Ein fremdes Mädchen

  • Auch er war gebürtiger Waldviertler, auch er war ein Bauernkind. Irgendwie 
verband uns das.
 
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    Auch er war gebürtiger Waldviertler, auch er war ein Bauernkind. Irgendwie verband uns das.

     

  • Er war inzwischen verheiratet und lebte in der Nähe meines Heimatortes im 
Waldviertel.
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    Er war inzwischen verheiratet und lebte in der Nähe meines Heimatortes im Waldviertel.


  • Die letzte Eintragung war ein Gedicht: Reglos liegt er im Gras / die Sonne 
spiegelt sich in seinen Augen wider / ein Geier lässt sich auf ihm nieder / und 
zerbeißt genüsslich das Aas.
 
 
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    Die letzte Eintragung war ein Gedicht: Reglos liegt er im Gras / die Sonne spiegelt sich in seinen Augen wider / ein Geier lässt sich auf ihm nieder / und zerbeißt genüsslich das Aas.

     

     

  • Josef Haslinger, geb. 1955 in Zwettl. Studium der Philosophie, Theaterwissenschaft und Germanistik in Wien. 1976-92 
Mitherausgeber der Literaturzeitschrift "Wespennest". Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 
Zahlreiche Veröffentlichungen, Preise und Auszeichnungen.
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    Josef Haslinger, geb. 1955 in Zwettl. Studium der Philosophie, Theaterwissenschaft und Germanistik in Wien. 1976-92 Mitherausgeber der Literaturzeitschrift "Wespennest". Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Zahlreiche Veröffentlichungen, Preise und Auszeichnungen.

Ein vertrauter Dialekt in einer griechischen Taverne, ein Foto zum achten Geburtstag, das aus der Reihe fällt, zwei gebürtige Waldviertler und ein Totenmahl - Von Josef Haslinger

Für Elias

In der Taverne war ein vertrauter Dialekt zu hören. Walter sagte, horch, hinter dir. Petra wollte sich nicht umblicken, sie streckte nur den Kopf hoch. Hinter ihr saßen fünf Personen, ein älteres Paar, und, mit dem Rücken zu ihr, eine Frau, Mitte vierzig, mit zwei Kindern. Die Kinder zappelten und lutschten Eis. Auch die Frau wirkte fahrig. Sie hatte lange, zerzauste Haare und gestikulierte mit hochgeworfenen Armen. A niads hod sei Sacherl vor d' Tir ausseghängt, so wias da Lehra valaungt hod, nur da Tauni nid, der hod untam Tisch harumkrowodld.

Hörst du, sagte Walter, a niads, da Tauni, harumkrowodld.

Die Kinder, ein vielleicht fünfjähriges Mädchen und ein kaum älterer, rundlicher Bub, begannen zu streiten. Es ging um ihre Eislutscher, die sie offenbar getauscht hatten, nun wollte das Mädchen den ihren wieder zurückhaben. Es sagte zu dem Jungen: Du Oasch. Daraufhin unterbrach die Frau ihre Erzählung vom Toni und fuhr mit den Worten, bist söwa a Oasch, dazwischen.

Das Mädchen schien ihr das nicht übel zu nehmen. Es sagte, Mama, i mecht no a Eis, dea Oasch hod ma scho wieda ois weggfressn. Der Bub streckte seine grün gefärbte Zunge heraus und die Mutter sagte zur Tochter, a Fotzn kaunst haum. Das Mädchen nahm es hin wie eine höfliche Ablehnung und wandte sich nun an die ältere Frau: Oma, kafst ma du no a Eis? Doch auch mit der Großmutter war darüber nicht zu verhandeln. Petra gab ihre steife Sitzhaltung auf und ließ ihren Kopf wieder nach vorne sinken.

Schlecht sind die nicht, sagte sie.

Da können wir nicht mithalten, antwortete Walter.

Du gibst dir eben keine Mühe, sagte Petra.

Der Bub nannte das Mädchen nun Datteltussi. Was sagt er? fragte Walter. Der Bub machte ihm den Gefallen, noch ein paar mal Datteltussi, Datteltussi zu sagen, und das Mädchen antwortete Oasch, Oasch.

Das war der Großmutter zu viel. Ma muass sie jo direkt genieren, sagte sie. Und zu dem Mann, der neben ihr saß: Kumst eh boid? Aber der gab keine Antwort. Als die Kinder mit der Großmutter fortgegangen waren, sagte die Mutter: Oamoi pock mas no.

