Fragmente einer Liebesbeziehung und große Szenen

Daniel Ender
12. Oktober 2012, 22:44

Liederabend mit Angelika Kirchschlager und Ian Bostridge

Wien - Fast konnte man glauben, sie hätten wirklich etwas miteinander: Zwar gibt es in Hugo Wolfs Spanischem Liederbuch kein einziges Duett, und so wechselten sich Angelika Kirchschlager und Ian Bostridge auch am Donnerstag im Konzerthaus mit den einzelnen Liedern ab, dabei stellten sie allerdings - bei einer eigenen Auswahl und Reihenfolge des Teils mit den "weltlichen Liedern" - durch Blicke, Gesten und auch beiläufige Berührungen Bezüge her, die zwischen den Nummern fast so etwas wie verstreute Fragmente einer Liebesbeziehung erahnbar machen konnten.

Zunächst jedoch ließen die beiden aus dem "geistlichen" Teil alle Innigkeit und Verzweiflung sprechen, luden aber auch die sinnlichen Bilder darin beinahe erotisch auf, wie sie umgekehrt die körperhafte Bodenständigkeit der umfangreicheren zweiten Gruppe auf existenzielle Abgründigkeit abklopften - und sich dabei anscheinend gegenseitig immer mehr übertrumpfen wollten.

Theatralische Fantasien

Kirchschlagers Stimme ist unverkennbar ein wenig schwerer und herber geworden und musste an diesem Abend zunächst noch warm werden; Bostridge stieß zuweilen an die Grenzen des Tonumfangs und der Kraft. Aber beide boten eine intensive Gestaltung großer Szenen, die eben auch vom theatralischen Aspekt lebten.

Jederzeit geerdet wurde das Ganze vom Pianisten Julius Drake, der es verstand, sich trotz absoluter Präsenz nie in den Vordergrund zu spielen, sondern stets atmend mitzugestalten. Dennoch sorgte er für etliche markante Akzentuierungen und für eine fast orchestrale Klangfülle.

Berauschend legte er auch seinen Part bei der Zugabe an, wo Bostridge und Kirchschlager sich endlich noch ein echtes Duett gönnten: Liebhabers Ständchen von Robert Schumann wurde mit stürmischer Dringlichkeit auf die Spitze getrieben, als ginge es bei jenem Mädchen, das dem Jüngling ihr "Nein" ins Gesicht schmettert, zumindest in der Fantasie gleichzeitig zur Sache. Aber hallo!   (Daniel Ender, DER STANDARD, 13./14.10.2012)

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