TV-Debatte: Angriffiger Biden attackiert Ryan

Analyse12. Oktober 2012, 09:33
196 Postings

Obamas Vize inszeniert sich im Generationenduell mit Paul Ryan jugendlich und frech - Trotzdem kann er die TV-Debatte nicht eindeutig für sich entscheiden

Joe Biden grinste über beide Ohren und ließ eineinhalb Stunden den Frechdachs heraushängen. Doch am Ende war es zu viel des Guten. Für seinen Chef, US-Präsident Barack Obama, der in der vergangenen Woche im Fernsehen versagte, musste er bei der TV-Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten die Kohlen aus dem Feuer holen und griff deshalb zu drastischen Mitteln. Die lösten bei den Zusehern jedoch vorwiegend Irritation und Unverständnis aus und nicht so sehr Amusement.

Am Ende der Diskussion wusste man nicht, welcher der beiden Kontrahenten nun 70 Jahre und welcher 42 Jahre am Buckel hat. Mit Joe Biden und Paul Ryan lieferten sich zwei Vizepräsidentschaftskandidaten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, ein ebenbürtiges Match. Biden: forsch, angriffig und immer mit einem spöttischen Grinser auf dem Gesicht. Ryan: ruhig, kontrolliert und bestens auf seinen ersten Debattier-Auftritt vor großem Publikum vorbereitet. 

Unter Aufsicht der ABC-Journalistin Martha Raddatz lieferten sich die beiden einen spannenden und kurzweiligen Schlagabtausch. Die "New York Times" bezeichnete das zweite Live-Duell als Debatte mit "Glanz und Leidenschaft". In den eineinhalb Stunden kamen vor allem außenpolitische Konflikte und die Gesundheitsreform zur Sprache, doch auch zum Thema Abtreibung mussten die beiden Kandidaten Stellung nehmen.

Fox News: "Unverschämtes Verhalten"

Biden beschränkte sich weniger darauf, inhaltlich auf sich aufmerksam zu machen. Stattdessen ließ er seine Mimik und Gestik spielen und keine Zweifel daran, was er über die politische Glaubwürdigkeit seines Kontrahenten dachte. Bei fast jeder Antwort Ryans konnte und wollte sich Biden ein Lachen nicht verkneifen. Ein spöttischer Grinser jagte den anderen.

Beim Publikum kam das sehr unterschiedlich an. Während in einer Online-Umfrage der "Huffington Post" die meisten Seher angaben, sie seien über Bidens Reaktionen erfreut gewesen, streiten die politischen Kommentatoren darüber, ob der Schuss nicht doch nach hinten losgegangen ist. Auf der republikanischen Seite war der Befund naturgemäß klar: Kommentatoren von Fox News bezeichneten Bidens Verhalten als unverschämt und respektlos.

Taktisch klug war hingegen, dass Biden oft direkt in die Kamera blickte und die Wählerinnen und Wähler auch direkt ansprach. So fragte er die Zuseher zum Beispiel, wem sie bei der Reform des Gesundheitssystems eher vertrauen: "Mir, der sein ganzes Leben lang dafür kämpft? Oder jemandem, der die Kosten für Medicare pro Jahr um 6.400 Dollar erhöhen würde?" Biden ließ es sich, wenn nötig, auch nicht nehmen, Ryan zu unterbrechen und dessen Aussagen als Blödsinn ("A bunch of stuff") zu bezeichnen.

Was Obama in der vergangenen Woche sträflich vernachlässigt hatte, holte Biden für ihn dieses Mal nach. Er griff Romneys "47 Prozent"-Sager auf. "Es steht mir bis zum Hals", sagte er. "Diese 47 Prozent sind Leute wie meine Eltern und Nachbarn. Sie zahlen mehr Steuern als Mitt Romney." Kritik äußerte Biden, der sich als Retter der Mittelschicht gerierte, auch an der vehementen republikanischen Ablehnung der Konjunkturpakete. "Herr Ryan hat mir selber zwei Briefe geschickt, in denen er um Gelder für zwei Firmen in Wisconsin ansuchte. Und dann sagt er, dass das ein schlechtes Programm ist."

Kein eindeutiger Sieger

Überraschend firm wirkte Jungspund Ryan in Fragen der amerikanischen Außenpolitik. Er attestierte Obamas Regierung Führungsschwäche. Die USA hätten die Chance auf eine Entschärfung des Atomstreits mit dem Iran schon während der Grünen Revolution verpasst. Biden argumentierte hingegen, dass die derzeitigen Sanktionen gegen den Iran die wirksamsten in der jüngeren Vergangenheit seien. In puncto Syrien kritisierte Ryan, dass man hier nicht auf die UNO hätte warten sollen, sondern auch gegen den Willen Russlands und Chinas eingreifen müsse.

Anders als es seine Vorliebe für Fitnesstraining suggerieren würde, kämpfte Ryan letztendlich nicht mit allen Mitteln um den Sieg. Eher ließ er Joe Biden den Vortritt, sich durch sein angriffiges Verhalten selbst ins Abseits zu schießen. Eindeutigen Gewinner gab es kurz nach der Debatte dennoch keinen. In der ersten Blitzumfrage von CNN lag Paul Ryan vorne, bei CBS News ging die Debatte hingegen an Joe Biden. (Teresa Eder, derStandard.at, 12.10.2012)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Joe Biden grinst ...

  • Bild nicht mehr verfügbar

    ... und grinst.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Zwischendurch kann er aber auch nicht glauben, was sein Kontrahent Paul Ryan von sich gibt.

  • Das TV-Duell zum Nachsehen.

Share if you care.