Unternehmergeist ist in Österreich ausbaufähig

11. Oktober 2012, 12:39
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Umfangreiche Förderprogramme helfen. Das funktioniert nicht immer. Drei von zehn Neugründungen gibt es fünf Jahre später nicht mehr

Mehr Verantwortung, eine flexiblere Lebensgestaltung und sein eigener Chef sein, das sind die wichtigsten Motive von Unternehmensgründern. Das Geld spielt bei Gründern eine untergeordnete Rolle - zu Recht. Denn mit dem durchschnittlichen Monatseinkommen gleicht die flexiblere Lebensgestaltung zumindest bei den Ein-Personen-Unternehmen (EPU) eher einem Überlebenskampf. Zu den Besserverdienern zählen Mediziner mit eigener Facharztpraxis. Das Median-Monatseinkommen von Fachärzten beträgt knapp mehr als 5000 Euro, Fachärztinnen verdienen aber deutlich weniger. Von anderen Berufsgruppen wie beispielsweise Architekten, Unternehmensberater oder auch Ingenieuren wird die 2000-Euro-Marke nicht erreicht, und Frauen verdienen durch die Bank weniger.

In Österreich gibt es 280.000 EPUs, rund 40 Prozent geben nach den ersten fünf Jahren wieder auf. Die Wirtschaftskammer zeigt sich aber generell über die Lebensdauer von neugegründeten Betrieben erfreut. Nach drei Jahren bestehen noch 80 Prozent der Unternehmen, nach fünf Jahren existierten noch sieben von zehn. Im vergangenen Jahr wurden gut 35.000 Unternehmen in Österreich gegründet, mehr als 80 Prozent davon als Einzelunternehmen. Nicht zuletzt durch die Änderungen in der selbstständigen Personenbetreuung - seit 2008 ist dafür eine gewerbliche Anmeldung notwendig - ist der Frauenanteil unter den Neugründungen hoch und liegt gesamt gesehen bei mehr als 40 Prozent, bei den neugegründeten Einzelunternehmen wird sogar mehr als die Hälfte von Frauen gegründet. Mit 130.000 Unternehmerinnen liegt Österreich im europäischen Vergleich an dritter Stelle. Für diese gute Platzierung spielen aber auch hier selbstständige Personenbetreuerinnen eine wesentliche Rolle.

Damit die Gründungsidee auch zu einem Geschäftserfolg wird, sind umfangreiche Beratung im Vorfeld und Förderungen in der Anfangsphase ein wichtiger Schritt. Allein beim Gründerservice der Wirtschaftskammer wurden im Jahr 2010 über 43.000 Beratungen zu den Themen Gründen, Nachfolge und Franchise geführt. Immer beliebter werden Gründungen mithilfe eines Franchisesystems. Und gerade der Franchisemarkt wächst kontinuierlich. Laut einer Studie der KMU-Forschung Austria sind bereits 420 dieser Systeme in Österreich an 8000 Standorten vertreten, und mit rund 61.000 Mitarbeiter erwirtschaften sie jährlich einen Umsatz von rund 7,9 Mrd. Euro. Die Vorteile liegen auf der Hand: Das Produkt oder die Dienstleistung konnte sich am Markt bereits etablieren, die Marke ist bekannt.

Leistung stärker würdigen

Zum Scheitern kann es dennoch kommen. Die Ursachen haben sich aber in den letzten 20 Jahren stark geändert. Bei mehr als der Hälfte der Insolvenzen im vergangenen Jahr befassten sich die Unternehmer zu wenig mit der Welt außerhalb ihres Unternehmens. Auf Veränderungen des Marktes wurde, wenn überhaupt, zu spät reagiert. 1990 verursachten diese Managementfehler nur 20 Prozent der Firmenpleiten. Blauäugigkeit und Überschätzung, oder wie es der KSV1870 bezeichnet: Einlassungsfahrlässigkeit ist im Vergleich zu 1990 aber stark zurückgegangen. Das Serviceangebot für Unternehmensgründer zeigt Wirkung.

Verbesserungsmöglichkeiten sieht die Junge Wirtschaft trotzdem in vielen Bereichen. Änderungen bei der Gewerblichen Sozialversicherung, weiterer Abbau bürokratischer Hürden und weitere Finanzierungsmöglichkeiten sind anstehende Themen. Auch für Nikolaus Franke, Leiter des Instituts für Entrepreneurship und Innovation an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU), sind das Reduzieren bürokratischer Hürden und Förderungen während der Anfangsphase richtige Schritte. "Sie müssen aber weitergegangen werden, damit es zu einer Mentalitätsveränderung kommt. Denn unternehmerisches Verhalten ist etwas Positives, und unternehmerische Leistungen müssen gesellschaftlich stärker gewürdigt werden. Dafür müssen wir das Ziel der Fehlerfreiheit diskutieren. Denn Innovationen können nie fehlerfrei sein. Der Chance steht immer auch ein Risiko gegenüber", sagt er. Gründer dürfen nicht als Versager abgestempelt werden, so Frank weiter, wenn es beim ersten Mal nicht geklappt hat. Aus Fehlern könne gelernt werden. Und ohne Fehler geht es nicht.

