Pensionssystem neu: Stirb langsam?

Kommentar der anderen14. Oktober 2012, 18:12
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Vom Unwert statistischer Durschnittswerte für die Berechnung der Lebensarbeitszeit

Dem wichtigen Kommentar von Richard Schuberth ("Wie die Statistik 'unser' Leben verlängert") möchte ich ein paar Ergänzungen hinzufügen. Sie sollen zeigen, wie haltlos die übliche Argumentation ist, die Verlängerung der Lebensarbeitszeit bzw. das Anheben des Pensionsantrittsalters mit dem Anwachsen der durchschnittlichen Lebenserwartung zu begründen.

Tatsächlich werden in vereinfachenden Publikationen gerne "Durchschnittswerte" angegeben. Diese geben aber keine Auskunft über die tatsächliche Verteilung der Sterberisiken unterschiedlicher sozialer Schichten. Es ist klar, wenn die Lebenserwartung der wohlhabenden 25 Prozent der Bevölkerung in einem definierten Zeitraum um vier Jahre steigt und zugleich die Lebenserwartung der restlichen 75 Prozent im Schnitt um ein Jahr sinkt, dann steigt die "durchschnittliche Lebenserwartung" in besagtem Zeitraum immerhin noch um drei Monate. "Wir alle werden wieder um drei Monate älter" könnte die Schlagzeile lauten.

Dass das Einfordern genauerer Angaben für eine vernünftige politisch-soziale Analyse notwendig ist, kann die Tatsache belegen, dass etwa die Lebenserwartung innnerhalb Wiens zwischen den Bezirken Fünfhaus und Innere Stadt schon um 4,5 Jahre differiert. Es ist auch hinlänglich bekannt, dass Frühpensionisten ihr durchschnittliches Sterbedatum nicht erreichen. Polemiken über die Gründe dafür sind meistens ideologisch gefärbt und erreichen bestenfalls das Niveau des klugen Rates, sich nicht in ein Bett zu legen, weil etwa 90 Prozent der Todesfälle sich im Bett ereignen.

Der Durchschnittswert gibt oft weniger Auskunft als der "Modus" oder der "Median". Dennoch wird gerne, und dadurch oft verfälschend, mit dem Durchschnitt (arithmetisches Mittel) argumentiert. Ein krasses Beispiel: Wenn neun Menschen je 1000 Euro Lohn erhalten, eine Person 10.000 Euro, so ergibt sich für diese fromme Personengruppe ein Durchschnittslohn von 1900 Euro. Klingt doch nicht so schlecht?

Der Medianwert, der in diesem Beispiel mit dem Modus zusammenfällt, gibt eine realistische Auskunft: 1000 Euro Lohn für die überwiegende Mehrheit der ausgewählten zehn Personen. Wenn man von durchschnittlichen Vermögen, Löhnen, Erbschaften und eben Lebenserwartungen hört, ist also Vorsicht geboten.

Im Übrigen ist auch der Begriff Lebenserwartung im Kontext der Diskussion um das Pensionsantrittsalter irreführend. Denn hier geht es nicht um den Anstieg der Lebenserwartung Neugeborener, sondern um den von 60-Jährigen. Ein Beispiel soll dies veranschaulichen:

Im Jahre 1870 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung eines Neugeborenen 32, im Jahre 2000 rund 76 Jahre. Die Lebenserwartung eines Neugeborenen stieg also in diesen 130 Jahren um 34 Jahre. (Schlagzeile: "Wir werden jährlich um mehr als drei Monate älter.") Die Lebenserwartung eines 60-Jährigen, also eines Menschen im Pensionsantrittsalter, stieg in diesen 130 Jahren dagegen nur um acht Jahre. Pensionisten wurden also jährlich nur um rund 20 Tage älter.

Schuberth hat daher völllig recht: Der allgemeine durchschnittliche Anstieg der Lebenserwartung darf für die Berechnung der Lebensarbeitszeit nicht herangezogen werden. (Georg Herrnstadt, DER STANDARD, 15.10.2012)

Georg Herrnstadt (64), Gründungsmitglied der Polit- Combo Schmetterlinge, Komponist, Regisseur und Organisationsberater in Wien.

  • John McLane (Bruce Willis) im Kampf gegen das durchschnittliche Rentenalter im Blaulichtmilieu. Näheres zum Nutzen seiner Lebensarbeitszeitverlängerung ("Die Hard 5") ab 2013 im Kino.
    foto: epa/soeren stache

    John McLane (Bruce Willis) im Kampf gegen das durchschnittliche Rentenalter im Blaulichtmilieu. Näheres zum Nutzen seiner Lebensarbeitszeitverlängerung ("Die Hard 5") ab 2013 im Kino.

  • Alt-"Schmetterling" Georg Herrnstadt: Vorsicht, Statistik!
    foto: standard/cremer

    Alt-"Schmetterling" Georg Herrnstadt: Vorsicht, Statistik!

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