Weu di 's Gwissn druckt!

Hüft anid, antwortete der Mann. Sie bestellte ein Fläschchen Ouzo und Eiswürfel. Wozu red i, sagte der Mann. Es klang nicht wie eine Frage. Aber als der Kellner dann das Getränk gebracht und der Mann begonnen hatte, die Eiswürfel in die Gläser zu verteilen und Ouzo darüber zu gießen, war es, als hätte die Frau das doch als Frage verstanden, denn sie kam darauf zurück und betonte dabei jede Silbe: Weu di s'Gwissn druckt!

Der Mann schien sich davon nicht beirren zu lassen. Er schenkte die Gläser voll und murmelte etwas. Walter beugte sich zu Petra über den Tisch, um besser hören zu können. Es war unnötig, denn was jetzt kam, war wie eine Mitteilung an alle Gäste der Taverne. Die Frau schrie es geradezu heraus: A foischer Fufzger bist! Und er darauf, nun aber ebenfalls für alle gut verständlich: Dös sogst imma, waunst bsoffen bist. Foischer Fufzger is scho a Kosenaume fia mi.

Du woast genau, warum du a foischer Fufzger bist, antwortete sie in die entstandene Stille hinein. Und fügte als Nachsatz hinzu: Do brauch ma nid weidaredn.

Das schien allen Gästen, die es verstehen konnten, ein guter Vorschlag zu sein, und auch der Mann schien sich an diese Weisung zu halten. Das Theater war zu Ende. Walter zahlte und machte sich mit Petra auf den Weg.

Vor seinem Zimmer bekam er einen Kuss auf den Mund gedrückt. Petra ging ein paar Häuser weiter zu ihrem Hotel. Walter setzte sich mit einer Flasche Rotwein auf den Balkon, schaute und hörte sich langsam in die Nacht hinein. Es gab viele Sterne, aber auf den Mond wartete er seit Tagen vergebens. Eine Frau mit Rucksack kam einmal von links, einmal von rechts. Sie durchquerte das Dorf mit schnellen, steifen Schritten, von einem Ende zum anderen und wieder zurück. Es gab nur diese Straße. Hinten waren die Felsen, vorne das Meer. Ein ums andere Mal marschierte sie, ohne nach links oder rechts zu schauen, an Walters Balkon vorbei. Er stellte sich vor, dass im Theater alle zehn, fünfzehn Minuten eine Frau über die Bühne geht, einmal von links, einmal von rechts, ohne dass sich je klärt, wer diese Frau ist. Vielleicht wäre das ein Tipp für Petra. Gewiss saß sie jetzt auf ihrem Balkon und rauchte. Sie konnten wieder einmal nicht zusammen wohnen. Ich muss meine Fantasie aufladen, hatte sie gesagt.

Durch Einsamkeit?

Ja, hatte sie geantwortet. Es geht nur so.

Die Hotelgäste hatten sich mittlerweile von den Balkonen in die Zimmer zurückgezogen. An den Außenwänden surrten die Klimaanlagen. Die letzten Gäste verließen die Tavernen, die Frau mit dem Rucksack ging rastlos auf und ab, hin und wieder fuhren Autos vorbei, Mopeds heulten den Berg hinauf. Dazwischen das auf- und abschwellende Meeresrauschen und das Kieselklirren beim Zurückfließen der Wellen. Eine Gruppe von Wienern ging vorbei, Mama, waun mochst ma denn wieda Palatschinken? Palatschinken gibts erst wieda daham. Dann die Worte, der Anna ihr Vadda, war das Fränkisch? Walter horchte den beiden nach und versuchte noch etwas aufzuschnappen, aber da waren schon die Engländerinnen mit ihren hoch hinauf singenden Stimmen vor dem Balkon, dann Holländer. Und Steirer. Oder Oberösterreicher? Nein, doch Steirer. Und dann kam der Mann mit der Kindesmutter. Die Haare hingen ihr ins Gesicht. Sie war schon auf dem Zufahrtsstreifen zum Hotel, da nahm er sie um die Taille und zog sie hinunter zum Strand. Die beiden verließen den beleuchteten Bereich der Straßenlaternen, waren noch eine Weile über den Kiesel wandernde Schatten und verschwanden dann hinter den Tamarisken der Strandpromenade.

