Erdogan will dich

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Ein Blick auf die türkischen Satireblätter dieser Woche: Der drohende Krieg gegen Syrien ist das einzige Thema.

Die russische Munitionskiste aus der Syrian Air Maschine hat Tayyip Erdogan noch nicht hergezeigt, aber den Türken ist ohnehin schon schwindlig über das Tempo, mit dem ihnen die Regierung in den Krieg gegen Syrien zu marschieren scheint. Der drohende Einmarsch im Nachbarland ist auf den Seiten aller türkischen Satireblätter, die zur Wochenmitte erschienen sind.

Der Assad auf der Rakete

Mit dem Einschlag eines Artilleriegeschosses mutmaßlich der syrischen Armee in das Haus einer türkischen Familie im Grenzstädtchen Akçakale am 3. Oktober hat die jüngste Runde der Eskalation begonnen. Eine Mutter, drei ihrer Kinder und ein weiterer Verwandter starben. Seither feuert die türkische Armee zurück über die Grenze. "Ihr habt uns ohne Grund angegriffen" (oder wörtlich: verbrannt), sagt trotzdem Bashar al-Assad auf einer Rakete sitzend auf der Titelseite von Uykusuz, während ihm Erdogan auf einer anderen Rakete entgegenfliegt und etwas einsilbig "Hoyt!" ausruft – etwas wie "hoppla!". Denn hartnäckig wird in der Türkei immer nach anderen Gründen hinter den augenscheinlichen Gründen gebohrt: Vielleicht war es doch die Rebellenarmee, die nach Akçakale geschossen hat; und wenn sie nicht geschossen hat, dann hat sie es vielleicht so angestellt, dass die syrische Armee so nahe an der Grenze in Kämpfe verwickelt wurde, dass ein Artilleriegeschoss unbeabsichtigt auf türkisches Gebiet fliegen musste; und die Türkei muss dann antworten und ein einmarschieren und den Rebellen helfen; und ist das nicht alles eine Riesenverschwörung des Westens?

Uncle Erdogan

Bingo. "Die USA wollen Dich!", erklärt Girgir auf seiner Titelseite. Uncle Sam ist dieses Mal Tayyip Erdogan. Der türkische Regierungschef folgt blindlings den Wünschen Amerikas und lässt sich in einen Krieg gegen Syrien ziehen. Das ist das Thema der Oppositionspartei CHP, die von Anfang einen neutralen Kurs gegenüber dem Aufstand im Nachbarland wollte und jetzt ganz oben auf der Pazifismus-Welle reitet, die durch türkische Großstädte wogt. Erdogan spielt – die Gefahr für seine Wählerstimmen erkennend – nun auch ungeniert die religiöse Karte aus und wirft Kemal Kilicdaroglu, dem CHP-Vorsitzenden, vor, er mache als Alevit gemeinsame Sache mit den Allawiten von Bashar al-Assad in Syrien. Das muss jedem Sunniten in der Türkei einleuchten. Hofft der Regierungschef.

Die Miss und der Pfefferspray

Schlicht vorgetragene Friedensliebe und wilde Entschlossenheit der Regierung zeigt Penguen auf seinem Titel. "Kriege dürfen nicht sein", sagt Açelya Samyeli Danoğlu, die Miss Turkey 2012. Gleichzeitig fliegt eine Dose Pfefferspray der Polizei auf die Bühne: Danoğlu soll besser den Mund halten. "Pfefferspray gegen jene, die nein zum Krieg sagen", heißt es empört im Untertitel mit Verweis auf das Vorgehen der türkischen Polizei gegen Demonstranten in den vergangenen Tagen.

Erdogans Schein

"Tezkere" lautet das Stichwort. Gegen die offizielle Erlaubnis des Parlaments – den Schein – für grenzüberschreitende Operationen des Militärs (der Name "Syrien" tauchte auf dem Papier gar nicht erst auf) richtet sich der Widerstand der Demonstranten und der linken Oppositionsparteien. "Tezkere" heißt aber auch der begehrte Entlassungsschein zum Ende des Militärdienstes. Leman zeigt einen jungen Türken, der aus der Kaserne kommt und mit seinem tezkere wedelt: "Ich habe den Schein bekommen. Der Militärdienst ist aus!" Er hat nicht mit Erdogan gerechnet: "Geh zurück, ich habe auch einen Schein bekommen!" (Markus Bey, derStandard.at, 12.10.2012)

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