Unfreiwillig geoutet: Wenn Privates auf Facebook öffentlich wird

Ein Leck in den Privatsphäre-Einstellungen stürzte zwei junge Homosexuelle in familiäre Turbulenzen

Die 22-jährige Bobbi Duncan, Studentin an der University of Texas, wurde auf Facebook unfreiwillig vor ihrem Vater geoutet. Der Präsident des "Queer Chorus", dem sie kurz davor beigetreten war, hatte sie zu den rund 200 anderen Mitgliedern der Gruppe des Chors hinzugefügt.

Einladung mit Folgen

Diese Einladung blieb auch Duncans Vater nicht verborgen, vor welchem sie ihre sexuelle Orientierung aus Angst vor innerfamiliären Turbulenzen verheimlicht hatte. Am Telefon forderte dieser von seiner Tochter, gleichgeschlechtlichen Beziehungen abzuschwören, oder er würde die Bande zwischen ihr und ihrer eigenen Familie kappen.

"Es war, als hätte mir jemand einen Baseballschläger in den Bauch gerammt", wird Duncan vom Wall Street Journal zitiert. Sie weinte sich in dieser Nacht auf dem Sofa eines Freundes aus. Kein Einzelschicksal. Unter den Eingeladenen befand sich auch Taylor McCormick, der ähnliches erlebte. Beide waren Opfer eines Privatsphären-Lecks des sozialen Netzwerks geworden.

Selbstgeschaffenes Privacy-Leck

Obwohl ihre Profile durch entsprechend rigide Einstellungen eigentlich geschützt hätten sein sollen, gelangte diese sensible Information nach Außen. Ein von Facebook selbst geschaffenes Problem, das existiert, seitdem es möglich ist, Freunde ohne Zustimmung zu Gruppen hinzuzufügen.

Dass Facebook Freunde vom Gruppenbeitritt benachrichtigen würde, war vom Chorleiter, Christopher Adam Acosta, nicht bedacht worden. Er hatte, auch weil er stolz auf das Gesangsprojekt war, dafür eine offene Gruppe gegründet. Eine Auswahl, die offenbar persönliche Privacy-Settings aushebelt.

"Unser Mitgefühl gilt diesen jungen Menschen", so der Kommentar von Facebook-Sprecher Andrew Noyes. "Ihre leidvolle Erfahrung erinnert uns daran, dass wir weiter daran arbeiten müssen, unsere Privatsphäreeinstellungen zu verbessern und sie den Usern näher zu bringen."

"Soziologischer Wendepunkt"

Die Schicksale von Duncan und McCormick sind Hinweis auf ein größeres Problem. Netzwerke wie Facebook oder Google+ machen Geld, in dem sie Aktivitäten und Details aus den Leben ihrer Nutzer erfassen, speichern und für Werbung einsetzen. Je reger der Austausch, desto besser.

Als "soziologischen Wendepunkt" und weniger als technologisches Problem sieht WSJ-Redakteur Geoffrey A. Fowler die Ära von Facebook und Co. Es ist möglich, private Angelegenheiten breit zu diskutieren, im Gegensatz dazu wird es immer schwerer, Arbeit, Familie, Freunde oder das eigene Sexualleben sauber voneinander zu trennen.

Eine Identität für jeden

Dass diese Trennung im Interesse von Facebook ist, darf bezweifelt werden. So gab Unternehmensgründer Mark Zuckerberg in einem Interview für ein Buch 2010 zu Protokoll, dass "die Tage, an denen man für Arbeitskollegen oder andere Leute ein unterschiedliches Image hat, zu Ende gehen" und Facebook-User "eine Identität" haben werden.

Dazu ist für zahlreiche Menschen auch die fehlende Anonymität ein Problem. Facebook argumentiert den Klarnamenzwang mit Sicherheitsgründen. In der Praxis sind "echte" Profile auf dem Werbemarkt wesentlich mehr wert. Zahlreiche Accounts hat die Plattform bereits wegen falscher Namen gesperrt, darunter auch jene von chinesischen und ägyptischen Dissidenten.

Falsche Sicherheit

Duncan und McCormick hatten die Plattform genutzt, um die engen Familienbande nach dem Auszug ins Campusleben weiter zu pflegen. Duncan, die ihrem Vater bei der Einrichtung seines eigenen Profils geholfen hatte, hatte sich nach ausführlicher Konfiguration der Privatsphäreeinstellungen ihres eigenen Kontos sicher davor gefühlt, dass ihr Vater auf diesem Wege etwas über ihre sexuelle Orientierung erfahren könnte.

"Die Hölle wartet auf euch, ihr Perverslinge"

Sie hatte nie eine öffentliche Schule besucht, sondern war zu Hause unterrichtet worden. Ihre Familie besuchte Gottesdienste einer fundamentalistischen Kirchengemeinde. Ihr war klar, dass ihre Homosexualität nicht akzeptiert werden würde. Das unfreiwillige Coming-out stürzte sie für Wochen in eine Depression.

Neben den telefonischen Drohungen schrieb ihr Vater auf seinem eigenen Profil wenige Tage später "An alle Homos: Geht zurück in eure Löcher und wartet auf Gott. Die Hölle wartet auf euch, ihr Perverslinge. Viel Glück beim Singen dort."