Eine Torte mit acht Kerzen

Wir waren gerade vom Feld gekommen. Meine Mutter war schon vor uns ins Dorf zurückgekehrt. Sie hatte das Waschstockerl in die Stube getragen und ein weißes Häkeltuch darüber gelegt. Darauf stand eine Torte mit acht Christbaumkerzen. Sie waren kreisförmig in die Schokoladeglasur hineingedrückt. Die Torte war vor dem hohen Frisierspiegel platziert, weil man mich dann doppelt sehen konnte, von vorne und von hinten. Mitten unter der Woche musste ich mich umziehen. Einmal im Jahr. Die Fotos unterscheiden sich durch die wechselnden Größen der Kinder und die unterschiedliche Anzahl von Kerzen. Der Hintergrund ist immer gleich, die Psich meiner Mutter. Ein Foto fällt aus der Reihe. Man sieht darauf nicht nur mich und meine Geschwister, sondern auch noch ein fremdes Mädchen.

Der Fotoapparat hatte im oberen Teil eine Art Heiligenschein, in dessen Mitte mein Vater ein Lämpchen hineindrückte, als es an der Tür klopfte. Es war nicht der helle Ton eines Fingerknöchels, mehr ein dumpfes Pochen, als wäre jemand mit der Schulter gegen die Tür gefallen. Gleich darauf wurde die Klinke gedrückt, die Tür ging auf, und wir Geschwister, die wir für das Foto aufgereiht vor der Psich standen, sahen, wie sich ein großer, geflochtener Weidenkorb, dessen Bodenkante auf der Türschnalle auflag, in den Raum hereindrehte. Dahinter ein Mann, der von seiner Fracht gleichsam nachgezogen wurde. Einen Arm hatte er um den Korb geschlungen, der andere war nur ein wippender Stummel, an dessen Ende der Hemdsärmel gefaltet und mit einer Sicherheitsnadel zur Schulter hochgesteckt war. Hinter dem Mann kam ein kleines Mädchen nachgeschlichen, halb so alt wie ich damals. Der Mann stellte seinen Korb mit einer schwungvollen Verbeugung auf den Stubentisch, wobei sein Armstummel wie ein Bahnschranken nach oben und wieder nach unten ging. Im Korb waren Eier. Der Mann hatte nichts dagegen, erst das Ende des Fotografierens abzuwarten und erst dann mit meiner Mutter die Eiergeschäfte zu erledigen. Er sagte, die Unsrige miass ma a wieda amoi fotografiern. Mein Vater antwortete, daun soi sa se dazuastön!

Meine Mutter bürstete ihr die struppigen Haare, und sie wurde zwischen mich und meinen älteren Bruder gestellt. Mein Vater ließ den Heiligenschein aufblitzen. Das Lämpchen in der Mitte war nun von milchigen Schlieren überzogen. Es musste noch ein wenig abkühlen, bis ich es haben konnte. Das Foto bekamen wir erst ein halbes Jahr später zu Gesicht, nach Weihnachten, als der Film ausgeknipst war.

Kean se leicht dazua?

Ich war noch nie in diesem Ort gewesen. Die Nordautobahn gab es damals noch nicht, und so fuhr ich auf der Landstraße über einen Fleckenteppich aus Licht und Schatten, bis der Laubwald von hügeligen Weingärten abgelöst wurde, die mit ihren schon gelb glänzenden Trauben bis zum Straßenrand reichten. In der Nähe der Kirche war kein Parkplatz mehr zu finden. Ein schmaler Weg führte mich zur Hauptstraße zurück, wo ich vor einem Gasthaus anhielt. Ich war zu spät dran und beeilte mich zur Kirche zu kommen. Sie schien überfüllt zu sein, denn die Trauergäste standen bis vor den Eingang. Ich stellte mich dazu, konnte aber weder sehen noch hören, was drinnen geschah. Und so ging ich zurück zum Gasthaus. Zwei Frauen waren damit beschäftigt, Tische zusammenzustellen und Besteck aufzulegen. Der Wirt sagte, ein Bier könne ich haben, aber für Essen sei jetzt keine Zeit, er erwarte eine größere Gesellschaft.

Das Totenmahl? fragte ich.

Kean se leicht dazua?

