Ein Stöckelschuh für die Muttergottes

12. Oktober 2012, 19:34
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Mit Paul Claudels "Der seidene Schuh" fragt das Schauspielhaus Wien in einer Serie von vier Teilen nach religiösen Empfindungen

Tag eins erweist sich als Kostümschinken mit mäßigem Überblick.

Wien - Die Erlösung im Jenseits ist ein praktikabler religiöser Gedanke, den sich viele Konfessionen zunutze machen. Auch der infolge eines Erweckungserlebnisses katholisch gewordene Schriftsteller und Diplomat Paul Claudel (1868-1955) räumt in seinem Hauptwerk Der seidene Schuh einem auf Erden verhinderten Liebespaar die Aussicht auf Erfüllung nach dem Tod ein.

Das mit seinen 380 Seiten für Theaterverhältnisse mammuthafte Stück verhandelt nun in vier Serienteilen am Schauspielhaus die von religiösen Empfindungen und Ehrbegriffen beengten Handlungsspielräume in der spanischen Aristokratie am Ende des 16. Jahrhunderts.

Claudel schildert in dem 1925 fertiggestellten Werk vier nicht aufeinanderfolgende Tage im Leben von Doña Proëza, Don Rodrigo und siebzig weiteren Figuren zur Zeit der Conquistadores, der blutrünstigen Eroberungskriege der spanischen Flotten in Amerika, Indien und anderswo. Es geht um ein über den ganzen Globus aufgespanntes Leben, seine irdischen Verpflichtungen und Verheißungen im Jenseits. Die schöne Doña Proëza (Johanna Elisabeth Rehm) übergibt der Jungfrau Maria einen seidenen Schuh als Pfand für die Treue, die sie ihrem leider ältlichen Gatten Don Pelayo (Steffen Höld) einst geschworen hat. Im Schauspielhaus fährt er, der Schuh, am Schnürl in den Himmel auf.

Vier junge Autoren und Regisseure bearbeiten den weltumspannenden Stoff - und schreiben sich damit ein in gegenwärtig geführte Debatten um eine Renaissance des Glaubens und vermeintlichen Säkularismus. Teil eins, Die Glückspilger von Thomas Arzt, hat den schon von Claudel pfiffig geschriebenen Religionsschinken in einen Kostümschinken verwandelt, bei dem sich Halskrausen und Pumphosen zu saftiger Filmmusik (angeblich Pirates of the Caribbean) aus dem Schnürboden absenken. Schwergewichtige Bilder wie dieses hat die in düsteres Licht getauchte Inszenierung von Gernot Grünewald so einige. Sie versetzt der historischen Gemengelage ironische Brechungen, denen sich Max Mayer als Don Baltasar ein wenig zu sehr andient. Schön sichtbar an ihrem Leib trägt Johanna Elisabeth Rehm ihr "Gefängnis der Ehre" (Kostüme: Marie-Luise Lichtenthal).

Bei Claudel-Unkundigen dürfte dieser erste Abend auch Verwirrung gestiftet haben. Zwar sieht schon das Original vor, die Regieanweisungen vorlesen zu lassen - ein Modus, den man am Theater erst Jahrzehnte später so richtig entdeckte. Doch in den 14 zwischen seitlich aufgestellten Kirchenbänken und vor einem goldenen Feuermauerhimmel ausgetragenen knappen Szenen (Bühne: Daniela Kranz) konnte man auch bald den Überblick verlieren. Ob das nur Mühen des Anfangs sind, wird sich am Donnerstag weisen. Da folgt die Version von Jörg Albrecht.   (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 13./14.10.2012)

Teil 1: 13. 10.

  • Geständnisse: Doña Proëza (Johanna E. Rehm) und Doña Musica (Barbara Horvath, li.).
    foto: alexi pelekanos

    Geständnisse: Doña Proëza (Johanna E. Rehm) und Doña Musica (Barbara Horvath, li.).

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