Wir haben den Nobelpreis noch nicht ganz verdient - Jean Monnet schon

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  • Jean Monet.
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    Jean Monet.

Schon 1953 erkannte der französische Diplomat und Karlspreis-Träger, woran Europa bis heute krankt

Die Meldung von der Verleihung des Nobelpreises an die Europäische Union hat mich heute Vormittag nicht in Brüssel, sondern in Mons überrascht; genauer gesagt im SHAPE, dem strengstens abgesicherten militärischen Hauptquartier der Nato nahe der belgisch-französischen Grenze, von wo aus die Einsätze in der Welt geplant und gesteuert werden.

Wahrlich ein besonderer bis bizarrer Ort ausgerechnet für eine solche Nachricht: „Das Norwegische Nobelkomitee wünscht den Blick auf das zu lenken, was es als wichtigste Errungenschaft der EU sieht: den erfolgreichen Kampf für Frieden und Versöhnung und für Demokratie sowie die Menschenrechte; die stabilisierende Rolle der EU bei der Verwandlung Europas von einem Kontinent der Kriege zu einem des Friedens."

Das ist wahr. Aber das sagt die Nato von sich selber auch so ähnlich. Sie sieht sich als Bewahrer der Freiheit, der Demokratie, des Rechtsstaates, der Sicherheit seiner Bürger - notfalls mit Waffengewalt und Drohung.

Als dann nach einer Schreckstunde im Netz die Reaktionen aus den EU-Institutionen, den Regierungszentralen und sonstigen Quellen über uns Europäer niederprasselten, wurde ich definitiv stutzig, ob die Verleihung ohne jeden kritischen Ton tatsächlich eine so gute Idee war.

Von Kommissionschef José Manuel Barroso über Ratspräsident Herman Van Rompuy und Kanzlern Werner Faymann und Angela Merkel bis hin zu EU-Parlamentariern wie Alexander Graf Lambsdorff oder Hannes Swoboda undundund ergoss sich ein einziger euphorischer Begeisterungsschwall: „wunderbare Entscheidung", „große Ehre", „zutiefst gerührt", „eine Auszeichnung für alle EU-Bürger", hieß es.

Und gar nicht wenige von denen, die bei Entscheidungen der Union sonst den nationalen Egoismus pflegen, mimten plötzlich selige Volleuropäer.

Auch die üblichen notorischen EU-Gegner reagierten mehr als erwartbar. Tschechiens Präsident Vaclav Klaus sagte, er habe die Nobelpreisverleihung zuerst „für einen Scherz gehalten". Die russische Agentur Interfax sprach: „Lächerlich!" Und der EU-Mandatar Andreas Mölzer beklagte sich - ausgerechnet - für seine FPÖ, das die EU sich „meilenweit vom Friedensprojekt entfernt" habe. Wie das ach so erfolgreiche, wirtschaftlich starke und soooo demokratische China reagierte wissen wir nicht.
„Wir sind Friedens-Nobelpreis!", titelte ausgerechnet die Bild-Zeitung, die seit zweieinhalb Jahren penetrant die angeblich „faulen Griechen" beschimpft und den Euro als Gemeinschaftswährung in Frage stellt. 

Spätestens da dachte erinnerte ich mich daran, dass ein anderes mächtiges deutsches D-Mark-Macho-Medium, Der Spiegel, den Euro seit 2010 schon mindestens viermal in einer Titelgeschichte hat sterben lassen.

Kann es sein, dass der Jubel über die Nobelpreisverleihung an die EU den klaren Blick vernebelt? Dass plötzlich Leute für sich Lob beanspruchen, die das gar nicht verdienen. Dass das Komitee in Norwegen möglicherweise selber einer Selbsttäuschung erliegt, weil es vor allem die Idee der Europäischen Union als Friedengemeinschaft auszeichnen wollte - und weniger die reale, aktuelle von heute mit all ihren Mängeln und mutlosen politischen Führern?

In solchen Momenten suche ich gerne die Quellen auf, lese in alten Dokumenten und gehe der Geschichte nach. In diesem Fall heißt das, an Jean Monnet zu denken und bei ihm nachzulesen. Dieser französische Diplomat, Geschäftsmann, Ex-Funktionär des gescheiterten Völkerbundes und Vordenker der deutsch-französischen Aussöhnung war es, der die Grundlagen der EU schuf. Er hat jenen Schuman-Plan entworfen, benannt nach dem damaligen französischen Außenminister, der ihn verkündete, der nach dem Krieg zur Gemeinschaft für Kohle und Stahl führte, aus der die heutige EU hervorging.

Wenn eine Person diesen Nobelpreis verdient hätte, dann Jean Monnet (er hat 1953 zumindest den Karlspreis von Aachen bekommen). Erstaunlich, dass sein Name in so vielen Freudebekundungen kaum vorkam.