Ich nickte und setzte mich an den Tisch neben dem Eingang. Während der Wirt das Bier zapfte, studierte ich die an den Garderobehaken hängenden Plakate, die zu Feuerwehrfesten und zu ei-nem Rotkreuzfest einluden. Auf gleich drei Plakaten waren dieselben Musiker abgebildet, in grünen Joppen, mit einer auftoupierten blonden Sängerin in ihrer Mitte.

Ma hods jo kuman gsegn, sagte der Wirt, als er mir das Bier hinstellte. Mia tuan nua de Ötan lad. Und die Kinder, antwortete ich. Jo, de Kinda, de san de Ärmsten, sagte der Wirt und ging zu den Frauen hinüber, um ihnen beim Zusammenrücken der Tische zu helfen.

Nicht ganz drei Monate früher hatte mir Robert eine E-Mail geschickt. Ob ich mir seine Texte anschauen könne. Er sei im Gehöft und habe zu schreiben begonnen. Aber wer war Robert? Und was war das Gehöft? Er hatte keinen Familiennamen angegeben und keine Adresse. Was das Gehöft war, ließ sich herausfinden. Es war eine therapeutische Wohngemeinschaft für Suchtkranke in Niederösterreich. Als ich das las, kam mir auch in den Sinn, wer Robert sein könnte. Wir hatten gemeinsam studiert. Er war nicht häufig in die Seminare gekommen und meist mit rot umrandeten Pupillen. Irgendwann war er ganz fortgeblieben und ich verlor den Kontakt zu ihm. Jahre später traf ich ihn wieder. Er war inzwischen verheiratet und lebte in der Nähe meines Heimatortes im Waldviertel. Er lud mich ein, ihn zu besuchen.

Es roch nach Marihuana

Von der Straße aus gesehen sah das Haus so aus, wie ich es von Kindheit auf kannte. Es war klein und hatte ein steiles Dach. Die Fassade und die Rahmen der kleinen Doppelfenster waren frisch gestrichen worden. Zur Gartenseite hin war das Haus mittlerweile ausgebaut und um einen Wintergarten erweitert worden. Dort traf ich Robert vor dem Computer an. Es roch nach Marihuana.

Als seine Frau die Treppen herabkam, wollte Robert sie mir vorstellen, aber das war nicht nötig, ich kannte Anna von früher. Als Jugendliche waren wir uns manchmal in den Teichhäusern, einer Disko in der Nähe von Zwettl, begegnet.

Auf einem Bildschirm, vor dem, zwischen Rauchutensilien und Papers, eine Schale mit Gras stand, war das Halten und Anfahren von Autos vor einer Straßenkreuzung zu sehen.

Was ist das? fragte ich.

Es war die richtige Frage, Robert hatte geradezu darauf gewartet. Schau genau hin, sagte er, Schwedenplatz, Rotenturmstraße, Franz-Josefs-Kai. Die Kamera habe ich gestern Nacht gehackt. Voll Stolz blickte er auf sein Werk und rauchte sich dabei ein neues Öfchen an. Und die haben bis jetzt nicht bemerkt, dass ich da mit drinhäng, fügte er kichernd hinzu. Er hatte eine diebische Freude daran.

Anna kam sich verabschieden. Sie musste nach Zwettl fahren, um für die Niederösterreichischen Nachrichten eine Brunneneinweihung zu fotografieren. Anschließend sollte sie den Bürgermeister nach Gschwendt begleiten und ihn dabei abbilden, wie er einem alten Paar zur eisernen Hochzeit gratulierte.

I woass ned, wia laung des dauert, sagte sie. Es kimt drauf au, wia vüs in Buagamoasta zan saufa gebn.

Als sie weg war, erzählte mir Robert, dass er langsam als Website-Designer ins Geschäft komme, aber meistens scheitere es daran, dass er andere Vorstellungen habe als seine Kunden. Während er erzählte und dabei begeistert den Verkehrsfluss am Schwedenplatz beobachtete, rauchte er ununterbrochen, reichte das Öfchen an mich weiter und zündete sich ein neues an. Der Eiermann, wie wir Annas Vater immer genannt hatten, war früh gestorben und die Mutter war mittlerweile im Pflegeheim. Sie hatte einen Gehirnschlag erlitten und erkannte nun die eigene Tochter nicht mehr. Resi, i hoi di midn Traktor o, sang Robert, Resi, i hoi di midn Traktor o. So habe seine Schwiegermutter beim letzten Besuch vor sich hin gesungen. Die ganze Zeit über nur, Resi i hoi di midn Traktor o. Er redete und redete, aber ich konnte bald nicht mehr zuhören, mein Kreislauf versagte. Ich musste mich auf die Wohnzimmercouch legen. Als Anna zurückkam, lag ich immer noch dort. Sie bot mir eine Hühnersuppe an, die ich, halb sitzend, halb liegend, auslöffelte. Dann ging es mir besser. Ich konnte mich wieder erheben und fuhr benommen nach Wien zurück. Ein paar Mal blieb ich am Straßenrand stehen, stieg aus und atmete tief durch.

