Hypokratisches Possenspiel

Leserkommentar30. November 2012, 10:46
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Beweist Österreichs Ärzteschaft im Zusammenhang mit der Gesundheitsakte Elga Schauspieltalent?

Kaum ein Berufsstand unserer Zeit - mit Ausnahme vielleicht des in Misskredit geratenen Berufsstandes der Priester - beginnt seine Karriere mit einem derart tiefgehenden Versprechen wie die Ärzte. Und trotzdem weigern diese sich, diesem nachzukommen, indem sie technischen Fortschritt, der außerhalb ärztlicher Kunst liegt, verweigern.

Der hypokratische Eid wird zwar nicht mehr in der klassischen altgriechischen Form geleistet, jedoch hat diese immer noch Einfluss auf die modernen Alternativen. In Wikipedia ist darüber folgendes kurz zusammengefasst: "Er enthält mehrere Elemente, die auch Bestandteil ärztlicher Ethik sind (Gebot, Kranken nicht zu schaden, Schweigepflicht, Verbot sexueller Handlungen an Patienten etc.)."

Im Rahmen des medizinischen Fortschritts wurde auch die Formulierung immer wieder neu adaptiert, damit dieser Entwicklung Rechnung getragen werden konnte. Früher gab es für Ärzte das Verbot, Blasensteine zu operieren, da ja Chirurgen damals ein eigener Berufsstand waren. Später gab es auch die Formulierung des Verbotes von Behandlungen für die der Arzt nicht das nötige Spezialwissen hat.

Zitat aus der Altgriechischen Version:
„Ich schwöre und rufe Apollon, den Arzt und Aklepios und hygeia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen an, dass ich diesen Eid und diesen Vertrag nach meiner Fähigkeit und nach meiner Einsicht erfüllen werde. Ich werde ärztliche Anordnungen treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil, hüten werde ich mich davor, sie zum Schaden und in ungerechter Weise anzuwenden".

Ergänzen möchte ich, dass in dieser antiken Version auch Sterbehilfe und Abtreibung untersagt ist. Parallel dazu ist vom Nutzen für die Kranken, vom Verbot bewussten Unrechts und bewusster Übeltat die Rede. Auch gilt wie in der Gerichtsbarkeit das Prinzip der Gleichbehandlung.

Ursprung und Entwicklung:
Der Ursprung des Eides verliert sich zwar im Dunkel der Geschichte, hat aber bis heute seinen Anspruch nicht verloren, ja er hat sich sogar auf verwandte Berufe ausgedehnt (z.B. Apotheker, Hebammen usw.). Auch wird die Verlesung des Eides bei den Promotionszeremonien länderspezifisch anders gehandhabt, aber sogar in anderen Fachgebieten gibt es das Gelöbnis aud die Alma mater (=nährende Mutter Wissenschaft), wie z.B. in denRechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften).

Infragestellung der Missbrauchsgefahr:
Selbstverständlich sind sämtliche Bedenken den Datenschutz betreffend zu berücksichtigen und nach Möglichkeit Missbrauchsmöglichkeiten zu unterbinden.
Dabei verwundert micht eines.
Fast jede/jeder BürgerIn und insbesondere Firmen sind mittlerweile nahezu täglich im Rahmen eBanking im weltweiten Netz online mit sensiblen Daten vertreten, ohne dabei überbordende Ängste vor unkontrollierten Zugangs- und Missbrauchsmöglichkeiten ihrer/seiner Finanz- und Vermögensdaten in nächtlichen Alpträumen mit sich herumzutragen.
In diesem Zusammenhang vertrauen wir uns als Bürger ohne wesentliche Bedenken einer Branche an, die sich durch die vor etwa einer Dekade losgelöste und immer noch andauernde Finanzkrise nicht gerade mit Seriosität erster Qualität ausgezeichnet hat. Sämtliche persönlichen bzw. sensiblen Vermögensdaten liegen irgendwo auf weltweit verteilten Servern unserer Geldinstitute griffbereit vor und müssen vor Missbrauch und unbefugtem Zugriff geschützt werden.
Ich gehe deshalb davon aus, dass dies ebenso im Rahmen unseres Gesundheitssystemes möglich ist.

Kosten: monetär und psychisch
Selbstverständlich ist das mit Kosten verbunden, die zunächst in den Verwaltungen der ärztlichen Ordinationen und Gesundheitseinrichtungen anfallen, aber aus meiner Sicht kein Grund, um auf eine diesbezügliche Verbesserung der ärztlichen Kunst nach dem Prinzip „Das beste ist für uns ganz normal" zu verzichten.
Wenn man den kritischen Stellungnahmen zu und im Gesunheitswesen ein wenig näher nachgeht, finden sich genügend Bereiche, wo das Geld von uns Sozialversicherungszahlern in schwarzen Löchern versickert. Deshalb ist aber noch lange nicht einzusehen, warum dieses System nicht auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden soll.
Nun ist auch allgemein bekannt, dass unsere Ärzteschaft nicht gerade zu jenen Berufsgruppen gehört, die am Rande es Existenzminimums leben müssen, wobei die Spitzenplätze dieser Berufsgruppe bei der Burnout- und Suizidrate durchaus zu denken geben. Meiner Ansicht nach aber ist Geldmangel sicher nicht der Grund für diese prekäre Situation.
Deshalb möchte ich die Ärzte mit meinem Kommentar an ihren Eid erinnern, der sie meiner Meinung nach auch dazu verpflichtet sämtlichen technischen Fortschritt in ihr Behandlungsrepertoir aufzunehmen, auch wenn er nicht allein in der medizinischen Entwicklung liegt. Je vernetzter die übrige Welt, desto mehr ist das auch im Gesundheitssektor erforderlich.

Sich mit
dramaturgischer Raffinesse und schauspielerischer Übertreibung
avor zu drücken, entspricht nicht dem geleisteten Eid.

Außerdem bietet Elga auch viel Potential zur Vermeidung von Doppelgleisigkeiten, überflüssigen ärztlichen Stress und deshalb kann Elga auch als Burnout- und Suizidprophylaxe unter Ärzten gesehen werden. (Leserkommentar, Helmut Maringle, derStandard.at, 15.20.2012)

Helmut Maringle ist Bildungsmanager und lebt in Tirol.

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