen. Es war ein schöner, ein wenig zu sehr mit dem Exotenbonus spielender Auftritt dieses am "weitesten entfernten Nachbarlandes der Bundesrepublik" (Guido Westerwelle), das mit dem ersten Teil der Hobbit-Trilogie nach J. R. R. Tolkien bald wieder - diesmal filmisch - ein Thema sein wird. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 15.10.2012)
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