DAF 66: Biedermann und Rückwärts-Rowdy

Rezension | Stefan Schlögl
14. Oktober 2012, 17:34
  • Dezentes Fahrzeug, verhaltene Werbung: Der DAF 66 in seiner ganzen Pracht.
    foto: daf

    Dezentes Fahrzeug, verhaltene Werbung: Der DAF 66 in seiner ganzen Pracht.

  • Der Vorgänger DAF 55. Die Dame ist zurecht skeptisch.
    foto: daf

    Der Vorgänger DAF 55. Die Dame ist zurecht skeptisch.

  • Eine Idee, geboren für Rückwärtsrennen: Die DAF-Variomatic.
    foto: daf

    Eine Idee, geboren für Rückwärtsrennen: Die DAF-Variomatic.

  • Zwei Niederländer, bereits als Volvo 66 im Einsatz.
    foto: volvo

    Zwei Niederländer, bereits als Volvo 66 im Einsatz.

  • Da staunt sogar der Flugkapitän: Dieser Wagen hat einen Kofferraum.
    foto: volvo

    Da staunt sogar der Flugkapitän: Dieser Wagen hat einen Kofferraum.

Vor 40 Jahren erblickte ein Wagen die Welt, der gleich schnell vorwärts und rückwärts fahren konnte. Er stieß die holländische Autoindustrie ins Grab

Unscheinbar war er, bis an die Grenze zur Unsichtbarkeit. Dennoch wurde er zur Witzfigur. Der DAF 66. Vor 40 Jahren, im Herbst 1972, kam das dezente Vehikel auf den Markt. Mehr als eine künstliche Verlängerung des Leidenswegs der niederländischen Automobilindustrie sollte der Wagen nicht werden.

Zwar hatte man bei der in Eindhoven beheimateten DAF (Van Doorne's Automobiel Fabriek N.V.) einige Ambition an den Tag gelegt, um den antiquierten Vorgänger DAF 55 aufzumöbeln, schlussendlich ploppte dennoch nur Betuliches vom Band. Der eigens verpflichtete italienische Stardesigner Giovanni Michelotti (Triumph Herald, Spitfire und Stag) hatte nicht gerade seinen besten Tag erwischt, als er die Silhouette von Limousine, Coupé und Kombi hinzeichnete. Mit nüchternen Linien zitierte er die neue Sachlichkeit. Ein Renault 5 oder ein Autobianchi A 112 wirkten im Vergleich nachgerade peppig.

Ein Hasardeur

Technisch setzte das Modell auf bemühten Durchschnitt. Die antiquierte Pendelachse wurde zwar durch eine De-Dion-Hinterachse ersetzt und eine servounterstützte Bremsanlage war beim Einstiegsmodell Serie - doch dann war auch schon Schluss mit Innovation. Der Hinterradantrieb des 66 gehörte in dieser Klasse nicht mehr zum guten Ton. Bestenfalls Vorwärtsdrang symbolisierte der von Renault zugekaufte 1,1-Liter-Vierzylinderbenziner mit 46 PS, der das schmale, hochbeinige Wägelchen auf 135 km/h beschleunigte.

Etwas rescher gingen es die Marathon genannten Edelversionen mit 54 PS an, die den Wagen auf 145 km/h bugsierten. Top of the Pops: ein 1,3-Liter-Vierzylinder, ebenfalls von Renault, mit 57 PS. Unter dem Marathon rangierten die Versionen "De Luxe" (Trommelbremsen + Vinylsitze) und "Super Luxe" (Scheibenbremsen vorne, Stoffsitze). Bemerkenswert: Selbst den Kombi gab es nur als Dreitürer. Ganz gleich in welcher Form: Ein Beau war dieser Wagen nicht - eher schon ein Hasardeur des Rückwärts-Einparkens.

Mit erstaunlicher Konsequenz hatten die Eindhovener ihr bereits im Vorgänger eingesetztes stufenloses und vollautomatisches Getriebe, die Variomatic, auch im 66er eingebaut. Der Riemenantrieb war für sich genommen genial und ist - verfeinert und weiterentwickelt - ein legitimer Urahn aktueller CVT-Getriebe.

Achteruitrijde!

Damals hingegen war die preiswerte, aber effiziente Technik vor allem für ihre einfache Bedienung bekannt. Ein Vorwärts- und ein Rückwärtsgang. Mobilität fertig. Das eigenwillige Antriebssystem bescherte dem 66 hingegen auch eine legendäre Eigenschaft, für die er schließlich berühmt werden sollte: Er konnte gleich schnell vorwärts wie auch rückwärts fahren. Ein Charkteristikum, das die nicht unfaden Holländer in einem außergewöhnlichen Bewerb umzusetzen wussten. Dem Rückwärtsrennen.

Allein: Das Gaudium währte in aller Regel nur bis zur ersten Kurve. Dann setzte es aufgrund der umgekehrten Lenkgeometrie meist grandiose Überschläge. Ohne Not wurden bis in die 80er herauf bei den AVRO-Achteruitrijden die DAF-Bestände dezimiert.

