Schulkinder: Vom Sollen zum Wollen

Blog | Andrea Vanek-Gullner
15. Oktober 2012, 17:00
  • Kinder zu mündigen Menschen erziehen - ohne erhobenen Zeigefinger.
    foto: apa/dpa/patrick seeger

    Kinder zu mündigen Menschen erziehen - ohne erhobenen Zeigefinger.

Momentaufnahmen einer Erziehung zur Mündigkeit

"Wir schimpfen nicht, wir sprechen lieber", steht in bunten Lettern an der Tür der 2B. Und direkt darunter: "Wir hören einander zu."

Klingt gut, finde ich.

Und klappt auch, findet die Lehrerin. Zumindest im Unterricht. 

Und wenn die Kinder unbeaufsichtigt sind, am Nachmittag?

Gute Frage, die unbeantwortet bleibt.

Jedenfalls, wir sind uns einig: Von Erfolg in der Erziehung lässt sich erst dann sprechen, wenn die Kinder keinen erhobenen Zeigefinger brauchen, um Achtung vor dem anderen zu leben.

Mir fällt Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) ein: "Ich vervollkommne mich selbst, wenn ich mir das, was ich soll, zum Gesetz dessen mache, was ich will."

Bleibt zu fragen, wie das geht. 

Ich suche und betrete mit Pestalozzis Bild im Kopf eine andere Klasse.

Die Lehrerin sitzt mit den SchülerInnen im Sesselkreis. "Kinder, überlegen wir mal, was wir zum Wohlfühlen in der Klasse brauchen."

"Nicht schimpfen, nicht schlagen", meinen manche. 

"Warum denn nicht? Wär' doch ganz witzig. Und wem von uns ist nicht manchmal danach, einfach so draufloszuschimpfen. Ich kenn' das auch, bin nicht frei von Fehlern. Wann hat jeder von uns schon mal geschimpft? Ist selbst beschimpft worden? Spür hin, was macht das mit dir, was macht das mit uns? Fühlt sich nicht gut an, tut vielleicht sogar weh?"

Ergo: Wenn wir wollen, dass es uns gut geht, sollten wir versuchen, nicht zu schimpfen.

Vom Sollen zum Wollen - sprechen, spüren, verstehen, Vereinbarungen treffen.

Und das Zuhören? Warum ist das wichtig?

"Kommt, wir machen ein Spiel. Wir setzen uns auf den Boden, und dann erzählt ihr den anderen etwas Wichtiges. Etwas, über das ihr euch letztens besonders gefreut habt. Oder geärgert. Nach fünf Minuten machen wir Stopp."

"Wie war das für euch? Wer hat vom anderen etwas mitbekommen? Wer hat sich gehört gefühlt?"

Keiner?

"Dann versuchen wir's doch anders. Jeder erzählt, einer nach dem anderen. Und wir, die anderen, wir hören einfach nur zu. Alles ist wichtig. Jeder ist willkommen mit dem, was ihm auf dem Herzen liegt."

Und dann: Es tut gut, gehört zu werden. Es tut gut, sich einzulassen auf den anderen. Spürst du den Sinn?

Vom Sollen zum Wollen - sprechen, spüren, verstehen, Vereinbarungen treffen.

Damit wir morgen mit mündigen Menschen zu tun haben. (Andrea Vanek-Gullner, derStandard.at, 15.10.1012)

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Wollen kommt von Wählen

WOLLEN kommt von WÄHLEN. Das ist in der Pädagogik - und dsanach - viel zu wenig bewusst. In der neuen Ich-kann-Schule weiß das Kind - und der Erwachsene - dass es seinen Umgang mit seinen Kräften WÄHLT und dass diese WAHL Folgen hat.
Wenn die Wahl ein FEHLER war, FEHLT etwas. Dann kann man IN SICH neu wählen.
Wer so gut mit seinen eigenen Kräften umgeht, der wird auch sehr interessant für die Kräfte anderer. Er ist attraktiv = anZIEHend. In der Ich-kann-Schule gilt daher das SOG-Prinzip.
DRUCK löst keine Probleme sondern komprimiert sie- das ist das exakte Gegenteil von Lösung.
SOG löst.
Man kann es ausprobieren.
Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe

