Auch gute Ideen machen korrupt

  • Widerstand, der schon  an der  elementaren Ausrüstung scheitert: eine 
Szene aus Antonis Lepeniotis' dystopischem Drama "Das Manifest".
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    foto: filmarchiv

    Widerstand, der schon an der elementaren Ausrüstung scheitert: eine Szene aus Antonis Lepeniotis' dystopischem Drama "Das Manifest".

Eine Wiederentdeckung: Antonis Lepeniotis' Polit-Drama "Das Manifest"

Wien - Die Arbeiten des gebürtigen Griechen Antonis Lepeniotis waren Selbstausbeutungsunternehmen, realisiert mit einem Mini-Budget - Das Manifest finanzierte sich aus gerade einmal 500.000 Schilling an Fördergeldern - und einer Gruppe von Enthusiasten. Fremd wirkten die Filme Anfang der 1970er-Jahre aufgrund ihrer formalen Experimentierlust, die sich von den verschiedenen Erneuerungsbewegungen im europäischen Nachkriegskino nährte: Sie teilen gewisse Kennzeichen, Topoi oder Motive mit anderen progressiven Filmen um und nach '68.

Luc Moullet hat sie einmal in einem Aufsatz mit dem programmatischen Titel "L'esprit de Mai" zusammengefasst: Da wären zum Beispiel der Wille, mit der (Ästhetik der) Vergangenheit zu brechen, ein destruktiver Zugang, dem Erzählen wie auch konkreten Dingen gegenüber, ein Rückzug in "geschlossene Kreise", Milieus oder enge Räume. "Wie lebt eine unabhängige Gemeinschaft, die sich eine kleine, neue Welt aufbaut?", lautet nach Moullet eine der zentralen Fragen.

Das Manifest, ein Polit-Drama mit Science-Fiction-Elementen, spielt in einem diktatorischen Staat. Alle wichtigen Medien werden staatlich kontrolliert. Zwei Männer - Staatsfeinde, einer von ihnen ein ehemaliger Attentäter - sind aus einem Militärgefängnis geflohen. Der Bürger wird aufgefordert, bei der Suche und Ergreifung der Geflohenen behilflich zu sein.

Die restriktive Ordnung des Staates bietet jedoch auch hier nur den Rahmen, um Menschen in Ausnahmesituationen zu verfolgen, im Zustand des Eingesperrtseins: So hält sich die Zelle einer Widerstandsbewegung, die zentrale Gruppe des Films, in einer Wohnung verschanzt. Sie wollen mit einem Manifest an die Öffentlichkeit treten, für dessen Vervielfältigung es jedoch an einer Kurbel für die Druckpresse mangelt.

"Der Mensch ist das, was die Situation aus ihm macht", sagt der Anführer der Gruppe einmal. Lepeniotis' Kritik trifft in Das Manifest nicht nur den modernen Überwachungsstaat, sondern auch jene, die beim Kampf um eine Idee selbst zu sturen Bürokraten werden. Nicht zuletzt dies macht den Film auch noch heute aktuell. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 13./14.10.2012)

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