Beim Gras war es nicht geblieben. Robert tauschte in Wien seine Ernte gegen härtere Drogen. Das sprach sich herum, er wurde zweimal verhaftet. Das Gericht schickte ihn auf Entzug, aber er wurde zweimal rückfällig. Bis ihm Anna ein Ultimatum stellte und ihn dann rauswarf. Da war gerade die Tochter zur Welt gekommen.

Nun war er also im Gehöft, wahrscheinlich nicht zum ersten Mal. Ich überflog die Gedichte, die an die E-Mail angehängt waren und schrieb zurück, dass sie mir gefallen, dass ich aber eher Songtexte darin sehe als literarisch ernst zu nehmende Lyrik. In einem Text hieß es, ich war zu verliebt, um zu realisieren, dass du gehst, und ich mäkelte an dem Wort realisieren herum. Eine Woche später bedankte er sich. Ich hätte die Texte richtig verstanden. Sie seien tatsächlich als Liedtexte gedacht. Er habe begonnen, Gitarre zu spielen.

Dann hatte ich drei Monate lang nichts mehr von ihm gehört, bis die Todesanzeige kam. Als Absender waren seine Eltern angegeben. Ich kannte sie nicht. Sie mussten meine Adresse wohl von Anna bekommen haben.

Die Seelenmesse war noch im Gange. Die Menschengruppe vor dem Kirchentor war größer geworden, auch Walter war nun darunter, ein Schauspieler, zu dem sich immer wieder Leute umdrehten, weil sie ihn erkannten. Er hatte in einer Krimiserie den Kommissar gespielt. Wir waren gemeinsam im Klosterinternat gewesen. Auch er war gebürtiger Waldviertler, auch er war ein Bauernkind. Irgendwie verband uns das. Ich stellte mich neben ihn. Als er mich bemerkte, nickte er mir zu und sagte: Gehen wir eine rauchen.

Wir verließen den Kirchenplatz und machten uns auf den Weg zum Friedhof. Du hast Robert gekannt? fragte ich.

Ich habe ihn nicht gekannt, sagte Walter. Aber im Sommer habe ich Anna kennengelernt. In Griechenland. Sie hat mich gebeten, zum Begräbnis zu kommen, damit sie nicht allein Roberts Verwandtschaft ausgeliefert ist. Warum ausgeliefert? Die hat sich ja nicht einmal scheiden lassen können, weil der Schwiegervater das Geld für den Umbau des Hauses zurückverlangt hätte. Walter erzählte mir, wie er sie in Griechenland beobachtet und am nächsten Tag angesprochen hat.

Als der Trauerzug kam, dämpften wir unsere Zigaretten aus und traten vom Friedhofstor zurück. Vorneweg ging der Pfarrer mit zwei Ministranten, die das Weihrauchfass und den Weihwasserkessel trugen. Der Sarg ruhte auf den Schultern von sechs Männern. Dahinter ging Anna mit den beiden Kindern. Sie blickte nicht links und nicht rechts, sie starrte nur auf den Sarg vor ihr. Die Kinder hingegen schauten sich um, als wäre ihnen langweilig. Sie hatten ihren Vater jahrelang nicht gesehen. Dahinter kamen die Schwiegereltern. Der Schwiegervater hielt einen schwarzen Hut vor seinen Bauch, mit dem er den Buben anstupste, wenn der ihm zu langsam ging. Walter und ich folgten dem Trauerzug bergan bis zum Familiengrab von Annas Schwiegereltern.

Der Pfarrer hatte nichts zu vermelden. Den du zu jung zu dir genommen hast, sagte er im Gebet. Und: Dein unermesslicher Ratschluss. Ratschluss, dachte ich, dieses Wort gibt es doch gar nicht mehr. In deine Herrlichkeit eingegangen, sagte er am Schluss, und ich dachte mir, dieser Wunsch ist Robert vielleicht gar nicht so fern gewesen.