Kein Kontakt für drei Wochen

McCormick hatte das Coming-out gegenüber seiner Mutter bereits hinter sich. Doch seinem Vater wollte er dieses Geheimnis nicht anvertrauen, war dieser doch Mitglied einer konservativen Religionsgemeinschaft, die gleichgeschlechtliche Beziehungen zur Sünde erhob. Auch hatte er diesen Aspekt seines Lebens, wie er meinte, auf Facebook gut vor jenen versteckt, die davon nichts wissen sollten. Sein Vater brach den Kontakt zu seinem Sohn nach dem Vorfall für drei Wochen ab.

Kanadierin verlor Versicherung wegen Partyfotos

Die texanischen Studenten sind nicht die ersten, denen ein zu laxer Umgang mit den eigenen Daten zum Verhängnis wurde. 2009 verlor die Kanadierin Nathalie Blanchard ihre depressionsbedingte Behinderten-Versicherung. Sie hatte Fotos von sich gepostet, auf welchen sie am Strand und in einem Nightclub ausgelassen mit exotischen Tänzern feierte. Ihr Versicherer, Manulife Financial, sah die Bilder, heuerte einen privaten Ermittler an und forderte von einem Arzt eine Evaluierung ihrer Diagnose.

Blanchard, die nicht wusste, dass die Bilder öffentlich sichtbar waren, zog vor Gericht, um ihre Ansprüche wieder geltend zu machen. Die Angelegenheit wurde schließlich außergerichtlich beigelegt. Von Manulife Financial hieß es auf Anfrage der WSJ lediglich, dass man Ansprüche nicht alleine aufgrund von Informationen aus Social Networks ablehnen würde.

Datenschützer laufen weiter Sturm

Facebook, mit rund einer Milliarde Mitgliedern das mit Abstand größte Social Network der Welt, ist schon länger unter Beschuss durch Datenschützer. Kritiker der American Civil Liberties Union attestieren etwa, dass die Seite im Laufe der Zeit die Standard-Einstellungen in Sachen Privatsphäre immer mehr gelockert hätte, sodass die eigenen Geschäftspartner, aber auch die Öffentlichkeit, Zugriff auf mehr Daten bekamen.

"User wissen oft nicht, in welchem Ausmaß ihre Informationen eingesehen werden können", meint etwa Chris Conley, Anwalt mit Schwerpunkt auf Technologie und Bürgerrechten der ACLU. Bei Facebook stellte man im August 2011 neue Privatsphäreeinstellungen vor und beteuerte dabei, dass man es damit erleichtern wolle, Inhalte gezielt zu teilen, um böse Überraschungen zu vermeiden.

Dem gegenüber stehen jedoch offenkundige Probleme. So kann man als Nutzer von Facebook zwar Markierungen der eigenen Person auf Fotos ablehnen und auch nachträglich entfernen, die Bilder selbst kann man jedoch nur an die Plattform melden.

User werden vorsichtiger

Laut einer Studie von Pew Research gehen die Menschen zwar mittlerweile bewusster mit ihren Profilen um und löschen auch zunehmend unangenehme Kommentare, rund die Hälfte der Befragten hatte aber Schwierigkeiten mit dem Management der Privatsphäre-Einstellungen.

In einer Reihe von Experimenten fand Alessandro Acquisti zudem heraus, dass eine Vermehrung solcher Einstellungen eine Überhöhung des Sicherheitsgefühls der User nach sich zieht, was wiederum dazu führt, dass wesentlich mehr Inhalte und Informationen geteilt werden.

Immerhin, laut Allison Palmer, Vizepräsidentin der "Gay & Lesbian Alliance Against Defamation" scheint man es mit dem Schutz der Privatsphäre bei Facebook trotz allem Ernst zu meinen. Nach ihrer Angabe arbeitet das Netzwerk mit der Organisation zusammen, um gezielt schwule und lesbische Nutzer bei der Verwaltung ihres Accounts mit Informationen zu unterstützen.

Chance und Risiko

Für Homosexuelle sind soziale Medien "gleichermaßen Chance und Risiko", meint C. J. Pascoe, Soziologe aus Colorado. "In der physischen Welt kann man sein Publikum kontrollieren. Online muss man dafür gewappnet sein, dass es sich jeden Moment verselbständigen kann." Facebook wird von vielen auch für ein öffentliches Coming-out genutzt und dient als Plattform, um Gemeinschaft zu finden.

Chor-Gruppe ist mittlerweile "geheim"

Für Duncan und McCormick sind die innerfamiliären Krisen mittlerweile ausgestanden. McCormick hat ein Gespräch mit seinen Eltern hinter sich und geht nun selbstbewusster mit seiner sexuellen Orientierung um. Duncan hat nach mehreren Annäherungsversuchen nun aufgehört, auf Anrufe ihres Vaters zu antworten. "Ich glaube nicht, dass er ein böser Mensch ist. Er ist nur unglaublich verblendet", meint die Studentin, die mittlerweile ihre erste Freundin hat.

Trotzdem würde sie niemandem wünschen, die gleiche Erfahrung zu machen wie sie und für welche sie nach wie vor Facebook verantwortlich macht. "Es sollte nicht in der Hand jemandes anderen liegen, was von mir preisgegeben wird", meint sie. Die Facebook-Gruppe des Chors wurde nach den Vorfällen auf "geheim" umgestellt. Die Mitglieder vereinbarten Datenschutz-Guidelines untereinander. (red, derStandard.at, 14.10.2012)

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