Wer holt die Händler zurück in die Stadt

Interview |
  • Eine Kunstaktion von Betsabee Romero aus dem Jahr 2007. Trotz Parkplatzmangels sind in Österreichs Innenstädten aber noch wenige Autos im Teich abgestellt worden.
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    Eine Kunstaktion von Betsabee Romero aus dem Jahr 2007. Trotz Parkplatzmangels sind in Österreichs Innenstädten aber noch wenige Autos im Teich abgestellt worden.

  • Bürgermeister sollten Shoppingcenter-Manager sein, sagt 
Handelspräsident Stephan Mayer-Heinisch (li.). Gemeindebundpräsident 
Helmut Mödlhammer sieht Händler vielfach Unverschämtes fordern.
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    Bürgermeister sollten Shoppingcenter-Manager sein, sagt Handelspräsident Stephan Mayer-Heinisch (li.). Gemeindebundpräsident Helmut Mödlhammer sieht Händler vielfach Unverschämtes fordern.

In Innenstädten den roten Teppich ausrollen? Über verödete Ortskerne, Geld, Leere und pokernde Bürgermeister

STANDARD: Herr Mödlhammer, wo gehen Sie einkaufen?

Mödlhammer: Ich kaufe wenig ein, das erledigt meine Frau. Aber habe ich die Möglichkeit, dann natürlich in meiner Gemeinde. Das ist Pflicht eines Bürgermeisters.

STANDARD: Herr Mayer-Heinisch, im Zweifel für oder gegen die kleinen Händler in der Innenstadt?

Mayer-Heinisch: Ich bin ein Wandervogel, gehe dorthin, wo ich am besten bedient werde. Ich erlebe fantastische kleine Händler, aber auch tolle internationale Ketten.

STANDARD: Den Weg durch Österreich säumen verödete Ortskerne. Der Handel lebt auch ohne sie gut ...

Mayer-Heinisch: ... die Städte umgekehrt aber nicht ohne den Handel.

STANDARD: Wird einem da bange?

Mödlhammer: Mir wird sehr bange. Unsere Modellfunktion bei der Erhaltung ländlicher Gebiete steht auf der Kippe. Es ist vielleicht fünf vor zwölf. Wir müssen alles daransetzen, die öffentliche Infrastruktur zu erhalten. Die Leute gehen dorthin, wo sie arbeiten und wohnen können, wo sie ein Umfeld - von Kinderbetreuung bis Pflege - vorfinden. Wir brauchen einen Masterplan für ländliche Gebiete.

Mayer-Heinisch: Die Entleerung der ländlichen Räume ist ein Megatrend. 2050 werden 75 Prozent der Europäer in Städten leben. Viele Gemeinden in Österreich wurden ohne Strategien verwaltet. Durch ungeschickte Raumordnung fand der Handel leichtere Spielwiesen vor der Stadt. Ich selbst habe wenige Bürgermeister getroffen, die um ihn gekämpft haben, und sehr viele, die sagten, dann soll er halt gehen. Es klingt keck, aber: Bürgermeister sollten Shoppingcenter-Manager sein für ihre Städte. Viele aber haben das an irgendeinen Werbeverein delegiert.

Mödlhammer: Ist kein Geld da, ist ihr Spielraum begrenzt - die Wirtschaftlichkeit hat viele veranlasst, Betriebe dort anzusiedeln, wo es am leichtesten ist, günstige Flächen gibt, an Verkehrsadern, mit Ausbaumöglichkeit. Der Handel umgarnte sie. Da wurde übers Ziel hinausgeschossen. Es gibt aber Gegenbewegungen, auch von Betrieben, die zurückwollen in die Orte.

Mayer-Heinisch: Auch der Handel selbst muss sich an der Nase nehmen. Regionalkaiser haben Neues oft verhindert. Heute gibt es sie nicht mehr, und andere Entwicklungen fanden außerhalb statt. Es gibt aber auch Positives: Leoben etwa. Für mich war die Stadt handelstechnisch immer ein No-Go - bis sie ein Public-Private-Partnership-Modell mit Investoren umdrehte. Heute ist Leoben auf fast jeder Speisekarte. Der zuvor fade Hauptplatz ist wieder lebendig.

STANDARD: An welchen Schrauben muss man drehen?

Mödlhammer: Es braucht Anfahrts- und Parkmöglichkeiten. Gibt es Einzugsgebiete, gehen auch kleine Geschäfte wie Nischen gut. Vieles hängt an kreativen Kaufleuten.

Mayer-Heinisch: Auswahl, Anfahrbarkeit, Ambiente sind spielentscheidend. Ich bin nicht per se gegen Citymauten, aber werde ich dort geschröpft und dann im Parkhaus, ist das ein bisserl viel. Das eigentliche Problem jedoch waren die kleinteiligen Strukturen der Gemeinden, die alle Steuereinnahmen auf eigenem Gebiet wollten. Überregionale Steuerverbände hätten da korrigierend gewirkt.