Was Monnet bei seiner Dankesrede 1953 in Aachen sagte, verdient daher umso mehr heute (in alter Rechtschreibung) zitiert zu werden:

„Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Ergebnis der früheren Anstrengungen, die zur Errichtung der Nationalstaaten geführt haben, und der Gemeinschaft der Völker Europas, die das Ergebnis unserer Tätigkeit sein muß.
Die Nationalstaaten haben versucht, ihre Vorherrschaft um den Preis blutiger Kämpfe zu errichten, was die Völker an den Rand des Verderbens geführt hat.

Die Gemeinschaft, deren Aufbau wir begonnen haben, beseitigt in den Beziehungen zwischen den Völkern die Beherrschung des einen durch den anderen. Sie eint die Völker Europas und ihre produktiven Kräfte durch die Schaffung von gemeinsamen Organen und Vorschriften, welche die einzelstaatlichen Souveränitäten verschmelzen.

Weil unsere Gemeinschaft nicht das Werkzeug eines Willens zur Macht, sondern unsere einzige Zuflucht für die Verbesserung des Menschenloses ist, steht sie der Teilnahme aller derer offen, die sich ihr anschließen wollen und können, wenn sie ihre Regeln beachten. Wir sind davon überzeugt, daß unsere Tätigkeit in ihren Ergebnissen erweisen wird, daß andere ihren Vorteil darin finden, sich ihr anzuschließen.

Die Welt hat sich sehr verändert, ihre Zukunft hängt jedoch noch immer weitgehend von den Ereignissen in Europa ab.
Unter den früheren Verhältnissen gab es keinen Frieden, weder für Europa, noch für die Welt. Die europäischen Konflikte haben die Vereinigten Staaten gezwungen, zweimal ihre Streitkräfte in die Schlacht auf dem Kontinent zu werfen; gleichzeitig haben diese Konflikte sowohl uns als auch die Sowjetunion an den Rand der Vernichtung gebracht.

Um die gefährdeten friedlichen Beziehungen, die heute in der Welt bestehen, zu retten und sie einem dauerhaften Frieden entgegenzuführen, muß die europäische Lage durch die Einigung der Europäer umgestaltet werden. Auf diese Weise werden wir die Bedrohung zum Verschwinden bringen, mit der Europa durch seine Uneinigkeit und seine Schwäche sich selbst und die anderen belastet.

Wenn wir so uneinig bleiben, wie wir es heute sind, werden die Europäer weiterhin dem nationalen Ehrgeiz ausgesetzt und dazu getrieben werden, nach altem Rezept auswärtige Garantien zu suchen, um sich gegeneinander zu sichern - jeder wird, wie in der Vergangenheit, den Fortschritt der anderen fürchten. Die zu engen nationalen Märkte werden die wirtschaftliche Rivalität der einzelnen Staaten und die Unterlegenheit der europäischen Produktionsbedingungen zu einem Dauerzustand machen. Die Ungewißheit über das Schicksal Europas wird in der Welt das Mißtrauen nähren und die gegenseitigen Vorsichtsmaßregeln zur Gewohnheit werden lassen. Ein uneiniges Europa gliche jenen Gebieten, deren Schicksal es ist, aufs Spiel gesetzt zu werden, wenn Kriege um sie entbrennen.

Augenblicklich sind die Völker noch von nationalen Gegensätzen, Mißverständnissen, Unverständnis und Argwohn beherrscht. Ein Geheimnis umgibt die Arbeiten des ungeheuren Rußlands und die Gewalt der neuen Waffen.

Heute hängt der Friede nicht nur von Verträgen und eingegangenen Verpflichtungen ab. Er beruht im wesentlichen auf der Schaffung von Voraussetzungen, die, wenn sie auch nicht die Natur der Menschen verändern, dennoch das Verhalten der Menschen zueinander in einem friedlichen Sinne ausrichten. Dies wird eine der wesentlichen Folgen der Umwandlung Europas sein, die sich unsere Gemeinschaft zum Ziel gesetzt hat.

Dadurch, daß die Europäer ihre Einheit verwirklichen, Europa seine alte Kraft wiedergeben, neue und dauerhafte Lebensbedingungen schaffen, tragen sie zum Frieden bei. Auf diese Weise verhindern sie, daß sie in den tödlichen Mahlstrom geraten, in den sie, wenn sie uneinig blieben, welche Verträge auch immer geschlossen würden, durch ihr Handeln gegeneinander und durch ihre Schwäche zusammen mit den anderen Völkern hineingerissen würden.
Durch die Schaffung Europas errichten die Europäer das wahre Fundament für den Frieden."

Erstaunlich hellsichtige Sätze, die heute gelten wie vor fast 60 Jahren. Gute Frage daher: Haben wir den Friedensnobelpreis wirklich verdient? (Thomas Mayer, derStandard.at, 12.10.2012)

Link:

Thomas Mayer auf Witter: @TomMayerEuropa

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