Antisemitismus-Konferenz: Uni Wien stellt sich ihrer Vergangenheit

Nobelpreisträger Eric Kandel: "Österreich hat begonnen, sich zu ändern" - Platz vor neuem Uni-Standort wird nach emigriertem Ökonom Oskar Morgenstern benannt

Wien - Mit dem Symposium "Der lange Schatten des Antisemitismus - Kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Universität Wien im 19. und 20. Jahrhundert" am Donnerstag wolle sich die Uni Wien "jetzt auch öffentlich ihrer Vergangenheit stellen", erklärte Rektor Heinz Engl bei der Eröffnung. Nach der Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger-Rings in Universitätsring soll nun in einem weiteren symbolischen Akt auch der Platz vor dem neuen Uni-Standort für Mathematik und Wirtschaftswissenschaften in der Rossau nach dem Ökonomen Oskar Morgenstern benannt werden, der 1938 in die USA emigrierte, so Engl.

Unbennennung in "Universitätsring" "extrem wichtig"

Bei dem Symposium beleuchteten unter anderem Oliver Rathkolb und Götz Aly die "langen Schatten des Antisemitismus", Nobelpreisträger Eric Kandel sprach über die Zusammenarbeit zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Künstlern und Wissenschaftern im Wien des 19. Jahrhunderts. Für Kandel, dessen Buch "Das Zeitalter der Erkenntnis" soeben in deutscher Übersetzung erschienen ist, ist das Symposium "eine ganz besondere Veranstaltung." Die Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger-Rings in Universitätsring sei für ihn extrem wichtig gewesen und ein "Wendepunkt, nicht nur für die Universität, sondern für das ganze Land und meine persönliche Geschichte."

Österreich sei auch historisch gesehen eines der antisemitischen Länder Europas, in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren ortet Kandel aber eine deutliche Verbesserung: "Ich habe die Vorstellung, dass Österreich begonnen hat, sich zu ändern und dass der Antisemitismus weniger wird. Es gibt jetzt einige Menschen, die eine 'zero tolerance'-Politik gegenüber Antisemitismus fahren. Das schätze ich sehr."

"Das lange 20. Jahrhundert"

Das "lange 20. Jahrhundert" nennt Zeithistoriker Rathkolb die Epoche an der Universität Wien, in der er die Ursachen für Antisemitismus ortet. "Die Gewalterfahrungen des 19. Jahrhunderts haben die Zeit nach 1918 sehr wesentlich beeinflusst. Wer den Antisemitismus verstehen will, muss auf das 19. Jahrhundert blicken." Schon Mitte des 19. Jahrhunderts sei die Antisemitismus-Debatte in der österreichisch-ungarischen Monarchie erstmals zum Tragen gekommen. Vor allem deutsch-nationale Studentenverbindungen hetzten gegen die zunehmende Anzahl jüdischer Studenten, die die Universität als Nische zum sozialen Aufstieg begriffen.

Blutige Straßenschlachten

Der deutsche Hegemonialanspruch und die autoritäre Staatsführung hätten zusätzlich zu einem antisemitischen Klima beigetragen, das sich zunehmend auch zu einem Rassenantisemitismus zuspitzte. Deutsch-nationale und jüdisch-nationale Studentenverbindungen lieferten sich Duelle, gegen Ende des 19. Jahrhunderts sei bereits sehr deutlich geworden, "dass die Universitätsverwaltung nicht imstande gewesen ist, dem immer massiver werdenden Antisemitismus Herr zu werden", so Rathkolb. Zur Eskalation kam es unter anderem im Zuge der Badeni-Krise, als Demonstrationen gegen Tschechisch als Amtssprache zu blutigen Straßenschlachten führten. Bereits 1875 sei der Trend sehr deutlich zu spüren gewesen, erklärte Rathkolb: Die pro-deutsche Grundstimmung, die schlagenden Verbindungen sowie Politiker wie Bürgermeister Karl Lueger, hätten zur Akzeptanz des Antisemitismus beigetragen.

Aly: Zukunftsangst ausschlaggebend

Der deutsche Historiker Götz Aly, der derzeit die Sir Peter Ustinov-Gastprofessur an der Universität Wien innehat, sah vor allem die "Zukunftsangst der christlichen Deutschen im 19. Jahrhundert" als ausschlaggebenden Punkt für den zunehmenden Antisemitismus. Der soziale Aufstieg vieler Juden sei mit Missgunst und Neid verfolgt worden.

Mit Antisemitismus an der Universität Wien beschäftigen sich unter anderen auch der Zeithistoriker Friedrich Stadler, Rechtshistorikerin Ilse Reiter-Zatloukal sowie Historiker Mitchell Ash. Bereits in den vergangenen Jahren haben sich mehrere Projekte mit der NS-Vergangenheit der Uni Wien beschäftigt, so etwa das "Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938"  ist sowie die wissenschaftliche Aufarbeitung und künstlerische Umgestaltung des umstrittenen "Siegfriedskopf". (APA, 11.10.2012)

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2 Postings
Alys Analyse greift zu kurz:

ohne den Wiener Psychiater- und Anatomenstreit ist seine Perspektive eher pief-chinesisch.

Margarete Grandner und Gernot Heiss fehlen in der Aufzählung.

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