Mödlhammer: Man muss sich stärker abstimmen. Nicht jede Stadt kann eine Tourismusregion, nicht jede eine Industrie- oder eine Einkaufsstadt sein. Die Bürgermeister können Marktentwicklung nicht steuern, aber die Leute darauf aufmerksam machen, das Angebot vor Ort zu nutzen - und es attraktiv machen. Bei mir im Ort gibt es eine Metzgerei, die sich auf Rindfleisch spezialisiert hat. Die Leute kommen dafür zig Kilometer her.

STANDARD: Der Handel lässt sich Engagement in halbtoten Städte oft teuer abkaufen. Geht das nicht in Richtung versteckter Subvention?

Mayer-Heinisch: Ein Henne-Ei-Problem. Händler gehen dorthin, wo Kunden sind. Wo es kippt, wird ein guter Händler verhandeln, seinen Vorteil nutzen und ziehen ...

Mödlhammer: ... da gibt es zum Teil unverschämte Forderungen ...

Mayer-Heinisch: Da gibt es halt immer zwei, einen der fordert und den anderen, der gibt. Ich habe viele Städte erlebt, die jahrelang eine Mittagsöffnungszeit oder gescheite Parkplätze verhindert haben. Irgendwann kamen Fachmärkte vor die Stadt. Und jetzt ist es vorbei. Der Handel ist eine schnelllebige Industrie, fackelt nicht lang herum, weil er unter unfassbarem Druck steht. Ein Unternehmen mit 120 Filialen kann nicht auf die einzelne Stadt Rücksicht nehmen.

STANDARD: Gibt es die Rückbesinnung auf Einkaufen in Ortskernen? Oder wird hier romantisiert?

Mayer-Heinisch: Der Trend geht nicht zu Greißlern aus Großmutters Zeiten zurück. Es entstehen neue Vertriebsformen. Auch die Gastronomie verändert sich. International redet man davon, dass gute Handelsflächen nicht mehr sieben Prozent Gastronomie haben, sondern bis zu 20 Prozent.

Mödlhammer: Jeder wünscht sich ein ruhiges Ambiente, mit Angeboten wie in Einkaufscentern und Preisen nach dem Motto "Geiz ist geil". Aber ein Umdenken ist da. Kundennähe, Beratung sind eine Riesenchance. Es gibt gute Beispiele: Mohn- oder Gemüsegemeinden etwa leben vor, wie es gehen kann.

Mayer-Heinisch: Das ist very nice to have, aber wird die Welt nicht retten. Ich warne davor, sich der Illusion hinzugeben, mit Genussregionen alles wieder umzudrehen. Es gibt einen Grundstock an Versorgung, die der Handel liefern muss. Und der ist von Hamburg bis Belgrad standardisiert. Aber in einer Altstadt die Mauer rausbrechen, um dafür 600 Quadratmeter Verkaufsfläche zu schaffen - da ist nur für Liebhaber was möglich.

STANDARD: Die Begrenzung der Verkaufsfläche hat dort immer wieder zu heftigen Fehden geführt ...

Mödlhammer: Mehr als 250 Quadratmeter waren nicht möglich ...

Mayer-Heinisch: ... und wo hat uns das hingebracht? Nirgendwohin.

Mödlhammer: So ist es. Die Großen haben sich arrangiert, waren dann weg. Der Innenstadtkaufmann konnte nicht mehr erweitern.

Mayer-Heinisch: Er ist dort bis aufs Blut gequält worden.

Mödlhammer: Es muss von Gesetzes wegen mehr Möglichkeiten für jene geben, die sich in Ortskernen ansiedeln. Sie sollen bessere gesetzliche Bedingungen haben als jene auf der grünen Wiese.

Mayer-Heinisch: Zum Beispiel bei den Öffnungszeiten.

Mödlhammer: Aber auch bei der Erweiterung: Flächenbeschränkung weg in diesem Bereich. Parkplätze zu günstigen Bedingungen.

Mayer-Heinisch: In den Innenstädten gehört der rote Teppich ausgerollt. Man darf nur nicht ins Umgekehrte verfallen und die auf der grünen Wiese mit Parkplatzsteuern und ähnlichem Unfug quälen. Man sollte in den Bundesländern einige Musterorte herausnehmen und dorthin alle Kräfte konzentrieren. Dafür braucht es aber eine Politik, die über Wahlperioden hinausgeht. Ich sehe viele Städte, die vielleicht unrettbar sind. Aber die Not ist wohl noch nicht groß genug für solche Veränderungen.

Mödlhammer: Derzeit findet ein Tauziehen und Pokern um Betriebe statt: Wer mehr gibt, kriegt sie.

Mayer-Heinisch: Ein Strickfehler im System.

Mödlhammer: Anderswo in Europa ist es schon fünf nach zwölf, da sind Regionen völlig aufgelassen.

Mayer-Heinisch: Vor allem in Osteuropa. Der Wolf verbreitet sich dort rascher als der Mensch. Das wiederzubeleben, spielt es nicht. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 12.10.2012)

Stephan Mayer-Heinisch (58) ist Präsident des Handels- und Einkaufscenterverbands und Ex-Humanic-Chef.

Helmut Mödlhammer (60), ist Bürgermeister von Hallwang und Präsident des Österreichischen Gemeindebundes.

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