Judenburg: "Das Sterben ist nicht aufzuhalten"

Reportage11. Oktober 2012, 22:24
155 Postings

Ein Einkaufszentrum der Nachbargemeinde entzieht Judenburg Kunden und Kaufkraft. Warum es für eine Kehrtwende eines Wunders bedarf

Feine Herrenmode ist einer historischen Feuerstelle aus dem 14. Jahrhundert gewichen. In leeren Glasvitrinen sammeln sich gelbe Zigarettenstummel. Die Verkaufstheken in den aufgelassenen Läden ruhen unter einer dicken Staubschicht. Und aus einer Mauerecke dringt beißender Gestank. Ein Schild erinnert an die kurze Blüte der Handelsarkade in der Judenburger Altstadt: Es lädt zum "Bummeln, Einkaufen, Genießen" ein. Doch die vielen kleinen Boutiquen zogen bereits vor Jahren aus der Passage aus.

Zwei breite parallele Straßen rahmen den Hauptplatz ein. Eine davon flankierten in guten Zeiten 60 Geschäfte. Heute hat sie der Handel fast gänzlich verlassen. Von der lebhaften Modemeile ist nichts geblieben - an Palmers erinnert nur noch ein ein blassgrünes "P". Heuer gab Schlecker auf, die Billa-Filiale ist seit kurzem leer.

Spielsalon, Sozialmarkt

Nur eine Handvoll eingesessener Kaufleute hält die Stellung. Sepp Hawelka hat in seinem Schmuckgeschäft einen nach dem anderen zusperren gesehen. Nun hat er einen Spielsalon als direkten Nachbarn, und vis-à-vis einen Sozialmarkt. Hawelka schließt nicht aus, auch selber zu gehen. "Die Bevölkerung wandert ab, Leitbetriebe sind weg, und Parkplätze fehlen." Auf Dauer könne so kein Kleiner überleben.

Pläne der Gemeinde, die Straße zur verkehrsberuhigten Zone zu machen, stoßen auf Skepsis. "Noch ruhiger als jetzt kann's eigentlich nicht werden", seufzt eine Floristin, "schad' ist es halt um unsere schöne Altstadt".

Sie komme immer in Endzeitstimmung, sehe sie die vielen verwaisten Flächen, ergänzt eine junge Judenburger Ärztin, "ein Gefühl wie im Ostblock".

Zwei Handelshäuser warren einst Zugpferde der steirischen Stadt: Kastner & Öhler und Leiner. Erstere wollten ausbauen, doch die Auflagen der Innenstadt ließen dies nicht zu. Beide siedelten auf die grüne Wiese um. Zurück blieben triste, großteils ungenutzte Burgen, die vor sich hin bröckeln.

Uneins waren sich die Judenburger, was neue Handelsflächen am Westende der Stadt betraf - bis die Nachbargemeinde vor zwölf Jahren eine folgenschwere Entscheidung traf: Fohnsdorf zog hart vor den Stadttoren ein weitläufiges Einkaufsareal auf. Gut 100 Geschäfte tummeln sich heute in der Arena und entziehen Judenburg in großem Stil Kunden und Kaufkraft.

Hannes Dolleschall sieht keine politischen Versäumnisse seiner Vorgänger. Der Rückzug der größten Händler aus dem Ortskern basierte auf deren Unternehmensentscheidungen, ist sich der SP-Bürgermeister sicher.

Und mit Fohnsdorf habe man damals sehr wohl das Gespräch über gemeinsame regionale Projekte gesucht - allerdings ohne Erfolg.

Vom Einkaufscenter habe Judenburg "nichts - außer mehr Ruhe in der Innenstadt", ergänzt er nicht ohne Bitterkeit. Ein fairer Wettbewerb mit der Arena sei nicht möglich. Dort finanzierten Mieter den Aufwand für Infrastruktur und Parkplätze. Im Stadtzentrum trage dafür die Gemeinde die Kosten. Der Versuch, Einkaufszentren zu Infrastrukturabgaben zu bewegen, um Standortvorteile auszugleichen, sei im Sand verlaufen.