Im Gasthaus saßen wir am Tisch mit Anna und ihren Kindern. Sie freute sich, dass wir gekommen waren. Dass zu Walter von allen Seiten die Menschen herüberblickten, schien sie auch mit Stolz zu erfüllen. De frogn mi ole, va wo i di kenn. Der Schwiegervater saß mit der Verwandtschaft an einer langen Tafel und blickte immer wieder herüber.

Später, als wir schon das zweite Glas Wein getrunken hatten, meinte Anna: I glaub, dea Robert hot des so woin. Wie kommst du darauf? fragte ich.

Sie kramte in ihrer Handtasche und zeigte uns Roberts zerfleddertes Notizbuch. Die letzte Eintragung war ein Gedicht: Reglos liegt er im Gras / die Sonne spiegelt sich in seinen Augen wider / ein Geier lässt sich auf ihm nieder / und zerbeißt genüsslich das Aas.

Als ich das Gedicht gelesen hatte und an Walter weiterreichte, sagte sie noch einmal: I glaub, dea hot des so woin.

Zerbeißt genüsslich das Aas, dachte ich, wer kann das schon wollen. Ich schwieg eine Weile. Ich hab dir was mitgebracht, fiel mir plötzlich ein, und ich zog aus der Sakkotasche ein kleines Schwarzweißfoto mit gezacktem weißen Rand.

Wer is des? fragte sie.

Das bist Du an meinem achten Geburtstag. Sie blickte sich an, in knielangem Kleid und einer Weste darüber. Eine kleine verschreckte Maus zwischen den beiden fremden großen Buben.

(Josef Haslinger, Album, DER STANDARD, 13./14.10.2012)

Kurze Prosa
Große Autoren im STANDARD-ALBUM - eine Vorschau

Die Idee entstand vor rund einem Jahr, im Rahmen der Veranstaltung "Short Cuts, kurze Prosa" im Wiener Literaturhaus im November 2011. Zahlreiche Autoren bemängelten damals, dass immer weniger Zeitungen (nicht nur hierzulande) Platz für die Gattung der Kurzgeschichte schüfen und Schriftstellern daher eine wichtige Möglichkeit abhandenkomme, diese Art von Prosa zu publizieren.

Der STANDARD hat das zum Anlass genommen, um die Kurzgeschichte wieder ein wenig aufleben zu lassen. Im Lauf des nächsten Jahres werden wir im ALBUM in loser Folge Prosatexte namhafter Autoren publizieren. Mia Eidlhuber, die die Idee für das Projekt hatte und es betreut, hat sich schon der Mitarbeit von Clemens J. Setz, Kathrin Röggla, Clemens Meyer, Olga Grjasnowa, Doron Rabinovici, Margit Schreiner und Ilija Trojanow versichert. Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen. (win, Album, DER STANDARD, 13./14.10.2012)

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11 Postings

"...prosatexte namhafter autoren.."
es wäre sehr fein, auch unbekannte autoren die chance zu geben, ihre texte einem breiteren publikum präsentieren zu können. vielleicht ein standard-literatur-wettbewerb? oder gibt/gab es sowas schon?

Das der Link zur FIA da noch niemandem aufgefallen ist?!

Na ok!!

Wer traut sich eine Kurzgeschichte darüber zu schreiben wo Alkohol als Einstiegsdroge vorkommt??

Vielleicht noch irgendwas mit Auto, Stadt, Kind, Tot...

Würde den Nerv der Gesellschaft härter treffen.

Woaahh.. 3 Studien!

Die alles entscheidende Frage:

Wer kriegt das fremde Mädchen am Ende?

Was ist am publizieren von "prosatexten" ein "projekt"?

fade Textwurst, welcher angehende Maturant hat hier Platz im Standard für seine schwülstigen Ergüsse bekommen :-(

:-) " küss die Hand..habedehre der Herr...is alles net echt. Aber der Hass auf das Talent, und der Neid auf den Erfolg - die sind echt! Sehens, des is Österreich!"
War das ein Schnitzler? Ich find das Original leider nicht mehr.

Ich denk das war: "Der Weg ins Freie", Hörspielfassung

hui, jetzt is mir schwindlig

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