Die Ohnmacht der "radikalen Verlierer" und das Versagen der Linken

Kommentar der anderen11. Oktober 2012, 18:41
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Über einige Unschärfen des Diskurses über Gewalt und politischen Terror und die Notwendigkeit, die Stimmen der Deklassierten nicht den Populisten zu überlassen. Nachklang einer Polit-Matinee im Burgtheater*

Ein allgemeiner Fehler, den die Menschen in Europa oder im Westen generell machen, ist, so glaube ich, verschiedene Typen politischer Gewalt, die aus der islamischen Welt kommen, miteinander zu verwechseln. Das eine ist die Gewalt, wie wir sie im Nahen Osten erleben, besonders vor dem Arabischen Frühling. Die Auswirkungen, die der Arabische Frühling haben wird, kennen wir noch nicht. Wir können nur das Beste hoffen.

Aber vorher bereits waren Gruppen wie Al-Kaida und andere radikale islamistische Gruppierungen kein Symptom für das Aufeinanderprallen der Kulturen, für irgendeine vergangene islamische Welt, die mit der Moderne aneinandergeriet oder etwas Ähnliches dieser Art. Es war eine Rebellion im Nahen Osten, die nicht so sehr gegen den Westen gerichtet war, sondern vielmehr gegen säkulare Polizeistaaten und deren Eliten. Und weil die Korruption dieser Eliten als vom Westen kommend gesehen wurde, wurde der Westen selbst sehr oft zum Ziel. Aber diese Art der Gewalt oder diese revolutionäre Bewegung darf nicht mit Morden in einen Topf geworfen werden wie jenem an Theo van Gogh in meinem eigenen Land, der von jemandem marokkanischer Herkunft, Mohammed Bouyeri, getötet wurde.

Leben zwischen den Welten

Die islamistischen Rebellen in Europa müssen, so glaube ich, völlig anders erklärt werden. Sie werden sicherlich durch das Internet beeinflusst, durch Imame und so weiter, durch das, was auch immer im Nahen Osten passiert. Ihre Krankhaftigkeit, wenn man es so nennen möchte, ist aber völlig anders gelagert. Das sind Menschen, die zwischen zwei Welten gefangen sind. Sie sind keine Abkömmlinge einer alten Kultur, die mit dem Westen kollidiert, das sind die Söhne von Menschen, die als Gastarbeiter nach Westeuropa kamen, und diese Gastarbeiter aus den anatolischen und marokkanischen Dörfern waren mitnichten Radikale.

Aber einige ihrer Söhne radikalisierten sich, weil sie in Europa geboren wurden, in Europa aufgewachsen sind, sie sind Europäer. Sie spüren weder eine Verbindung zu den Dörfern ihrer Eltern, noch fühlen sie sich zu Hause im Westen immer angenommen, in einigen Fällen fühlen sie sogar, dass sie aktiv zurückgewiesen werden.

Mohammed Bouyeri war ein typisches Beispiel für jemanden, der nicht religiös war, als er aufwuchs. Er war wie die meisten seiner europäischen Zeitgenossen an Fußball interessiert, an Mädchen, am Biertrinken und am Fortgehen. Aber was passiert mit diesen radikalen Verlierern, von denen Hans Magnus Enzensberger in seinem Buch "Schreckens Männer" (2006) spricht?

Die radikalen Verlierer, die vielleicht einmal zu oft abgewiesen wurden, kippen weg. Die Ablehnung durch die eigene Freundin, einen Job, den einer nicht bekommen hat, und so weiter. Plötzlich haben die Rachegefühle die Oberhand. Und was gibt dem Ganzen Bedeutung, was gibt dem einen Grund? In diesem Fall wäre es die islamische Revolution, die ein Gefühl der Dazugehörigkeit vermittelt, ein Gefühl der Macht bei Menschen, die sich völlig ohnmächtig fühlen.

Von Eliten enttäuscht

Die Bombenleger von London sind dafür ein gutes Beispiel. Diese Leute wurden ursprünglich von der politischen Linken angezogen. Und die Linke in westeuropäischen Ländern machte sich zur Kämpferin und Streiterin für die Immigranten, zur Meisterin des Multikulturalismus. Sie suchten eine Art linke Emanzipation. Nur hat das oft nicht funktioniert.

Und die Desillusionierung darüber, über diese links angesiedelten säkularen Menschen, die sich als Weltmeister ihrer Anliegen gerierten, führte zu einer gewalttätigen Form von Identitätspolitik, die durch die modernen radikalen Strömungen des Islam genährt wurde. Und ich glaube, dass Klassendenken damit eine Menge zu tun hat. Marx lag bei einigen Dingen nicht völlig daneben, selbst wenn dies nur noch wenige Menschen aussprechen.

Und ich glaube, dass der Fall Salman Rushdies, der eine Art Wendepunkt dafür war, dies ganz klar aufzeigt. Rushdie selbst war Teil dieser linken, säkularen literarischen Elite in London, die an Multikulti glaubte und natürlich mit jenen, denen sie helfen wollte, sehr wenig gemeinsam hatte. Das Ganze endete mit einem Betrug nach beiden Seiten. Der junge Muslim, der anfangs an eine Art linke Emanzipation in der Gesellschaft glaubte, wandte sich gegen diese linke Elite, fühlte sich von ihr betrogen, weil sie ihn nirgendwo hinführte. Und genau diese linke Elite fühlte sich ihrerseits wieder von diesem jungen Muslim betrogen.

