"Nigerias Taliban" sorgen für einen blutigen Herbst

Analyse |

Nach einer Entspannungsphase zwischen der Regierung und der islamistischen Boko Haram stehen die Zeichen wieder auf Sturm

Abuja/Wien - Irgendwann Mitte September muss etwas schief gelaufen sein. Seither vergeht in Nigeria kaum ein Tag ohne Bombenanschläge, Schussattentate und Blutvergießen. Entweder die Task Force aus Polizei und Militär geht gegen Stützpunkte der Boko Haram vor. Oder die islamistische Sekte ihrerseits richtet schwere Massaker an. Allein in den vergangenen vier Wochen waren an die 200 Todesopfer zu beklagen.

Nach Schätzungen hat der seit 2010 schwelende Konflikt im größten westafrikanischen Land bereits zwischen 1400 und 2800 Menschen das Leben gekostet. Die fundamentalistische Boko-Haram-Gruppe (übersetzt etwa: Gegner westlicher Erziehung) bombt von ihren Rückzugsgebieten im muslimischen Norden des Landes aus alles nieder, was ihrer Auslegung des Koran widerspricht. Seien es Christen, Brettspieler (zuletzt sechs Tote in Bauchi) oder Studenten eines Polytechnikums (40 Ermordete in Mubi).

Dabei standen die Signale zwischenzeitlich auf Entspannung: Die Regierung in Abuja und die "nigerianischen Taliban" hatten sich Ende August auf inoffizielle Gespräche eingelassen. Reuben Abati, der Sprecher von Präsident Goodluck Jonathan, erklärte damals: "Wir wollen besser verstehen, was die Beschwerden dieser Personen sind und was wir tun können, um diese Krise zu beenden." Wenige Wochen zuvor hatte auch der Vorsteher der großen Moschee in Abuja, Yayaha Abubakar, im Standard-Gespräch in der nigerianischen Hauptstadt begrüßt, dass die Regierung einen Gesprächskanal mit den "unislamisch handelnden" Boko-Haram-Aktivisten aufbaue.

Allein: Dieser Kanal blieb kaum vierzehn Tage offen.

Das mag auch deswegen der Fall gewesen sein, weil der Konflikt in Nigeria, das von einer Grenze zwischen christlich-animistischen und muslimischen Gebieten wie von einem Äquator durchzogen wird, nicht nur religiöse Hintergründe hat. In einem im Frühsommer verfassten internen Bericht für Brüssel schreiben die EU-Botschafter in Abuja: "Die Sekte benutzt die Religion, um Spannungen zu erhöhen und das Land zu destabilisieren. Aber: Religion ist nicht die Quelle dieses Konfliktes." Hohe Jugendarbeitslosigkeit sei ein fruchtbarer Boden für Radikalisierung, genauso wie das Gefühl der Marginalisierung im Norden. Dazu kämen ethnische Spannungen, Kämpfe um Land und Weiderechte oder politische Diskriminierung.

Präsident Jonathan bestätigte das zuletzt, in dem er zwar das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte pries, aber auch erklärte: "Es ist ebenso wichtig, die landwirtschaftliche Produktion, Jobchancen und westliche Erziehung in den nördlichen Gebieten zu fördern. Und es ist wichtig, die indirekten Gespräche zu führen."

Boko-Haram-Führer Abubakar Shekau entgegnete postwendend via Videobotschaft: "Wir haben diesen Dialog nie gesucht. Es wird keinen Frieden geben, solange wir angegriffen werden." Danach sprachen wieder die Bomben. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 12.10.2012)

 

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14 Postings

Mit religiösen Fanatikern kann man nicht verhandeln.

leider nicht...

Strages Land

Schon ein seltsames Land ...Dieses Nigeria. Ich kenne das Leben in Abuja. In dieser Stadt leben nur reiche Nigerianer, Botschaftsangehörige und Ex Pats. Die meisten "Durchschnittsbürger" sind Angestellte die bei den Reichen hausen oder jeden Tag von Außen nach Abuja pendeln. Die Stadt selbst ist komplett künstlich angelegt.... (Mit vielen Palmen,...) Die Preise in den Shops sind fast doppelt so hoch wie bei uns in Österreich. Wenn ich Nigerianer wäre würde ich mir einfach nur verarscht vorkommen! Die Schere geht dort so auseinander wie selten wo. Da stehst mit dem Auto auf der Kreuzung. Links von dir ein nagelneuer 7er BMW und rechts von dir ein Mazda 323 Taxi (total verbeult ...die Stoßstange hängt runter,...) indem 7 Personen sitzen.

sie würden sich also besser fühlen, wenn nur verbeulte mazdas unterwegs wären?

Religion ist nicht die Quelle dieses Konfliktes?

Nein, Religion ist das Ergebnis menschlicher IDIOTIE und für idioten eine hervorragende Basis für Massenmord. Dafür eignet sich eine Religion besser als andere.
Verwunderlich dass diese "Menschen" Luft kriegen!

vielleicht nicht die alleinige quelle, aber 80 - 90 % davon sicher. ok, schwiwerige lebensbedingungen der unterschicht tragen sicher auch dazu bei, dass diese menschen sich radikalen gruppen zuwenden. aber er islam ist da weltweit schon ein bissl auffaellig, mit gruppen wie al-qaeda plus allen verwandten dieser gruppen, boko haram, doe westliche bildng als suende ausgeben (die wollen ja nicht einmal bessere lebensbedingungen, wenn's ihren religioesen grundsaetzen zuwiderlaeuft), usw.

ok, gibt, auch radikale christen und andere, aber ich habe den eindruck, dass der islam die meisten dieser gruppen hervorbringt...

