Ein Chronist der Apokalypse

  • Ein Wissenschafter, "der seine Betroffenheit nicht verleugnet, sondern 
bewusst den Standpunkt des Historikers annahm, der Teil der Geschichte 
ist, die er beschreibt": Saul Friedländer.
    foto: heribert corn

    Ein Wissenschafter, "der seine Betroffenheit nicht verleugnet, sondern bewusst den Standpunkt des Historikers annahm, der Teil der Geschichte ist, die er beschreibt": Saul Friedländer.

Am 11. Oktober hat Saul Friedländer seinen 80. Geburtstag gefeiert: Annäherung an einen der bedeutendsten Historiker des Nationalsozialismus

Fassungslos angesichts der extremen Schrecklichkeit des Geschehenen ist der 1932 in Prag geborene Saul Friedländer noch immer. Daran vermochte auch seine jahrzehntelange wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Holocaust nichts zu ändern. Mit seinem großen zweibändigen Werk Das Dritte Reich und die Juden legte er die erste umfassende Gesamtdarstellung der Tragödie des europäischen Judentums im 20. Jahrhundert vor. Einer Tragödie, von der auch er betroffen ist.

"Ich wurde zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt - vier Monate vor Hitlers Machtergreifung - in Prag geboren. Mein Vater war gebürtiger Prager, meine Mutter stammte aus den Sudeten ... Wir befolgten keine der orthodoxen jüdischen Lebensregeln, feierten keines der religiösen Feste ... Kurz, wir waren typische Vertreter des assimilierten jüdischen Bürgertums Mitteleuropas." So beschreibt Friedländer in seinen erstmals 1978 in Paris erschienenen autobiografischen Aufzeichnungen Wenn die Erinnerung kommt den Hintergrund seines Eintritts in eine Welt, die wenig später durch Hitler und den Nationalsozialismus für immer ausgelöscht werden sollte.

Dass der Zusammenbruch dieser Welt "ganz unerwartet" kam, überrascht den Historiker noch im Nachhinein. Selbst 1937 war von Emigration nicht die Rede: "Wir waren in keiner Weise beunruhigt." Der "Anbruch einer neuen Zeit" wurde ihm zum ersten Mal im Frühling 1938 bewusst. Von da an nahmen die Ereignisse einen raschen Verlauf: Ab Herbst 1938 wurden jüdische Kinder an öffentlichen Schulen nicht mehr zugelassen, "obgleich die Deutschen noch gar nicht da waren". Mit dem Münchner Abkommen rückte der Krieg immer näher. Die bürgerliche Welt mit ihren scheinbar festgefügten Werten stand kurz vor ihrem definitiven Untergang. Wie für so viele andere durch das Hereinbrechen der nationalsozialistischen Barbarei gefährdete Menschen, zumal Juden, begann auch für die Friedländers die Odyssee der Emigration, aus der es keine Rückkehr mehr geben sollte.

Nach Überwindung zahlreicher Hindernisse gelang der Familie in letzter Minute die Flucht nach Frankreich. Doch war die Sicherheit nur von kurzer Dauer. Im Rückblick auf diese Zeitspanne einer Existenz unter ständiger Bedrohung versetzt sich Friedländer in die Empfindungswelt seines Vaters. "Sein Glaube an eine völlige Assimilierung war falsch gewesen, seine Fehleinschätzung der Nazi-Gefahr total, sein Vertrauen auf Frankreich lächerlich", reflektiert er. "Was immer mein Vater auch tat, er wurde für das verfolgt, was er nicht hatte bleiben wollen: ein Jude. Was er werden wollte, nämlich ein Mensch wie jeder andere, war ihm ein für alle Mal versagt. Das Recht auf Leben sprach man ihm ab ..." 1942 wurden Friedländers Eltern bei einem Fluchtversuch in die Schweiz aufgegriffen und im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Friedländer über-lebte als Internatsschüler in Montluçon. Als damals gläubiger Katholik dachte er an eine Zukunft als Priester. Er liebte die tiefandächtige Stimmung der Frühmesse und berauschte sich am Glanz der Messgewänder und dem Duft des Weihrauchs. Mit dem Bekanntwerden des ganzen Ausmaßes der deutschen Verbrechen an den Juden entfernte er sich jedoch vom Katholizismus, um aus dem Zionismus die "große Sache" seines Lebens zu machen. Wenige Wochen nach Verkündung der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 brach er mit einer Gruppe junger Zionisten auf, um am Aufbau des jüdischen Staates mitzuarbeiten. Nach seiner katholischen Erfahrung aber begegnete er allen "Glaubensgewissheiten" mit Zurückhaltung. So konnte es nicht ausbleiben, dass er zugleich das Hintergründige vor dem Vordergründigen wahrnahm: "Ich spürte die Größe der täglichen Anstrengung und die Ausmaße des Erfolgs. Manchmal jedoch sah ich plötzlich den Schmutz der zerbröckelnden Fassaden, den beginnenden Zerfall gerade erst errichteter Bauten ..." Der kompromisslose Nationalismus und Militantismus der Neusiedler, ihr völliger Mangel an Verständnis für die arabische Position ernüchterten ihn.