Revolte gegen den Konsens

Heute ist es genauso, wenn man sich die andere Seite derselben Frage ansieht. Bei der Islamophobie gibt es eine merkwürdige Verbindung von Leuten, die in den 1960ern und 1970ern der Linken angehörten und rechten Populisten. Selbst wenn sie bei vielen anderen Themen verschiedener Meinung sein mögen, stimmen sie bei dem überein, was sie als die enorme Bedrohung der westlichen Zivilisation durch den Islam ansehen. Und ich glaube, dass der Populismus der Rechten in vielen Fällen nichts anderes ist als die Revolte gegen den Konsens unter den europäischen Eliten, der ein sozialistischer oder christdemokratischer ist.

Der Konsens der Eliten nach dem Zweiten Weltkrieg beruhte darauf, dass der Nationalismus schuld an zwei selbstzerstörerischen Kriegen in Europa war. Daher wollen wir keinen Nationalismus mehr. Dann, in den 1960ern, aus rein selbstsüchtigen oder wenigsten wirtschaftlichen Gründen, gestatteten wir eine Art informelle Zuwanderung aus ärmeren Ländern, meistens islamischen, und das führte zu Spannungen in den traditionellen Arbeitervierteln in vielen europäischen Städten. Aber die Leute, die sich darüber beklagten, wurden wieder genau wegen dieses Konses aus der Nachkriegszeit rasch mundtot gemacht.

Sie wurden als Rassisten abgetan. Gleichzeitig begannen dieselben christdemokratischen und sozialistischen Eliten in vielerlei Hinsicht das demokratische System für sich zu monopolisieren. Es wurde von vielen Menschen wahrgenommen, dass die Demokratie nicht mehr länger so geschmiert funktioniert wie vorher.

Ich glaube, dass es eine populistische Gegenbewegung gibt gegen diesen Konsens und gegen diese Eliten, die die Schuld für alle möglichen modernen Ängste aufgedrückt bekommen, die mit der globalen Wirtschaft zu tun haben, mit Europa, mit den europäischen Institutionen, mit der Tatsache, dass viele Bürger das Gefühl haben, den Halt verloren zu haben.

In vielerlei Hinsicht wird dies auch durch eine neue Art von Klassenkonflikt genährt. Da gibt es einmal jene Klasse, die von der Globalisierung profitiert, die Grenzen überschreiten kann, die per Internet Kontakt in viele Länder hat. Und dann gibt es eine Klasse, die etwas weiter hintennach ist, vielleicht weniger gebildet, die den Nutzen dieser ganzen Situation nicht sofort gespürt hat und die sich in ihrer Gesellschaft immer mehr an den Rand gedrängt fühlt.

Ich glaube, wenn man die verschiedenen Arten politischen Terrorismus vergleicht, die revolutionäre Linke in den 1970ern und die Populisten oder die Islamisten unserer heutigen Zeit, so können das alle miteinander sehr gut radikale Verlierer im Sinne Hans Magnus Enzensbergers sein. Wenn Politiker des Mainstreams anfangen zu sagen, dass die Anhänger einer multikulturellen Gesellschaft oder Muslime eine Bedrohung für unsere Gesellschaft sind, dann darf niemand überrascht sein, wenn ein gestörter Mensch wie Anders Breivik in Norwegen diese Aussagen wörtlich nimmt.

In der Tat war der Islam niemals die Hauptsache. Das zeigt die Tatsache, mit welcher Leichtigkeit die immer gleichen Populisten in mehreren europäischen Ländern in den letzten beiden Jahren ihre Standpunkte verschoben haben. Die Eliten sind natürlich Anhänger des europäischen Projekts. Uns wurde nicht mehr länger gestattet, Nationalisten zu sein, seit dem Krieg mussten wir gute Europäer sein. Und so werden die Ängste, die wir haben, weil wir in einer Welt leben, zu der wir keine richtige spürbare Verbindung mehr haben und wo wir auch das Gefühl haben, dass unsere Regierungen zu ihr keinen richtigen Zugriff mehr haben, Europa zugeschoben, und Europa ist wieder die Schuld dieser liberalen Elite.

Nun, was kann man jetzt tun? Die Unzufriedenheit ist real. Die Wut, die Ängste, die Ressentiments verschwinden nicht so rasch. Wir können natürlich keinesfalls Gewalt oder Gewaltandrohung gutheißen, egal ob sie jetzt von Islamisten ausgeht oder von den Gegnern des Islam und des Multikulturalismus. Aber die Stimmen der Unzufriedenen, der Ängstlichen müssen gehört werden und in den demokratischen Prozess hineingenommen werden. Wenn das nicht passiert, können wir nur noch mehr Gewalt erwarten. Wir können diese Leute nicht denunzieren oder zurückweisen oder sagen, dass sie furchtbar sind. Ihren Stimmen muss in irgendeiner Form Rechnung getragen werden. (Ian Buruma, Übersetzung Luzia Schrampf, DER STANDARD, 12.10.2012)

Ian Buruma (61), britisch-niederländischer Schriftsteller und Journalist, ist Professor für Menschenrechte am Bard College in New York. Letzte Buchveröffentlichung: "Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo van Gogh".

* "Lehren aus der Geschichte des politischen Terrors in Europa", Wien, 7. Oktober, veranstaltet vom Kreisky-Forum, dem Zeitgeschichte-Institut der Uni Wien und dem STANDARD, mit Franz Vranitzky, Joakim Palme und Isolde Charim.

Cremers Photoblog: Im Burgtheater mit Franz Vranitzky

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