Kindesmissbrauch am Wilhelminenberg: Fast 1.000 Fälle behandelt

  • Mehr als 1000 frühere Heimbewohner haben sich seit Bekanntwerden der 
Missbrauchsfälle am Wilhelminenberg bei der Opferschutzorganisation " 
Weißer Ring" gemeldet.
    foto: der standard/heribert corn

    Mehr als 1000 frühere Heimbewohner haben sich seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle am Wilhelminenberg bei der Opferschutzorganisation " Weißer Ring" gemeldet.

Fast genau ein Jahr ist es her, dass ehemalige Zöglinge des Kinderheims am Wilhelminenberg mit erschütternden Geschichten über Missbrauch an die Öffentlichkeit gingen. In 773 Fällen wurden seither Entschädigungen ausbezahlt

Wien - 1340 Meldungen bei der Opferschutzorganisation Weißer Ring, 990 behandelte Fälle, 773 Entschädigungsbeschlüsse, 493 Bewilligungen für Psychotherapie: Seit vor fast genau einem Jahr bekannt wurde, dass es im Kinderheim am Wilhelminenberg jahrzehntelang zu gewaltsamen und teilweise auch sexuellen Übergriffen kam, ist einiges passiert.

Stadtrat Christian Oxonitsch (SP), der sich politisch um die Aufarbeitung der Ereignisse kümmert, erwartet, dass diese in der ersten Jahreshälfte 2013 abgeschlossen sein wird; dann soll auch der Endbericht jener Kommission vorliegen, der Richterin Barbara Helige vorsitzt. Im Lauf der kommenden Woche soll die Kommission einen weiteren Zwischenbericht präsentieren, außerdem soll dem Gemeinderat demnächst ein Beschluss für weitere finanzielle Mittel zur Entschädigung der Opfer vorgelegt werden.

Strukturen hinterfragen

Gleichzeitig betont Oxonitsch, dass die Stadt nicht aufhören werde, die Situation in den Wiener Heimen zu evaluieren und weiterzuentwickeln. Im Gespräch mit dem Standard sagte der Stadtrat am Donnerstag, es sei "notwendig, Strukturen immer wieder zu hinterfragen - und dass sich diese Strukturen nicht selbst kontrollieren dürfen".

Ein bundesweit einheitliches Gesetz für die Jugendwohlfahrt, über das schon seit Jahren einmal mehr und einmal weniger intensiv verhandelt wird, ist erst vor wenigen Tagen wieder in weite Ferne gerückt: Ende vergangener Woche erklärte der zuständige Minister Reinhold Mitterlehner (ÖVP), er plane statt eines Gesetzes Übereinkommen - sogenannte 15a-Verträge - mit den Bundesländern.

Zwischenschritt

Für Oxonitsch ist das höchstens ein Zwischenschritt, aber kein Ersatz für ein ganzes Gesetz; zudem befürchtet er, "dass die Länder auseinanderdividiert werden". Gleichzeitig ist er aber froh, "dass zumindest wieder Bewegung in die Sache kommt". Zuletzt hatten sich vor allem das Burgenland, Oberösterreich und die Steiermark quergelegt - und zum Teil hat Oxonitsch dafür Verständnis: "Maßnahmen wie das Vier-Augen-Prinzip bei der Abklärung einer familiären Situation brauchen zusätzliches Personal, und das kostet Geld. Wer neue Regeln haben will, muss sie auch finanzieren", sagt Oxonitsch in Richtung Mitterlehner.

Wien habe die in diversen Gesetzesvorschlägen eingeforderten Standards bereits, betont Oxonitsch, daher würde sich für die Bundeshauptstadt finanziell nicht viel ändern. "Für uns sind die Vorschläge unterschriftsreif." (Andrea Heigl, DER STANDARD, 12.10.2012)

 

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