Integrationsmonitor: Immer mehr Wiener dürfen nicht zur Wahl

11. Oktober 2012, 22:05
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In Wien hat mittlerweile knapp die Hälfte der Menschen Migrationshintergrund. Mehr als ein Fünftel ist allerdings vom Wahlrecht ausgeschlossen. Gleichzeitig steigt der Anteil von Jugendlichen aus Zuwandererfamilien, die eine Ausbildung machen

Wien - Zwei Jahre sind seit dem ersten Wiener Integrationsmonitor vergangen, seither ist die Bevölkerung um rund 27.000 Personen gewachsen. Im aktuellen Monitor wird vor allem eines deutlich: Mit der wachsenden Bevölkerungszahl steigt auch der Anteil der nichtwahlberechtigten Bürger. Durchschnittlich 21 Prozent der Menschen im wahlfähigen Alter dürfen nicht wählen, in manchen Bezirken sind es sogar 30 Prozent. 49 Prozent der Wiener haben Migrationshintergrund, sprich sie selbst oder ein Elternteil sind im Ausland geboren. Bei den Kindern sind es bereits 71 Prozent.

Für die Politologin Sieglinde Rosenberger ist das ein wahres Integrationsdefizit: "Allein das Recht auf Partiziption ist wesentlich für den sozialen Zusammenhalt", referierte sie am Vorabend der Präsentation vor Journalisten. Die Einbürgerungen sind weiter rückläufig. "Unser Niederlassungsrecht ist ein Flickwerk, das den sozialen Aufstieg teilweise behindert", kommentierte Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger (SP) die Ergebnisse.

Auch sie stößt sich am derzeit gültigen Wahlrecht. "Es geht vor allem um Wohnbürgerrechte, nationale Staatszugehörigkeit verliert in einer multimobilen Gesellschaft zunehmend an Bedeutung." Die Stadt würde auf vielen Ebenen Mitgestaltungsmöglichkeiten bieten, etwa bei der Erstellung der Wiener Charta, an der sich viele Nichtösterreicher beteiligt hätten. Nischen nur für Migranten dürften aber keine entstehen.

Deutlich besser gebildet

Beim Aspekt Bildung verzeichnet der Bericht einen positiven Trend: Der Anteil der in Ausbildung befindlichen 15- bis 24-Jährigen ist deutlich gestiegen. Besonders stark ist der Anstieg bei türkischstämmigen Wienern, die bereits zu 60 Prozent an Ausbildungen teilnehmen - eine Steigerung von 20 Prozent seit der letzten Erhebung vor zwei Jahren. Grundsätzlich verfügen die Zuwanderer heute über eine deutlich höhere Bildung als die "Gastarbeitergeneration" der 1960er- bis 1980er-Jahre.

Problematisch bleibt der Arbeitsmarkt für Frauen mit Mi-grationsbezug zu Drittstaaten sowie Bildungsabschluss in Österreich: Weniger als die Hälfte von ihnen geht einer Beschäftigung nach. Als "dramatisch" wird im Bericht die Situation der höher gebildeten beschäftigten Männer und Frauen bezeichnet, von denen 43 Prozent Hilfstätigkeiten verrichten. Frauenberger fand deutliche Worte: Das Vergeuden von Potenzial sei " politisch verwerflich".

Der Integrationsmonitor soll der Politik als Basis dienen, um über Maßnahmen für eine bessere Integration entscheiden zu können. "Vor allem soll er aber zur Versachlichung beitragen", sagt Frauenberger. Der Bericht kann unter www.wien.gv.at/menschen/integration abgerufen werden. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 12.10.2012)

  • Viele Zuwanderer sind gut ausgebildet. Trotzdem verrichten 43 Prozent mit höherem Abschluss nur Hilfstätigkeiten.
    foto: dpa-zentralbild/waltraud grubitz

    Viele Zuwanderer sind gut ausgebildet. Trotzdem verrichten 43 Prozent mit höherem Abschluss nur Hilfstätigkeiten.

  • Ansichten über Stressfaktoren im Zusammenleben bei Menschen mit und ohne Migrationshintergrund.
    grafik: der standard

    Ansichten über Stressfaktoren im Zusammenleben bei Menschen mit und ohne Migrationshintergrund.

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