Ein Akt kollektiver Psychohygiene, offensichtlich. Schließlich markierte der Wagen das Ende einer nationalen Institution, der stolzen Pkw-Marke DAF. 1975 hängte sich Volvo den holländischen Klotz ans Bein und stoppelte den Eindhovener mithilfe von wuchtigeren Stoßstangen, Sicherheitslenkrad und einem neuen Logo im Kühler zum Schweden um. Bis 1980 blieb der Volvo 66 im Programm. Dann war Schluss für den Biedermann. In Erinnerung bleiben ein braver, niederländischer Kleinbürger - und der Mythos als Rückwärtsracer. (Stefan Schlögl, derStandard.at, 14.10.2012)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 49
1 2

ich finde den DAF auch nicht biederer als irgendeinen vergleichbaren opel kadett, ford escort, oder toyota corolla aus dieser zeit.

verglichen mit all dem ,was heute auf den strassen herumfährt, würde man mit so einem ehemaligen bieder-auto ohnehin total auffallen und beifall und aufmerksamkeit ernten

mein traum wäre ein subaru 360 (der damalige werbeslogan hiess: "cheap & ugly)
heute sind diese autos nicht "cheap & ugly" sondern in japan und in den USA kult, und bei uns hingegen so gut wie garnicht zu bekommen
http://www.youtube.com/watch?v=ZJA2Z0horac

Hey! Das ist wohl ein Zeichen.... Hab letztens bei Verwandten so ein Teil im Stadl hinter ihrem alten 15er gesehen. Mal schauen, was man da machen kann...

Meine Mutter hatte einen Volvo 66DL

Für mich war es das erste Auto welches ich fahren durfte. Auf einem privaten Grundstück natürlich. Ich denk ich war da so 10 oder 11 Jahre alt.
War eine sehr sehr geile Karre. Wenn ich den Platz hätte würd ich mir so einen zulegen. *träum*

Meine Mutter hatte einen DAF-33 DeLuxe

Geniales Auto für die Kurzstrecke. Dank der Variomatic bin ich damit schon als 12-Jähriger gefahren. Der 33er hatte ein nettes Gesicht und einen lustigen Klang - wie aus einem Comic.
Genial auch die Vinylsitze, Armaturen und Bedienelemente.
Bremse. Gas vorwärts und rückwärts; das wars auch schon.

cant get enough of that wonderfull daf!

video:1A

Volvo 66? In Schweden nur als "Remjohan" oder "Tjorven" (Kastenwagen) bekannt.

http://www.tjorven.se/

im vergleich zu so manchen heutigen vertreter der automobilwelt ist der daf eh nicht so bieder. im vergleich zu einem golf ist er sogar wirklich aufregend.

manchmal find ichs echt schade, dass die 60er und 70er an mir vorbeigegangen sind.

geht mir auch so - da kann ich dir die BBC-Serie "Life on Mars" empfehlen :) da gibts massig coole autos, persönlich unkorrekte sprüche und geile musik (und das ganze in einer ziemlich schrägen geschichte verpackt!)

vor allem ab 100 und mit böigem seitenwind...

...war schon viel adrenalin drin... überholen war auch spannend....
nö - dann doch lieber langweilig.

Wenn

du damals eine Karre frühmorgens gestartet hast und bei laufendem Motor was in den Kofferraum einladen wolltest dann musstest du schnell sein um nicht bewusstlos um zu fallen ob der giftigen Abgase...

die fabrik

gibt es immer noch und zwar als werkbank. bmw wird hieherr die produktion des mini allrad verschieben (weg aus graz).

War nur ein Gerücht und wurde schon dementiert

Gerüchte haben ersten immer einen wahren Kern. Zweitens wenn so schnell so ein erregtes Dementi kommt, ist 100% was dran.

Bild 2

Die Dame ist nicht skeptisch, sondern wird sich voraussichtlich gleich auf den Kofferraumdeckel setzen...

Kunststück!

Kann man leicht erraten wenn man darauf achtet wie er sich gerade den Gürtel öffnet...

Wieder was gelernt: bisher dachte ich DAF wäre eine "Deutsche Automobilfabrik"...bzw. eine Deutsch-Amerikanische Freundschafts-Band....

DAF

Ach so. Ich dachte, das waere eine Band gewesen.

DAF

steht, soweit mir erinnerlich, (van Doorne's AutomobilFabrieken) gegründet von Hubert van Doorne) und war in den Fünfziger und Sechziger Jahren führend bei sogenannten stufenlosen (rein mechanischen) Variomatiken; DAF stellte auch MilitärLKW und Baufahrzeuge her... wer weiß denn noch, daß NL eine durchaus prachtelijke Autoindustrie verfügte?

DAF LKW´s gibt es noch immer
http://www.daf.eu/de/Pages/... hland.aspx
Aber wer schaut denn noch auf das Schilderl am LKW ?
Fahren ja keine mehr herum.

Danke...meine Erkenntnis war durch das Lesen des Artikels ausgelöst...sie liefern mir quasi die Kurzversion.

sehr schön haben sie da den artikel von oben zusammengefasst. respekt. allerdings wird der erstposter den wohl auch gelesen haben....

Beliebt war der Wagen seinerzeit bei jenen,

welche einen Kleinwagen mit Automatik wollten und sich einen großen Mercedes entweder nicht leisten konnten oder so ein Schlachtschiff nicht fahren wollten.

ich glaube, es war der einzige relevante Kleinwagen mit Automatik am Markt, damals. Das sicherte ihm eine gewisse Fangemeinde im Flachland ;)
Eine Freundin meiner Mutter kam alljährlich mit so einem Töfftöff aus Paderborn zu uns nach Tirol auf Urlaub, sie schwörte auf die Automatik.

DAF pfui...

ich erbte einen VOLVO 66 DL!!

Eine Aufnahme

der Funktionsweise derVariomatik finden Sie unter:

http://www.youtube.com/watch?v=2... re=related

Dann gab es so um 1975

herum den Volvo 343 DL, ein ausgewachsenes Vehikel in VW Golfgrösse mit DAF Vario.

Posting 1 bis 25 von 49
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.