Weltverband im Fall Armstrong unter Druck

11. Oktober 2012, 17:08
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Schwere Anschuldigungen gegen UCI - Soll Bescheid gewusst und von Armstrong Schweigegeld angenommen haben

Köln - Die Sportwelt ist geschockt, der erneut belastete Weltverband UCI steht mächtig unter Druck: Der erschütternde Bericht der US-Antidoping-Agentur USADA über die erschreckenden Doping-Praktiken von Lance Armstrong und des US-Postal-Teams drohen den Radsport in eine weitere schwere Krise zu stürzen. Die UCI wird in dem auf 202 Seiten ausgearbeiteten Bericht abermals in ein zweifelhaftes Licht gerückt. Das Denkmal des siebenmaligen Tour-de-France-Siegers Armstrong steht vor der engültigen Zerstörung. Ihm droht zudem der Verlust der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000.

"Ich habe Verständnis dafür, wenn die Leute jetzt alle Resultate im Radsport hinterfragen", sagte etwa Dave Brailsford, Chef beim Team Sky des diesjährigen Tour-de-France-Siegers Bradley Wiggins. Die Veröffentlichungen, so Brailsford, seien "ein Schock". Auch abseits des Radsports wurde der USADA-Bericht ähnlich aufgenommen, das Urteil über Armstrongs Schuld scheint längst gefallen. "Das ist natürlich eine große Enttäuschung. Lance Armstrong ist vielen Leuten ein Begriff, gerade im Radsport aber auch sonst auf der Welt. Im Nachhinein in der Hinsicht enttäuscht zu werden, ist natürlich sehr, sehr schade", sagte Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel.

Weltverband kooperationsbereit

Jetzt richten sich die Augen auf den Weltverband und Doping-Experte Wilhelm Schänzer stellte bei Sky schon einmal kritisch fest: "Man fragt sich natürlich, warum er nicht vorher durch einen Dopingtest überführt worden ist?" Die UCI hat den USADA-Bericht zur Überprüfung erhalten. Er enthält Belege für ein wohl beispielloses Dopingsystem, mit dessen Hilfe Armstrong sein sportliches Denkmal aufbaute. Wenn der Weltverband dem Texaner seine sieben Tour-Titel nicht aberkennt, wäre die nächste Glaubwürdigkeitskrise perfekt. "Wir werden alle Informationen auswerten, um Fragen hinsichtlich Einspruch und Bestätigung, Zuständigkeit und Verjährung innerhalb der nächsten 21 Tage zu erörtern", erklärte der Weltverband und versprach eine rasche Rückmeldung, um die "Angelegenheiten nicht länger als nötig zu verzögern".

Auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) könnte tätig werden und Armstrong die Medaille trotz Ablauf der achtjährigen Verjährungsfrist entziehen. "Das IOC hat die Daten der USADA zur Kenntnis genommen und untersucht sie derzeit samt aller damit verbundenen Dokumente. Sollte sich jedoch ein Beweis herausstellen, der ein Disziplinarverfahren ermöglichen würde, kämen wir dem nach", teilte eine IOC-Sprecherin mit. Auch die Auszeichnung Weltsportler des Jahres 2003 durch die Laureus-Stiftung könnte Armstrong aberkannt werden.

Der Weltverband UCI muss sich derweil selber gegen schwere Anschuldigungen wehren. "Die Beweise sind stärker als stark. Sie sind aussagekräftiger als in jedem anderen unserer Fälle", sagte USADA-Chefermittler Travis Tygart, der vom "zweifellos hochentwickeltsten, professionellsten und erfolgreichsten Dopingprogramm, das die Sportwelt jemals gesehen hat", sprach.

Als "Spende" getarntes Schweigegeld?

Der UCI, allen voran Präsident Pat McQuaid, dürfte dieses auf eidestaatliche Zeugenaussagen von elf früheren Armstrong-Teamkollegen und zahlreicher weiterer Personen, Nachweisen für Zahlungen in Millionenhöhe an den zwielichtigen Arzt Michele Ferrari, belastendem E-Mail-Verkehr und wissenschaftlichen Daten samt Labortests gestützte Fazit Magenschmerzen bereiten. Denn eine solch massive Doping-Verschwörung ohne Wissen des Dachverbandes scheint unwahrscheinlich, zudem halten sich hartnäckige Vowürfe über eine Mitwisserschaft. So soll Armstrong etwa bei der Tour de Suisse 2001 positiv auf Epo getestet worden sein und dafür ein als "Spende" getarntes Schweigegeld in Höhe von 100.000 Dollar an die UCI gezahlt haben.

Der frühere deutsche Radprofi Jörg Jaksche, ein geständiger Dopingsünder, belastet McQuaid im USADA-Bericht schwer. Nach seinem Geständnis im Jahr 2007 habe er "Stunden mit der UCI gesprochen. Mit ihren Anwälten. Mit Anne Gripper, der Anti-Doping-Verantwortlichen bei der UCI und mit Präsident McQuaid." Er habe vollständige Transparenz herstellen und dem Verband das Ausmaß klar machen wollen, in dem Doping bei seinen Ex-Mannschaften wie dem Team Telekom, Once oder CSC betrieben worden sei. "Die UCI hat aber null Interesse daran gezeigt. McQuaid sagte mir, er hätte es lieber gesehen, dass ich die Dinge anders geregelt hätte", so Jaksche.

Mit anderen Dingen befasst sich offenbar auch Lance Armstrong. "Was ich heute Abend mache? Ich hänge mit meiner Familie ab, unbeeinflusst, und denke an meine Stiftung", schrieb er über Twitter. (SID, 11.10.2012)

  • Erhöhter Erklärungsbedarf für UCI-Präsident Pat McQuaid.
    foto: reuters/michael kooren

    Erhöhter Erklärungsbedarf für UCI-Präsident Pat McQuaid.

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