Canalettos Parade in London

Olga Kronsteiner
12. Oktober 2012, 21:19
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  • Blick auf The New Horse Guards, den legendären Paradeplatz Londons, vom St. 
James's Park aus gesehen. Ein durch und durch britisches Motiv, das Canaletto in 
seinen Londoner Jahren auf Holz malte.
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    Blick auf The New Horse Guards, den legendären Paradeplatz Londons, vom St. James's Park aus gesehen. Ein durch und durch britisches Motiv, das Canaletto in seinen Londoner Jahren auf Holz malte.

  • Ein herrlich alltägliches Detail daraus: Teppichklopfen an der Rückseite der 
Ten-Downing-Street, damals schon Wohnsitz des 
Premiers.
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    foto: dorotheum

    Ein herrlich alltägliches Detail daraus: Teppichklopfen an der Rückseite der Ten-Downing-Street, damals schon Wohnsitz des Premiers.

Hat der Venezianer Il Canaletto das Zeug, den Flamen Frans Francken II vom Thron zu stupsen? Die Entscheidung darüber trifft der internationale Markt kommende Woche

Steht der gekühlte Champagner schon bereit und dem heimischen Kunstmarkt eine Sensation bevor? Einiges spricht dafür, aber der Reihe nach. Mitten im Sommer hatte das Dorotheum das Sensationskätzlein aus dem Sack gelassen, wonach am 17. Oktober ein Werk Antonio Canals zur Versteigerung gelange, das mit einem Schätzwert von zwei bis drei Millionen Euro zu Recht als Star bezeichnet werden könne.

Sogar anlässlich der Viennafair, wo sich das Dorotheum erstmals mitten im Zentrum des Primärmarktes präsentierte, brachte man diese Diva ins Spiel. Zumindest ab und an konnten Besucher einen Blick auf das Gemälde erhaschen, denn zwischendurch blieb die in noblem Grau gehaltene Kojenwand leer. Wegen einer eigens angereisten Gruppe an Interessenten, die sich im Palais Dorotheum zum Canaletto-Privatissimum eingefunden hatte, war zu erfahren.

Teppichklopfer des Premiers

Seit Wochen wird für Il Canaletto also emsig die Werbetrommel gerührt, im Dunstkreis der finanzkräftigen internationalen Klientel sowieso und in jenem der britischen ganz speziell. Nicht, weil Engländer an Arbeiten des Venezianers per se einen Narren gefressen haben, sondern des Motivs wegen: eines Blicks auf New Horse Guards vom Saint James's Park, gemalt zwischen November 1752 und November 1753, wie Recherchen der Experten ergaben.

Ein wichtiges Dokument der Baugeschichte Londons jedenfalls, zumal darauf auch die Rückseite von Downing Street Nummer 10 verewigt wurde. Jenem Gebäude, das Winston Churchill später als "der damaligen Profitgier entsprechend liederlich gebaut" bezeichnen sollte: rechts im Bild, wo gerade der (Perser-)Teppich des anno dazumal amtierenden Premierministers ausgeklopft wird.

Bereits 1746 war Canaletto - nicht zu verwechseln mit seinem Neffen Bernardo Bellotto, der den gleichen Beinamen Canaletto annahm - nach London übersiedelt. Deshalb, weil seine wichtigsten Mäzene und Auftraggeber in England beheimatet waren, jedoch das europäische Festland aufgrund des Österreichischen Erbfolgekrieges zunehmend mieden.

Ende Mai des Jahres, berichtete ein zeitgenössischer Chronist, sei der berühmte Ansichtenmaler aus Venedig eingetroffen. "Die Vielzahl seiner Werke, die er im Ausland für englische Adelige und Herrschaften geschaffen hat", habe ihm "einen ausgezeichneten Ruf eingetragen und er wird wegen seiner großen Leistung und Könnerschaft überaus geschätzt. Zweifellos werden die Ansichten und Werke, die er hier noch schaffen wird, dasselbe Wohlgefallen erregen."

Canaletto in London

Bis 1755 entstanden etwa 40 Gemälde, von denen die meisten bis heute in jenen adeligen Sammlungen verwahrt werden, für die sie ursprünglich in Auftrag gegeben wurden. Andere befinden sich in der Londoner National Gallery oder auch in der Sammlung Queen Elizabeth II. Nicht aber The New Horse Guards. 1920 war es noch in der Sammlung eines gewissen Colonel Robin Buxton und blieb bis in die 1970er in dessen Familie. Wer es davor besaß, ist nicht bekannt, danach gelangte es in eine europäische Privatsammlung und war zuletzt in der Schweiz beheimatet.

