62 Milliarden Euro für Artenschutz nötig

UNO will Aussterberisiko verringern - Konferenz in Hyderabad versucht Umsetzung der ehrgeizigen Pläne

Hyderabad - Die UN-Artenschutzkonferenz 2010 formulierte ehrgeizige Ziele: Bis 2020 soll das Aussterberisiko verringert werden. Daneben will man für die Artenvielfalt besonders wichtige Gebiete unter Schutz stellen. Auf der momentan in Hyderabad in Indien tagenden Nachfolgekonferenz geht es um die Umsetzung der ehrgeizigen Pläne.

Erstmalig haben die verhandelnden Staaten auch entsprechende Zahlen zur Hand. Eine Forschergruppe um Donal McCarthy von BirdLife International berechnete anhand von Vogeldaten die globalen Artenschutzkosten auf 80 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 62 Milliarden Euro). Die Studie erschien im Fachblatt "Science". Vögel gelten als besterforschte Organismengruppe, weil sie tagaktiv und leicht zu beobachten sind.

Die Forscher errechneten, dass die Kosten zur Reduktion des Aussterberisikos aller gefährdeten Vogelarten bei einer Milliarde US-Dollar liegen - wovon aktuell nur 12 Prozent finanziert sind. Um das Aussterben aller bedrohten Tier- und Pflanzenarten zu stoppen, wären vier Milliarden nötig. Dahinter stecken Kosten zur Kontrolle invasiver Arten, zum Eindämmen der Wilderei und zur Koordination von Forschungs- und Zuchtprogrammen. Für das Schaffen von neuen und das Erhalten bereits bestehender Schutzräume würden weitere 76 Milliarden jährlich anfallen.

BirdLife International identifizierte in den vergangenen Jahrzehnten weltweit 11731 Important Bird Areas (IBAs). Sie werden nach internationalen Kriterien eingestuft und dienen als Vorschlagsliste für künftige Naturreservate. Momentan stehen nur knapp ein Drittel dieser Gebiete unter Schutz.

17 Prozent Land geschützt

Das Bewahren aller IBAs hätte laut der Studie gleich zwei Vorteile: Es stünden weltweit die als Biodiversitätsziel 2020 vorgesehenen 17 Prozent Landfläche unter Schutz. Gleichzeitig würde man einen Großteil anderer Arten retten. "Die Studie zeigt, dass der Schutz wichtiger Vogelgebiete auch fast drei Viertel der Gebiete unter Schutz stellt, die für Fische, Säuger, Amphibien und Pflanzen wichtig sind", sagt Martin Schaefer, Zoologe an der Uni Freiburg und Ko-Autor.

"80 Milliarden klingen nach viel Geld. Aber es ist eine Investition, keine Rechnung. Unsere Umwelt zu erhalten, ist wirtschaftlich notwendig", sagt Stuart Butchart von BirdLife International und spricht damit all die Ökosystem-Leistungen an, die für selbstverständlich gehalten werden: Etwa die CO2-Speicherung durch Wälder, die Trinkwasserversorgung, die Bestäubung vieler Nutzpflanzen durch Insekten und nicht zuletzt die Erholung, die die Natur dem Menschen bietet. Leistungen, deren Wert auf 33 Billionen US-Dollar jährlich geschätzt wird.

"Naturschutz ist chronisch unterfinanziert, das muss sich ändern", fordert der Umweltökonom McCarthy. Die benötigte Summe mache nur einen Bruchteil der Kosten aus, die bei weiterer Tatenlosigkeit entstünden. "Die Zerstörung von Ökosystemen kostet uns heute schon zwei bis 6,6 Billionen US Dollar pro Jahr", sagt McCarthy, "im Übrigen sind 80 Milliarden US Dollar weniger als 20 Prozent der Summe, die wir jährlich für Softdrinks ausgeben." (Juliette Irmer, DER STANDARD, 12.10.2012)

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