lauter experten

im Forum. Leider dürften sie noch nicht bemerkt haben, dass die lieben kids heute in der Schule grundlegendes Sozialverhalten lernen müssen, das sie noch vor 30 Jahren in der Familie lernten:Zuhören, Rücksichtnahme, Warten bis man dran kommt, dass Gewalt nicht okay ist, Regeln einzuhalten,..........
Glaubt wirklich ernsthaft jemand, dass LehrerInnen sich darüber freuen, dass sie diese Aufgabe übernehmen dürfen. Ausgebildet wurden Sie nämlich dafür nicht.
Also liebe Postingexperten:"Erzieht eure Kids doch selbst!"

Früher ist man sowieso davon ausgegangen, dass Kinder "schlimm" sind, heute muss man aufpassen, dass so ein armer G'schrapp nicht gleich als "sozial auffällig" abgestempelt wird, wenn ihm dieses Sitzkreis-Theater auf die nerven geht.

Schablonitis oder schon Schablonose?

Mit den neuen Techniken und den neuen Medien kannst du heute alles auf einmal haben: 100 gute Ideen an einem Tag! Man kann sie gar nicht alle auf einmal umsetzen und anwenden.
Eifrig wählt man die ersten drei aus und wendet sie auf seine Schüler an. Ich frage auf meinen Ich-kann-Schule-Vorträgen immer: "Was würde Ihr Partner sagen, wenn sie glücklich vom Seminar heimkommen und ihm sagen: <Jetzt weiß ich endlich was ich auf dich anwenden muss, damit du glücklich wirst!>"?
Wer möchte schon das Objekt von Anwendungen sein?
Für alles gibt es heute vorgefertigte SCHABLONEN. Schablonen, in die wir uns einfügem sollen. Und es klappt immer nicht, weil wir nicht richtig mitgemacht haben.
Freundlich grüßt
Franz Josef Neffe

Bei 100 Ideen an einem Tag

bleibt genau so viel übrig wie beim alltäglichen Info-Supergau: Alles schon einmal gehört, nichts verstanden und geglaubt wird der Blödsinn, der uns am bequemsten ist.

Es ist nicht die Bequemlichkeit

Das ist nicht korrekt beobachtet. Geglaubt wird keineswegs immer das Bequemste. Da spielen verschiedene suggestive Wirkungen und Vorgaben eine Rolle, und wenn wir Probleme lösen wollen, werden wir sie uns dafür irgendwann erst einmal genauer anschauen lernen müssen. Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe

man sollte halt auch wissen,

dass solche sesselkreise selbst für viele erwachsene unerträglich sind. mir selbst tat schon das lesen weh! was würde wohl geschehen, wenn man 20 erwachsene zu so einem sesselkreis zwangsverpflichten würde?

Seesselkreis ist momentan absolut in. Auch bei den Erwachsenen - das merk ich jedesmal bei meine Fortbildungen im Soz/Psy/Päd-Bereich.

Es geht aber auch noch schlimmer, wenn sich 20 Erwachsene ein Woll-Balli zuschupfen müssen und dann mit einem Faden in der Hand "Vernetzt" sind. (Wir sind ja sooooo eine Gemeinschaft...)
Beliebt sind auch "Wanderrungen" im Seminarraum: "Wer x hat, geht nach vorne, wer y hat in die Mitte, wer z hat nach hinten." Das ganze mit 10 verschiedenen Themen.

Ne, normal auf einem Stuhl vor einem Tisch zu sitzen, eventuell mal aufzeigen, das geht auch für Erwachsene schon lang nicht mehr....