Dolleschall malt das Bild einer Künstlermeile, um Judenburg zu beleben. In die leere Passage am Hauptplatz soll eine Bürgeranlaufstelle einziehen. Ideen einer neuen Parkgarage liegen in der Luft. All das sei " aber mit einem riesigen finanziellen Aufwand" verbunden.

An ein Geschäftswunder glaubt in Judenburg keiner. Auch wenn in Filmen des Planetariums in der Spitze des historischen Stadtturms mitunter von " der Weltstadt Judenburg" die Rede ist.

An Mut und Engagement fehlt es den Kaufleuten dennoch nicht. 34 Stadtbürger taten sich erst jüngst finanziell zusammen, um ein beliebtes Geschäft für fairen Handel zu retten, erzählt die Verkäuferin des farbenfrohen Shops. "Viel Idealismus und ehrenamtliche Arbeit stecken dahinter."

An der Hauptstraße eröffneten zwei Jungunternehmerinnen ein Geschäft rund um Skatermode. Von Einkaufszentren halten sie wenig, "wir wollen das Ambiente der Innenstadt", sagt Bianca Griesser. Für gute Mode seien die Leute auch zu Extrawegen bereit. "Probieren wir es nicht aus, finden wir nie heraus, ob es die richtige Entscheidung war."

Keinen Bock auf Center

Nebenan hat sich Familie Kocsil auf Motorradzubehör spezialisiert. "Die Midlife-Crisis meines Mannes", sagt Monika Kocsil und lacht. Auch sie hätten sich bewusst fürs Stadtzentrum entschieden. Die große Fläche, über die sie hier verfügten, seien in Einkaufszentren kaum leistbar. Wegen der längeren Öffungszeiten brauche es dort auch Angestellte. Dem Familienleben diene es, dass sie nicht pendeln müsse. Außerdem seien die Kunden hier nicht gestresst und viel netter. "Kleine Betriebe haben es in der Stadt einfach leichter."

"Viele Junge haben auf Einkaufscenter keinen Bock mehr", sagt der Optiker Helmut Fuchs. "Vor allem die Generation Ikea", die jeden Samstag mit den Eltern zum Shoppen fahren musste. Er sieht viele den Weg zurück in die Ortskerne suchen. In Branchen wie der seinen sei es zudem "wie bei Restaurants: Bist du gut, kommen die Leute zu dir, egal wo du bist".

"Das Sterben rundum ist nicht aufzuhalten. Aber wir alle schwimmen gegen den Strom", sinniert Manfred Magnet. Er und sein Partner waren einst Meinl-Kaufleute, bis Spar und Billa den Lebensmittelhändler kauften. "Aber wir lassen uns nicht verkaufen." Die beiden eröffneten an der Flanke eines mächtigen Rivalen ihr eigenes Geschäft mit Delikatessen aus der Region, von Gamswurst bis zu Zirbenkugeln. An Samstagvormittagen ist es krachend voll. "Die Uhr ist das Erste, das kleine Händler abgeben müssen. Aber neben Großen überleben zu können ist die stärkste Motivation." (Verena Kainrath, DER STANDARD, 12.10.2012)

  • Einst säumten in Judenburg bis zu 60 Betriebe die Straße. Heute hält eine Handvoll alteingesessener Händler die Stellung. "Schad' ist es um die schöne Altstadt."
    foto: kainrath/standard

    Einst säumten in Judenburg bis zu 60 Betriebe die Straße. Heute hält eine Handvoll alteingesessener Händler die Stellung. "Schad' ist es um die schöne Altstadt."

  • Mode ist hier Geschichte. Eine Künstlermeile soll die frühere Einkaufsstraße nun neu beleben, der Verkehr soll beruhigt werden.
    foto: kainrath/standard

    Mode ist hier Geschichte. Eine Künstlermeile soll die frühere Einkaufsstraße nun neu beleben, der Verkehr soll beruhigt werden.

Share if you care.