Dem Vernehmen nach sollen die derzeitigen Eigentümer seit längerem einen Verkauf in Erwägung ziehen. Die Verhandlungen mit anderen Auktionshäusern seien letztlich jedoch gescheitert, da man sich von dem Werk nicht unter zwei Millionen Euro habe trennen wollte. Im Juli 1984 hatten die derzeitigen Besitzer das Werk bei Christie's (London) im Nachverkauf erworben. Um welchen Betrag ist nicht bekannt, der Schätzwert hatte sich damals auf 300.000 bis 500.000 Pfund belaufen. 600.000 bis 800.000 Pfund stellte man 2007 in Aussicht. Zu wenig. Und deutlich unter der aktuellen Taxe.

Keine Preisgarantie

Hat das Dorotheum also eine Garantie erteilt? Nein, lässt Experte Marc McDonell ausrichten, und seines Wissens nach hätten die Einbringer das Bild nie zuvor angeboten. Falls doch, hätten andere hier eine Chance verpasst? Möglich, denn im Vergleich zu den bislang für Top-Werke Canalettos notierten Preisen wirkt die Taxe von zwei bis drei Millionen Euro geradezu als Mezie. Ein Indiz für mangelndes Selbstbewusstsein oder für einen strategischen Schmäh, wer weiß. Die Finte mit der überaus günstigen Einschätzung bescherte dem Dorotheum schon mal einen Weltrekord: im April 2010, für Frans Franckens moderat auf 400.000 bis 500.000 Euro taxiertes Himmel-Hölle-Szenario. Das erlösende "zum Dritten" hatte der siegreiche Käufer, der Londoner Altmeisterhändler Johnny van Haeften, erst bei 6,1 Millionen Euro (Kaufpreis 7,02 Mio.) zu hören bekommen. Einerlei.

Edles Patinagrün

Nun fungiert Il Canaletto in der Schaustellung zur dritten Auktionswoche (16.-18. 10.) als veritabler Blickfang, an exakt jenem Platz, an dem schon der Francken um Aufmerksamkeit buhlte: Patinagrün (RAL 6000), nicht Zinnoberrot, lautete Philip Hohenlohes Farbempfehlung für den korrespondierenden Wandfond. Flankiert wird das Meisterwerk von einem Paar vergoldeter (Bronze-) Deckelvasen französischer Herkunft (6.000-9.000), darüber baumelt ein repräsentativer Luster aus dem Hause Lobmeyr (22.000-40.000), dessen zu Prismen, Lanzetten oder Sternchen geschliffene Kristallelemente jedweden Lichteinfall reflektieren.

Und so bekommt der Rest der Inszenierung auch eine Dosis Glanz ab: etwa eine büßende Magdalena (Guido Reni, 80.000-120.000) und der geschundene Marsyas (Giulio Carpioni, 80.000-120.000) linkerhand, oder ein Künstlerselbstporträt (Simon Vouet, 100.000-150.000) und das Bildnis der syrische Königin Berenice (Bernardo Strozzi, 100.000-150.000) rechterhand.

Der Star aber ist und bleibt Il Canaletto. Seit 1970, errechnete Art & Auction, hätten sich 400 Verkäufe mit etwas mehr als 248 Millionen Dollar zu Buche geschlagen, womit der Venezianer den ersten Platz in der Kategorie "Blue-Chip Old Masters" hält. Noch vor Brueghel (433, rd. 197 Mio. Dollar) oder Rubens (444, rd. 182 Mio. Dollar). Ein Blick in die Kunstpreisdatenbank zeigt weiters, dass sich unter den zehn höchsten Zuschlägen nur ein einziges Londonmotiv findet: The Old Horse Guards, ehemals in der Sammlung des Earl of Malmsbury, das 1992 via Christie's für stolze 9,2 Millionen Pfund netto (13,66 Mio. Euro) in die Sammlung Andrew Lloyd Webbers wechselte. Jenes entstand 1749 und misst 117 mal 236 cm gegenüber dem 58,5 mal 110 cm kleinen und (wie nur zwei weitere Canalettos überhaupt) auf Holz gemalten The New Horse Guards.

Angesichts der Maße mag es sich bei dem Dorotheums-Kandidaten, salopp formuliert, also um eine halbe Portion handeln. Gemessen am Potenzial, könnte Il Canaletto kommende Woche jedoch Frans Francken II rein theoretisch vom Thron stupsen: Als höchster jemals in der Geschichte des heimischen Kunstmarktes bei einer Auktion verzeichneter Besitzerwechsel womöglich.  (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 13./14.10.2012)

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