Nicht nur im Soz/Psy/Päd-Bereich, sondern auch in den Kommunikations-, Wirtschafts- und Führungskräfteseminaren gibts diesen Schwachsinn mittlerweile.

das geht schon lange so. als ich mitte der 1980er noch fleißig an fortbildungsveranstaltungen teilnahm hatten wir das auch schon. oh, was wurde da in teams erarbeitet, im plenum diskutiert, braingestormt usw. usf. ....etc. mir wird heut noch schlecht wenn ich daran denke!

ES gibt zum Glück langsam aber sicher eine Tendenz in die andere Richtung. Merk ich in der Schule.
In unserer Taferlklasse gibst Bankreihen und keine T-Sechsergruppen (junge Lehrerin), die Klassenvorsteherin meines Sohnes (4. AHS) ist frisch von der Uni, ca.25, und verzichtet auf den ganzen ideologischen Trash,den die 70-80erjahre Sozialisierten so gerne machen, dafür gibts Orthographie und Grammatik vom Feinsten und Bücher zu lesen, die nicht mit dem erhobenen Zeigefinger rumsudern. Der Junior hat innert eines Jahres 2-3 für das Fach Deutsch durch Ideologen ruinierte Jahre aufgeholt.

ja super!

Zurück zu den guten alten Zeiten. Die Eltern erziehen endlich wieder ihre Kinder selbst, die Gesellschaft hat endlich wieder Respekt vor den LehrerInnen und ihrer Arbeit, endlich gibts wieder Ansagen und wöchentliche Tests von der ersten Klasse an und wer nicht damit klar kommt gehört in die Sonderschule. Schluss mit dem Geschwafel von Integration und Inklusion. Die Zeit ist reif für die Umkehr. Wie wäre es mit einer Volksabstimmung?

Na geh, bitte...... peinlich, dieses Gefasel!

?

""Kommt, wir machen ein Spiel. Wir setzen uns auf den Boden, und dann erzählt ihr den anderen etwas Wichtiges" - kindisches Getue, das nicht einmal die Kinder interessiert und völlig wirklichkeistfremd sit. normalerweise bekommt man als antwort "schleich die oida mit dein bledsinn..."

sowas geht im Kindergarten durchaus, auch noch in der Taferlklasse, wenig später finden die kids das nur mehr bescheuert. Vor allem die Buben.

so is es halt, wenn durchgeistigte tussen

kind spielen

Was Du nicht willst

dass man Dir will,
das will auch nicht,

was willst den Du?

man fragt sich, wo diese schule ist, wenn als erste antwort kommt "nicht schimpfen, nicht schlagen."

wenn kinder so reden, müßte man davon ausgehen, daß sie es für normal halten, geschlagen zu werden.

wieso?

Glauben Sie dass es in anderen schulen anders zugeht?

Unter meinem fenster ist ein kinderspielplatz - da wird des öfteren geschimpft, g'haut, gerempelt, gebrüllt --> geweint, in weiterer folge.

Macht den kindern offenbar aber selber keinen spaß - nur wie bei den erwachsenen ist die umsetzung das schwierige. :-)

Wie habe wir früher beim raufen gesagt: ohne zwicken, beißen, haare reißen! :-)

btw, raufen ist was anderes als sich prügeln.

ja, in anderen Schulen ist das anders. Dort zB, wo meine Kinder hingehen.
Da gibts auch Regeln. Die lauten etwa: nicht wild Rennen in der Pause am Gang. Ruhe in der Klasse, nicht Tratschen mit dem Nachbarn während der Stunde. Leere Schulmilchpackerln sofort in den Mistkübel, in der Früh die Hausübungshefte automatisch an den Lehrertisch bringen....

usw.

Wollen hätten wir schon mögen,

aber können haben wir nicht dürfen.

was

soll solches irrationale wortgeklingel???

Bin ich froh, dass ich nicht der Einzige bin, dem das

aufstößt.

Wenn ich nur darf, wenn ich soll,
aber nie kann, wenn ich will,
dann mag ich auch nicht, wenn ich muss.
Wenn ich aber darf, wenn ich will,
dann mag ich auch, wenn ich soll,
und dann kann ich auch wenn ich muss.
Denn schliesslich:
Die können sollen, müssen wollen dürfen.

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