"Hohe Jugendarbeitslosigkeit sei ein fruchtbarer Boden für Radikalisierung, genauso wie das Gefühl der Marginalisierung im Norden."

Geh bitte soll das ein Scherz sein? In Simbabwe, in Sambia, in Malawi, in Tansania, in Mosambik, in zig anderen Staaten gibt es sehr hohe Arbeitslosigkeit (generelle und bei der Jugend), in den entsprechenden Staaten fühlen sich auch gewisse Teile der Bevölkerung marginalisiert. Trotzdem gibt es keine Bomenanschläge und Selbstmordaktionen.....
Selbst in Spanien mit hoher Jugendarbeitslosigkeit (50%) haben sich vorerst noch keine Jugendlichen in die Luft gesprengt und bisher schauts so aus, als ob das so bleiben würde...

Mir ist das als Erklärung zu wenig.

Na also 1 und 1 müssen Sie jetzt schon zusammenzählen, ganz so einfach ist es doch nicht.

In Spanien oder Simbabwe gibt es auch keine religiösen Spannungen wie in Nigeria. Damit ergibt sich daß nur beide Faktoren (in diesem Fall) so etwas auslösen können. Das ist jetzt aber wirklich die simpelste Sicht der Dinge, die eigentlich jeder verstehen sollte....

Abgesehen davon: Darf ich an die ETA erinnern? Zwar keine religöse Spannung aber eine ethnische.

Religion ist nicht die Quelle des Konfliktes? Was sonst?

es ist nicht die ursache, aber die rechtfertigung das persönliche onmachtsgefühl in gewalt und mord gegen andere auszudrücken

hier muss die westliche welt einschreiten gegen die spaltung der länder in arm und reich (meist günstlinge von großkonzernen) und es muss die arabische welt einschreiten und klar machen, dass der islam keine rechtfertigung für willkürliche morde ist.

solange die islamische gemeinschaft duldet, dass in ihrem namen menschen getötet werden und sich nicht geschlossen dagegen stellt, hat sie keinerlei grundlage das ausbeuterische verhalten des westens (das auch gestoppt werden muss) zu kritisieren.

was jetzt passiert schürt in unseren ländern nur den widerwertigen gedanken „alle raus bei uns und bombe auf den islam“.

salafisten und die rechten sind leider die gleiche verblödung von jugendlichen. höhere ziele um andre zu verletzen oder töten

Sie haben zwar teilweise recht, aber das Märchen von den armen, ausgebeuteten und unterdrückten Moslems ist doch ein Märchen, einige arabische Staaten gehören zu den reichsten der Welt, die zB ihre Gastarbeiter mehr als nur unterdrücken (SA, Emirate) und von kommt das Geld für den Terror und von dort sind auch die Attentäter von 9/11 gekommen, nicht aus den Slums. Und in Nigeria geht es eher um das Recht, die anderen zu unterdrücken und zu beherrschen, als um einen Kampf der armen und entrechteten.

so wie sie es formulieren stimmt ihre analyse für höchstens 10 % der bevölkerung in den ländern. der rest sind weder alles uniforme moslems noch reich. wie unterschiedlich - unterdrückerisch und kulturfremd - hier die auffassungen sind, zeigt gerade ein kürzliches beispiel in nigeria, wo nicht einmal die organisatoren einer hadsch wussten, dass frauen nicht ohne wächter nach saudi arabien reisen dürfen.

es kommen dort viele faktoren zusammen und da sind viele äußere feinde schnell gefunden. getragen sind rechts-faschistsche machtkämpfe historisch nicht von den ärmsten oder ungebildetsten, die aber wehren sich kaum oder hoffen eben auf erlösung.

aber ein löwe, der selbst hungrig ist, wird den hasen nur retten, um ihn dann zu fressen.

Natürlich sind nicht alle reich, aber in Saudi-A oder den Emiraten ist die "einheimische" Bevölkerung im Schnitt durchaus wohlhaben bis superreich, das gilt nicht für die zB indonesischen Hausmädchen u.a. Ich meine nur, daß der derzeitige moslemische Terrorismus nicht auf den simplen Grund "die armen und unterdrückten gegen die bösen Imperialisten" zurückzuführen ist.

Arbeiten werden diese jungen Herren wohl selber nicht allzuviel wollen......und die Auslegung radikaler Religion, in diesem Fall des Islams, fördert ja durch die Abwertung der Frau zur Sache/Arbeitstier jene Rüpel. "Christliches" 2. Wange hinhalten wird nichts nützen....wer beim ersten mal erwischt wird, ab in ein Arbeitslager, und ansonsten wird sich vielleicht mancher dieser Helden überlegen eine Kirche anzuzünden wenn zurückgeschossen wird.....sei denn es werden diesen die Jungfrauen für die Helden glaubhaft genug versprochen.

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