Tatendrang, hängende Köpfe, Schulterklopferei

  • Sein Betrieb namens Kurt ist für ihn wie ein Kind: Der Wiener Ronald Jacobs (30) zieht mit Partnern ein Netz an Filialen auf. "Jeder verdiente Euro wird investiert."
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    Sein Betrieb namens Kurt ist für ihn wie ein Kind: Der Wiener Ronald Jacobs (30) zieht mit Partnern ein Netz an Filialen auf. "Jeder verdiente Euro wird investiert."

Von der Idee zum Geschäft: Ronald Jacobs holte Frozen Yogurt aus den USA nach Österreich und plant 30 Shops

Irgendwann stellst du dir die Sinnfrage. Wieso tust du dir das alles an und für wen? Arbeitet man mit gleich viel Einsatz für sich selbst, müsste doch was Gescheites rauskommen. Ich war zuvor zehn Jahre lang ständig auf Achse. Als Food-&-Beverage-Manager großer Hotels ging es von Österreich nach Kalifornien, dann nach Deutschland, Italien und wieder in die USA. Es hat Spaß gemacht. Aber es ist eine harte Branche: Bis zu 15 Stunden Arbeit am Tag, alle zwei Jahre sein Zeug packen und weiterziehen.

Ich habe 13 Jahre in meine Karriere investiert, es war ein langer Kampf, bis ich es wirklich bleiben ließ. Du sagst dir, sei zufrieden mit dem, was du hast, darin bist du gut. Wenn du zu viel willst, fällt es dir früher oder später auf den Kopf.

Doch dann haben meine Frau, sie ist Amerikanerin, und ich entschieden, wir fahren nach Europa und bauen uns etwas Eigenes auf: ein ideales Unternehmen, so wie wir es uns vorstellen, gemeinsam mit unserem Freund Yong-Beom Kang. Er ist Südkoreaner, lebt in Wien. Er war in der Biotechnologie-Forschung und an einem ähnlichen Punkt angelangt wie wir.

Wir haben uns für die Planung ein Jahr Zeit genommen. Die Idee mit dem Frozen Yogurt hatte meine Frau. In den USA gibt es das schon lange, in Österreich war es damals neu. Wir sind im Frühjahr 2011 in Wien gestartet und haben seither drei weitere Filialen mit Lizenzpartnern eröffnet. Eine auch in Bratislava und eine in Holland.

Unsere Businesspläne umfassten 30 Seiten. Wir setzten die Kostenschätzungen hoch an und die Umsatzerwartungen niedrig - und klopften jeden einzelnen Unternehmensaspekt ab. 30 Prozent der Kosten sollten über Eigenkapital, der Rest über Investitionskredite der Banken finanziert werden.

Finanzierung

Wir selbst hatten wenig Vermögen, aber das Glück, dass Freunde und Familie an uns glaubten und uns Geld borgten. Auch der Bank gefiel unser Projekt, und sie sicherte die Finanzierung zu. Das Problem waren die Sicherheiten: Wir haben weder ein Haus noch eine Eigentumswohnung in Grinzing. Wir suchten daher an zwei Stellen um Bürgschaften an - und die Erfahrung war niederschmetternd. Wir waren so voller Tatendrang, hatten mit eigenem Geld schon zu bauen begonnen. Doch es hieß: zu neuartiges Produkt, suboptimaler Standort. Ich sehe uns jetzt noch in der verstaubten Baustelle stehen, mit hängenden Köpfen, am Ende unserer finanziellen Mittel.

Auch ein Einmalzuschuss von 15.000 Euro wurde abgelehnt. Wir haben damals zwei Tage überlegt, ob wir es uns leisten können, um 300 Euro einen Heizkörper zu verlegen. Und wir mussten erneut unsere Familie und Freunde um Geld bitten. Das war kein Spaß und macht sehr bescheiden. Ohne ihre Hilfe wäre aus dem Ganzen nichts geworden.

Jetzt, wo es gut läuft, gibt es Anfragen aus der Politik, ob man uns nicht als Vorzeigemodell präsentieren könne. Damals wollte keiner was von uns wissen. Ich habe Riesenrespekt vor anderen Gründern. Österreich tut viel für seine Landwirtschaft. Doch dort, wo angesetzt gehört, wenn es um neue Jobs geht, bei den Jungen, bei innovativen Wirtschaftszweigen, da tut sich außer viel Schulterklopferei hinterher nichts. Es gibt eine tiefe Kluft zwischen dem Image, das Österreich gerne von sich verkauft, und der Realität. Und das Wort Unternehmer ist hierzulande nach wie vor negativ besetzt.

Zentral, aber ums Eck

Läden auf Top-Einkaufsstraßen können wir uns nicht leisten. Wir sind zentral, aber immer ein bisserl ums Eck. Im Nachhinein gesehen hat es für uns Charme, weil es entspannter und ruhiger ist. Für Werbung hatten wir kein Geld, der Schlüssel war Mundpropaganda. Ich denke, wir haben den Nerv der Zeit getroffen: Nach wenigen Wochen reichte die Kundenschlange bis zu den Tuchlauben. Ein enormer Druck fiel ab. Es war ein tolles Gefühl, eine echte Belohnung, genau dafür tun wir das hier alles.

Wir entnehmen derzeit nichts aus dem Betrieb, jeder verdiente Euro wird investiert. Unsere Karrieren aufzugeben war ein großes Opfer, das muss für was gut gewesen sein. Ein kleiner Shop ist uns daher zu wenig. Ich habe in meinem Job gelernt, Prozesse zu verbessern und zu standardisieren. Multiplizieren wollen wir daher auch Kurt. In den nächsten fünf Jahren sind 20 bis 30 Geschäfte geplant.

Kurt ist für uns wie ein Kind. Wir haben im ersten Jahr sieben Tage die Woche gearbeitet. Auch wenn sich Erfolg einstellt: Es ist wichtig, immer am Ball zu bleiben. Der Gedanke, keiner kann es so gut wie ich, ist aber auf Dauer gefährlich. Denn irgendwann sinkt die eigene Produktivität, die Aufgaben gehören vorab klug verteilt.

Von schlechten Zeiten will in guten keiner reden. Wir drei haben mit einem Notar dennoch klare Regeln für alle Eventualitäten geschaffen. Perfekte Absicherung gibt es keine. Aber wir sind ein gutes Team und keine Rechthaber. Mit reiner Einzelkämpfermentalität kommt man nicht weit.

Wir wollen nicht reich werden, sondern etwas schaffen, auf das wir stolz sind. Und es geht um Lebensqualität, darum, die Früchte unserer Arbeit auch zu genießen. Das will ich nie aus den Augen verlieren. (Verena Kainrath, STANDARD, 12.10.2012)

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