Ohne ausreichende Finanzierung wird auch die beste Geschäftsidee die Gründungsphase nicht erreichen. Die Förderlandschaft für Unternehmensgründungen ist in Österreich vielfältig und im europäischen Vergleich auch großzügig. Erst im Juli präsentierten Wirtschafts- und Finanzministerium zwei neue Jungunternehmer-Fonds, um neuen Ideen zum Durchbruch zu verhelfen. Ab dem nächsten Jahr stehen über diese beiden Fonds zusätzlich 110 Millionen zur Verfügung. Zum einen soll über den Gründerfonds Kapital über Firmenbeteiligung in der Frühphase der Gründung bereitgestellt werden - zum anderen kommt beim Business Angel Fund, bei dem Privatinvestoren nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch ihr Know-how und ihr Netzwerk einbringen, für jeden privat investierten Euro ein weiterer Euro aus öffentlichen Mitteln dazu. Beide Fördermöglichkeiten werden über das Austria Wirtschaftsservice (AWS) abgewickelt.

Dennoch benachteiligt die aktuelle Förderlandschaft gerade die besonders wichtigen innovativen Gründungen. Zu diesem Fazit kommen die WU-Forscher Dietmar Rößl und Matthias Fink vom Institut KMU-Management in ihrem aktuellen Forschungsprojekt "Understanding Entrepreneurship Policy Across Europe". Das WU-Forschungsprojekt verfolgte das Ziel, Förderungen für Unternehmensgründungen in Österreich zu erheben. Die Ergebnisse des Projektes zeigen die Schwachstellen der österreichischen Gründungsförderung auf. Fink gibt vor allem "die stark auf quantitative Indikatoren ausgerichtete Zielsetzung der Wirtschaftspolitik" als problematisch zu bedenken. "Man darf Gründungen nicht einfach nur zählen. Im internationalen Wettbewerb geht es nicht darum, wie viele Gründungen eine Volkswirtschaft hervorbringt, sondern welche", weist Fink auf den qualitativen Aspekt der Unternehmensgründungen hin. Vielmehr geht es darum, jene Gründungen zu ermöglichen und zu unterstützen, die unsere Gesellschaft und damit unsere Wirtschaft verändern - die also innovativ sind.

Innovative Gründungen erwünscht

"Innovation ist der Schlüssel zu Arbeitsplätzen, nicht die Gründung an sich. Dabei müssen soziale und technische Innovation ineinandergreifen", sieht Fink die Herausforderung der Wirtschaftspolitik. Das Problem liegt auch nicht daran, dass Österreich für eine Belebung der Gründungslandschaft zu wenig Geld verwendet. So geben Bund und Länder an direkten Förderungen für neue Unternehmen von der Gründungsidee bis ein Jahr nach erfolgreicher Gründung jährlich mehr als 100 Millionen Euro aus. Damit werden in Österreich Gründungen pro Einwohner bzw. pro Unternehmen ähnlich großzügig gefördert wie etwa in Schweden.

Interessanterweise liegt in Österreich der Schwerpunkt der Förderung auf späten Phasen der Gründung und auf weniger riskanten Instrumenten, so Ergebnisse des Forschungsprojektes. Dabei "werden konservative gegenüber innovativen Gründungen begünstigt", ortet Fink Änderungsbedarf. Das Forschungsprojekt kritisiert aber nicht die große Anzahl unterschiedlicher Initiativen, denn durch diese Vielfalt kann die österreichische Förderlandschaft die Vielfalt der Gründungen abbilden. Eine einzige zentrale Förderstelle mit wenigen großen Förderprogrammen kann die Heterogenität der Bedürfnisse von Gründern nicht antizipieren. Nicht die Förderlandschaft an sich soll vereinfacht werden, sondern den potenziellen Gründern muss die Orientierung innerhalb der Vielfalt erleichtert werden, empfehlen die Studienautoren. (Gudrun Ostermann, KarrierenStandards, 11.10.2012)

Hinweis
Am 16. Oktober findet in Wien der Jungunternehmertag statt. Informationen gibt es unter www.jungunternehmertag.com

Welche Förderung passt

Auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene gibt es eine Reihe von Förderprogrammen. Je nach Bedarf können fünf Arten von Förderungen unterschieden werden:

  • Investitionsförderungen in Form von Zuschüssen
  • Geförderte Kredite durch begünstigte Konditionen
  • Haftungsübernahmen durch institutionelle Bürgen. Sie machen Kredite oftmals erst möglich.
  • Geförderte Beratungsleistung durch externe Unternehmensberatung.
  • Standortförderung mittels günstiger Büroflächen

Auf Bundesebene wird der Großteil der finanziellen Förderprogramme über das Austria Wirtschaftsservice (AWS) abgewickelt. Dazu gehören u. a. Gründungs- und Nachfolgebonus, Jungunternehmerförderung, Kapitalgarantien und Haftungsübernahmen. Ein ähnliches Angebot für die Tourismusbranche gibt es bei der Östereichischen Hotel- und Tourismusbank (ÖHT). Beim Gründerservice der Wirtschaftskammer gibt es umfangreiches Beratungsangebot. Wer dieses in Anspruch nimmt, erspart sich etliche öffentliche Gebühren und Abgaben. Über die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) werden Unternehmen im Bereich Forschung und Entwicklung gefördert. Ein-Personen-Unternehmen (EPU) können auch eine Beihilfe über das Arbeitsmarktservice (AMS) unter bestimmten Voraussetzungen in Anspruch nehmen.

Wer in eine Franchisesystem gründen will, kann sich beim Österreichischen Franchise-Verband (ÖFV) umfangreich informieren. www.franchise.at

  • KarrierenStandards erschien als Supplement des STANDARD. Das neue Magazin wird es künftig jährlich geben.
    foto: standard

    KarrierenStandards erschien als Supplement des STANDARD. Das neue Magazin wird es künftig jährlich geben.

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