Von 1950 bis 1953 studierte Friedländer an der School of Law and Economics in Tel Aviv. Zu diesem Zeitpunkt scheint er sich allerdings noch nicht auf seinen späteren Forschungsgegenstand, den Nationalsozialismus, festgelegt zu haben. Erst 1963 promovierte er an der Uni Genf mit einer Arbeit über den Zweiten Weltkrieg. Genf sollte auch für seine weitere wissenschaftliche Karriere von Bedeutung sein. Dort lehrte er am Institut für Internationale Studien zunächst als Assistenzprofessor und von 1967 bis 1987 als ordentlicher Professor. 1987 nahm er zudem den Ruf als Ordinarius für moderne europäische Geschichte an die Universität Tel Aviv an. Hinzu kamen weitere Verpflichtungen an zahlreichen internationalen Universitäten.

Hinter dem beeindruckenden akademischen Werdegang Friedländers steht ein Werk, das an Präzision der Darstellung und analytischer Tiefenschärfe zu den großen Ausnahmefällen in der Zeitgeschichtsschreibung gehört. Schon mit seiner 1964 erschienenen, 2011 wiederaufgelegten Studie Pius XII. und das Dritte Reich, für die er unveröffentlichte Dokumente aus dem Vatikan und dem Nachlass des Reichsaußenministeriums auswertete, errang Friedländer hohes Ansehen, löste aber auch kontroverse Reaktionen aus, obwohl er sich auf eine Quellenanalyse beschränkte. Eines abschließenden Urteils über das Schweigen der Kirche zum Massenmord an den Juden enthielt er sich.

Abgesehen von einigen wenigen Publikationen zur israelischen und arabisch-israelischen Problematik, beschäftigte sich Friedländer von da ab nahezu ausschließlich mit dem Nationalsozialismus und seinen Auswirkungen. Dabei stand für ihn die Frage im Vordergrund, wie ein so hochentwickeltes Volk wie die Deutschen einen Weg habe beschreiten können, der zu einem der größten Verbrechen der Weltgeschichte geführt habe - zur Vernichtung der europäischen Juden. Als 1998 der erste Band seines Werkes Das Dritte Reich und die Juden erschien, in dem er die Jahre der Verfolgung 1933 bis 1939 behandelt, wurde es sofort als ein epochales Unternehmen erkannt.

"Warum helft ihr uns nicht?"

Friedländer, der seine eigene Betroffenheit nicht verleugnete, sondern bewusst den Standpunkt des Historikers annahm, der Teil der Geschichte ist, die er beschreibt, gelang mit diesem Werk, für das er mehrere Preise erhielt, darunter der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der Bruno-Kreisky-Preis und der Pulitzer-Preis, die erste "integrierte Gesamtdarstellung", die Täteranalyse und Opferperspektive gleichermaßen umfasst. Durch seinen filmischen Aufbau mit abrupten Perspektivwechseln zwischen Opfern und Tätern, zwischen Synopsis und Einzelfall, zwischen Analyse sozialpolitischer Strukturen und individuellen Schicksalen, die die wissenschaftliche Distanz immer wieder durchbrechen, vermittelt es ein erschreckend überzeugendes Bild jener Vorgänge, die den Untergang des europäischen Judentums einleiteten.

Seinen Vortrag anlässlich der Vorstellung des ersten Bandes beendete Friedländer, indem er den Aufschrei der Susanne Stern auf dem Marktplatz von Wittlich nach dem Pogrom 1938 zitierte: "Warum helft ihr nicht, warum habt ihr uns das angetan?" Die Frage der fehlenden Solidarität, des ausbleibenden Widerstandes und der Mittäterschaft quer durch alle Länder und Bevölkerungsschichten steht zentral auch im zweiten Band, in dem Friedländer die Jahre der Vernichtung 1939 bis 1945 auf gesamteuropäischer Ebene behandelt. Davon, dass es im Nationalsozialismus eine "höchste Instanz" gegeben habe und alle anderen nur gedient hätten, um Karriere zu machen, könne keine Rede sein. Wenn man sich der mittleren Ebene von Tätern zuwende, "begegnet man verbissenen Nationalsozialisten".

Hinzu kamen jene vielen, die zuschauten. Angesichts der Ahnungslosigkeit seiner Eltern, die vom Geschehen buchstäblich überrollt wurden, zeigte sich Friedländer tief erschüttert, als er aus den Berichten des Sicherheitsdienstes, Briefen von Soldaten und anderen Quellen feststellen musste, dass die Menschen im Dritten Reich überall von den Vorgängen sprachen: "Die Menschen wussten viel früher und viel mehr, als ich zu ahnen gewagt hätte." Die breite Akzeptanz, die Hitlers mörderischer Plan nicht nur in Deutschland fand, war es, die aus dem Holocaust tatsächlich eine europäische Katastrophe werden ließ.

Zu seinem 80. Geburtstag verdichtete Friedländer seine lebenslange Lektüre Kafkas zu einem Buch. Ausgehend von den aus Kafkas Schriften und Tagebüchern hervortretenden homoerotischen Strebungen und quälenden sexuellen Fantasien, befragt er Kafkas Verhältnis zum Judentum. Er schlägt Brücken zwischen dem Leben und dem Werk und porträtiert Kafka als Dichter der Scham und der Schuld. (Adelbert Reif/DER STANDARD, 13./14. 10. 2012)


Alle erwähnten Werke von Saul Friedländer sind im Verlag C. H. Beck erschienen. Er spricht im Rahmen der Buchmesse Wien am 25.11. im Radiokulturhaus um 11h mit Michael Kerbler ("Zeitgenossen im Gespräch").

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