Kriseneinsätze: Führen nach Prioritäten

Gastkommentar12. Oktober 2012, 10:05
posten

Ein partizipativer Führungsstil kann in kritischen Situationen definitiv nicht funktionieren

Erfordern extreme Situationen, in denen es um Leben und Tod geht, ein anderes Leadership? Sind "neuere" bzw. liberalere Führungsansätze überhaupt möglich, wenn schnell reagiert und agiert werden muss? Oder geht es in Wahrheit um kontinuierliches Training und um akribische Vorbereitung, wenn man einer Krisensituation effektiv und effizient entgegensteuern will?

Klar ist: Ein partizipativer Führungsstil kann in kritischen Situationen definitiv nicht funktionieren, denn man hat in der Situation schlicht und ergreifend keine Zeit zum Diskutieren. Denn worum geht es in Wahrheit? Bei Kriseneinsätzen handelt es sich um nichts anderes als um logistische Aufgaben, und es geht um das Setzen von Prioritäten. Und hier kommen drei Grundsätze zum Tragen, die sich meines Erachtens in jeden Bereich übertragen lassen, auch in den Managementalltag.

1. Von der Einzelaktion zur Kooperation
2. Vom Chaos zur Ordnung
3. Vom Komplizierten zum Einfachen

Bei der Lawinenkatastrophe in Galtür war ebenfalls ein perfektes Zusammenspiel der einzelnen Organisationen nach innen und nach außen gefragt, um Hilfe leisten zu können - angefangen von der Bergrettung über das Rote Kreuz bis hin zu Militär- und Polizeihubschraubern aus Österreich, Deutschland, Frankreich, der Schweiz sowie der US-Armee. Nur durch eine "geordnete" Kooperation mit allen Einsatzorganisationen war es möglich, 22 verschüttete Personen noch lebend zu bergen. Das Erfolgsrezept waren einfache, unkomplizierte und effiziente Routinen und Abläufe.

Bei Leadership in Extremsituationen geht es also Großteils um das systematische Abarbeiten komplexer und komplizierter, aber eintrainierter Vorgänge. Das heißt: Der "Ernstfall" muss regelmäßig geübt werden, nicht zu vergessen, dass auch das Hauptgeschäft immer wieder mit dem nötigen Ernst und Respekt aufs Neue eingeübt und trainiert werden muss. Denn auch die Flugpolizei ist (glücklicherweise) nicht laufend mit kritischen Situationen beschäftigt. Ich bin der Meinung, dass sich auch Unternehmen sehr stark damit auseinandersetzen müssen, welche Schritte in Krisensituationen einzuleiten sind.

Das heißt natürlich nicht, dass man laufend den Teufel an die Wand malen soll. Aber sich in "guten Zeiten" darüber Gedanken zu machen, welche Notfallmaßnahmen in "schlechten Zeiten" gesetzt werden müssen, darf und muss bei einem verantwortungsvollen und zukunftsorientierten Leadership vorausgesetzt werden. Das heißt: Simulationen und regelmäßige Trainings können hierfür eine wertvolles Instrument darstellen, um für den Notfall gerüstet zu sein. Denn in der Situation bleibt definitiv keine Zeit, Überlegungen betreffend einen Maßnahmenkatalog anzustellen.

Trotzdem möchte ich betonen, dass situatives Entscheiden nicht zu kurz kommen darf. Das heißt: In Extremsituationen muss man sich immer auch auf die "äußeren Umstände" konzentrieren, um erkennen zu können, welche Schritte tatsächlich sinnvoll und nicht nur "geplant" sind. Auf keinen Fall darf es zur "Norm" werden, sich einzig und allein von der Norm und von Checklisten "führen" zu lassen. (Werner Senn, derStandard.at, 12.10.2012)

Werner Senn ist Leiter der Flugpolizei Österreich und war Einsatzleiter bei der Lawinenkatastrophe in Galtür im Jahre 1999. Senn ist Vortragender beim Symposium "Leadership-Logiken der Zukunft", das am 11. und 12. Oktober in Innsbruck stattfindet.

Link
www.imp.at

Nachlese

  • Werner Senn, Leiter der Flugpolizei Österreich.
    foto: imp

    Werner Senn, Leiter der Flugpolizei Österreich.

Share if you care.