"Es geht darum, etwas zu bewegen"

Dorian Waller
13. Oktober 2012, 19:45
  • Ein Labor im siebten Wiener Gemeindebezirk, das sich global ausrichtet: 
Arash T. Riahi und Kolleginnen bei Golden Girls.
    vergrößern 800x532
    foto: andy urban

    Ein Labor im siebten Wiener Gemeindebezirk, das sich global ausrichtet: Arash T. Riahi und Kolleginnen bei Golden Girls.

  • Wo die Filme ihre endgültige Form erhalten: der Golden-Girls- 
Schneideplatz, der auch als kleines Kino genutzt wird.
    vergrößern 800x532
    foto: andy urban

    Wo die Filme ihre endgültige Form erhalten: der Golden-Girls- Schneideplatz, der auch als kleines Kino genutzt wird.

Golden Girls heißt die Produktionsfirma von Arash T. Riahi, der mit "Ein Augenblick Freiheit" mehrere Preise gewann

Nun schmiedet das Team an einem Film über gewaltlosen Widerstand auf der ganzen Welt.

Wien - Mitten im Siebten ist einiges zu tun. Die Mitarbeiter der von Arash T. Riahi und Raphael Barth mit Ko-Geschäftsführerin Sabine Gruber geleiteten Filmproduktionsgesellschaft Golden Girls werken hier an eigenen Filmen und bieten für andere Filmschaffende Produktionsdienstleistungen an (wie etwa bei Ed Moschitzs Mama Illegal). Zudem profiliert man sich mit kommerziellen Arbeiten.

Wie der für eine kleine Werksführung aus einem der vier firmeneigenen Schneideräume herbeieilende Arash T. Riahi erklärt, sind diese drei Standbeine notwendig, um unabhängiger von Fördergeldern zu sein und auch an internationalen Projekten zu arbeiten: Die Welt sei schließlich zu groß und spannend, um sich nur auf Österreich zu konzentrieren.

Ungewöhnliche Zugänge

Riahis Begeisterung für weltumspannende Projekte kommt nicht von ungefähr. Die Eltern des 1972 im Iran Geborenen flohen mit ihm und seinem jüngeren Bruder Arman 1982 nach Österreich. Mit dem Dokumentarfilm Exile Family Movie verarbeitete er die Geschichte seiner auf der ganzen Welt verstreuten Familie, mit seinem vielfach prämierten und mittlerweile auch im französischen Schulfilm-Programm aufgenommenen Spielfilmdebüt Ein Augenblick Freiheit erzählte er von einer in Ankara gestrandeten Flüchtlingsgruppe - stellvertretend für eine Million Iraner, die auf dem gleichen Weg geflohen sind.

Riahi will jedoch nicht auf die Rolle des "leiwanden Ausländerfilmemachers" festgelegt werden: "Ich bin zwar ein Ausländer, der hier lebt, aber mich interessieren nicht nur Exil-Leben. Mich interessieren Menschen. Ich möchte Filme über Bereiche machen, die vielleicht so noch nicht betrachtet worden sind, zu denen ich einen bestimmten Zugang habe, den andere nicht haben."

Im Gegensatz zu anderen Filmemachern möchte Riahi sein Publikum mit seinem persönlichen Blick regelrecht verführen. "Mein Zugang ist, vielleicht weil ich aus einer anderen Kultur komme, keiner der Distanz. Ich muss ganz nah ran an die Leute, sie wirklich verstehen und mit ihnen gemeinsam den Film machen. Zudem wollen wir mit unserer Arbeit auch zum Umdenken bewegen. Das ist das Minimum, was man mit sozialkritischen Filmen machen kann. Man kann wirklich viel erreichen."

Ungewöhnlich große Ziele werden im Team der Golden Girls mit dem gerade in Arbeit befindlichen Everyday Rebellion verfolgt. Riahi bezeichnet das Vorhaben, das er gemeinsam mit seinem Bruder umsetzt, als ein " Lebensprojekt". Es ist einerseits ein Dokumentarfilm, der aktuelle Formen des gewaltlosen Widerstands auf der ganzen Welt einfangen und dabei nicht weniger sein soll als "ein Dokument dieser Generation. Im besten Fall ein bleibendes Werk, das sich auch noch in 20 Jahren Leute anschauen und sagen: 'Aha, so hat das damals begonnen.'" Die Filmemacher spannen dafür einen Bogen vom iranischen Widerstand über den arabischen Frühling bis zur Occupy-Bewegung und der ukrainischen Agitprop-Gruppe Femen.

Dramaturgie der Zeit

Das Ziel der Arbeit ist keine traditionelle Dokumentation, vielmehr geht es Riahi darum, experimentell und expressionistisch, eine "Dramaturgie für unsere schnelllebige und vernetzte Zeit zu finden". Persönliche Vorlieben und Eitelkeiten sind für den Regisseur zugleich fehl am Platz: " Es ist mir immer wichtig, jenen Stil zu finden, der für mich zum Thema passt, und nicht meinen formalen Stil über das Thema drüberzustülpen. Es geht nicht um mein Ego, sondern darum, etwas zu bewegen."

Als ambitioniertes Cross-Media-Projekt steht Everyday Rebellion daher noch für viel mehr. Auf einer noch im Aufbau befindlichen Internet-Plattform werden Zeugnisse des weltweiten Widerstands gesammelt, nicht bloß zu Dokumentationszwecken, sondern auch um eine Anleitung zum Protest zu bieten. Eine 20-teilige Reihe für den Fernsehsender Arte verbreitet in dreiminütigen Clips Widerstandstipps von so unterschiedlichen Gruppen wie der serbischen Protestbewegung Otpor oder den US-Kommunikationsguerilleras The Yes Men.

Zur technischen Unterstützung der Plattform wird derzeit an der TU Delft eine P2P-App entwickelt, welche die Aufnahme und Verbreitung von Daten ohne Rückverfolgungsmöglichkeit gewährleisten soll. An einer anderen Baustelle wird an einer Software gearbeitet, die auch bei einer Sperre des Internets den Zugriff auf das Netzwerk mittels Wi-Fi-Ports erlaubt.

Everyday Rebellion wird auf diese Weise zu einem weiteren Schritt einer Entwicklung, wie sie Riahi auf seinen Reisen für das Projekt beispielsweise bei Occupy Wall Street erleben konnte. "Die Bewegung wird immer besser organisiert, besser vernetzt ", erzählt er, "und sie bedient sich effektiverer Methoden." Man marschiert nicht mehr einfach nur mit einer Masse mit, sondern nimmt Anteil am Schicksal der Mitstreiter: "Eine neue Art der Solidarität ist entstanden." (Dorian Waller, DER STANDARD, 13./14.10.2012)

Gewinnspiel
Österreichische Filme zu gewinnen
Der Österreichische Film geht in die sechste Staffel und derStandard.at/Kultur verlost fünf Editionen

Share if you care
5 Postings

Chapeau Herr Riahi

Bobo Schmonzes

angepasster, langweiliger.

sie armer

ich wünsche ihnen nur ein hundertstel von dem respekt, den die riahi-brüder und golden girls an den tag legen.

Bravo Arash und Raphael!!

Seit Jaren dran geblieben und Schritt für Schritt ausgebaut. Aus dem Meidlinger Keller in den Siebten (Himmel?)

Eine Filmproduktion in Wien? San Prekario, schau owa ;-)

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.