"Für mich war der Jörg so ein Russe irgendwie"

Interview12. Oktober 2012, 23:53
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"Richtung Zukunft durch die Nacht" war der erste Langspielfilm des 2007 aus dem Leben geschiedenen Regisseurs Jörg Kalt. Kathrin Resetarits und Simon Schwarz spielten die Hauptrollen in der wunderbar vertrackten Komödie - und halten eine Rückschau

Kati: (liest) 1500 Zeichen zum Film bzw. was er für dich bedeutet.

Simon: Was der Film für dich bedeutet?

Kati: Also für dich und für mich und für uns. Alle drei.

Simon: Was der für mich ist, ist in erster Linie was sehr Privates, weil' s der Film ist, wo ich den Jörg kennengelernt hab und in der Folge auch dich, und weil das zwei sehr wichtige Personen für mich sind und waren. Und was mich an dem Film und an dem Buch so fasziniert, ist, dass es eine Geschichte ist, die sonst niemand erzählt. Es gibt Science-Fiction-Geschichten und Heldengeschichten, aber nicht alltägliche Geschichten, in denen sich Raum und Zeit verändern. Für mich war der Jörg so ein Russe irgendwie, weil er sich so was getraut hat. Ich mein, seine Geschichten waren so schräg, aber gleichzeitig hatten sie was Trauriges, Sehnsüchtiges und sehr Liebevolles. Plötzlich, nach seinem Tod, haben alle davon geredet, wie toll der Jörg war - aber keiner hat erkannt, was der schreiben kann.

Kati: Diese Art von Geschichten war nicht modern zu der Zeit.

Simon: Wenn man sich den Film anschaut, wie der technisch schlecht ist und trotzdem die Leute verzaubert - denen ist anscheinend wurscht, ob das modern ist. Das ist ein Märchen. Ein Märchen über die Liebe. Das hat er können.

Kati: Das, was das Problem war, war ja gleichzeitig das Schöne dran. Dass die Idee so abgehoben ist, abstrakt, aber gleichzeitig jeden Einzelnen so intim betrifft. Dass man jemanden verliert, dass eine Liebesgeschichte zu Ende geht. Dass jemand fortgeht. Und dann schafft man es, das Rad zurückzudrehen, und da ist ein schrecklicher Haken eingebaut, weil wenn man die Zeit rückwärtslaufen lässt, kommt ja unweigerlich wieder ein Ende. Man müsste sie anhalten die Zeit - dann ist gleich alles aus. Und was das Private betrifft, geht's mir wie dir. Die Drehzeit war ein Geschenk für mich.

Simon: Wir haben ja ewig gedreht an diesem Film. Ich kann mich auch erinnern, wo der Jörg und ich alleine waren, weil da kam niemand. Diese Badewannenszene, die haben wir ganz alleine gemacht, da waren wir nur zu zweit.

Kati: Aber aus der Not sind schöne Sachen entstanden. Weil der Jörg da damit umgehen hat können - eigentlich war ihm das ja am liebsten, wenn es nicht zu glatt geht. Da gehört für mich auch die Freiheit dazu, die der Jörg einem gegeben hat, nicht nur uns, sondern allen. Das Vertrauen. Ich hab dem ja eher misstraut - ich war für absolute Kontrolle. Aber im Endeffekt war es eine Form von Genauigkeit.

Simon: Der eigentliche Grund, warum er so damit umgegangen ist, war, glaube ich, dass er wahnsinnig neugierig war, was andere Menschen denken und machen und warum. Und das unterscheidet ihn von den meisten anderen Regisseuren, die interessieren sich meistens nur aus eigenem Interesse für andere.

Kati: Ich kann mich in Jörgs Filmen am ehesten anschauen. Die einzige Szene, die ich gespielt hab und in der ich mich anschauen kann, wie als wär ich eine andere, also ohne dass ich meine Plattheit durchschaue und ohne dass mir das peinlich ist, ist in Richtung Zukunft. Das ist diese Szene auf dem Pratergerät da. Da hätt ich spielen müssen, dass ich Angst hab und dass ich verliebt bin, und beides war ich sowieso. Die schau ich mir richtig gerne an. Kannst dich noch erinnern, wie du da dieses Bett aus dem Gebüsch ziehen musstest, und dann hast du gesagt ...

Simon: Vorla!

Kati: Genau! Vorla. Das is ma auch blieben. Das findet nie jemand lustig, aber ich sag immer noch Vorla statt Voilà.

Simon: Die russische Version, französisch zu sprechen.  (DER STANDARD, 13./14.10.2012

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  • Eine Liebesgeschichte, die vom Ende aus beginnt: Kathrin Resetarits und 
Simon Schwarz in "Richtung Zukunft durch die Nacht". 
    foto: polyfilm

    Eine Liebesgeschichte, die vom Ende aus beginnt: Kathrin Resetarits und Simon Schwarz in "Richtung Zukunft durch die Nacht". 

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