Mo Yan erhält Literaturnobelpreis 2012

11. Oktober 2012, 13:02
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Chinesischer Autor, weithin bekannt durch die Verfilmung seines Romans "Das rote Kornfeld", wurde für seinen "halluzinatorischen Realismus" gewürdigt

Stockholm - Der 57-jährige Chinese Mo Yan erhält den Literaturnobelpreis 2012. Die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften würdigte ihn über ihren Sprecher Peter Englund als einen Schriftsteller, "der mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart vereint".

Im Westen wurde der Bauernsohn aus der ostchinesischen Provinz Shandong, der sich in seinen Werken immer wieder mit dem harten Landleben auseinandersetzte, vor allem durch die Verfilmung seines Romans "Das rote Kornfeld" durch Zhang Yimou bekannt, die 1988 mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet wurde.

Mo Yan, der in seinem alten Heimatdorf Gaomi von der Auszeichnung erfahren hatte, habe "überglücklich und erschrocken" auf die Auszeichnung  reagiert,  meldeten chinesische Staatsmedien. Er schaltete dann wohl sein Mobiltelefon ab und war nicht mehr zu erreichen. Normalerweise lebt er in Peking, wollte aber ein paar Wochen in Gaomi bei seinem Vater verbringen.

In den Berichten über die Vergabe wurde Mo Yan als der "erste chinesische Bürger" beschrieben, der einen Nobelpreis erhalten habe. Tatsächlich haben allerdings der inhaftierte Bürgerrechtler Liu Xiaobo 2010 den Friedensnobelpreis und der in Frankreich exilierte Schriftsteller Gao Xingjian 2000 bereits den Literaturnobelpreis bekommen.  Zudem wurde 1989 wurde  der  in Indien lebende Dalai Lama  mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Raffinierte Konstruktionen

Mo Yan wurde am 17. Februar 1955 in Gao Mi geboren (Mo Yan ist übrigens ein Pseudonym und heißt "keine Sprache" oder "der Sprachlose"; sein wirklicher Name ist Guan Moye). Seine schriftstellerische Tätigkeit begann er als Soldat der Volksbefreiungsarmee, wo er später auch an der Kunsthochschule studierte und an der Literaturabteilung der Kulturakademie der Armee unterrichtete. "Das rote Kornfeld", 1987 erschienen, wurde sein größter Erfolg.

In seinen weiteren Werken entfernte er sich mit absurden Einsprengseln und raffinierten Konstruktionen immer weiter von einem simplen Realismus - auch als Taktik gegen die restriktiven Behörden, wie es heißt. Mit der Zensur habe er keine Schwierigkeiten, sagte Mo Yan einmal dem Magazin "Time": "Es gibt in jedem Land gewisse Beschränkungen." Statt politische Literatur zu schaffen, sollte ein Schriftsteller "seine Gedanken tief vergraben und sie über die Charaktere vermitteln".

2009 war Mo Yan Mitglied der offiziellen Delegation des Ehrengastlandes China auf der Frankfurter Buchmesse. Dass er als solches sich am Auszug der Delegation von einem Literatursymposium, an dem auch Dissidenten teilnahmen, beteiligte, trug ihm heftige Vorwürfe ein. In einem Interview mit "China Newsweek" meinte er dazu: "Sehr viele sagen jetzt über mich: Mo Yan ist ein Staatsschriftsteller. Daran stimmt, dass ich ebenso wie die Autoren Yu Hua und Su Tong ein Gehalt vom Künstlerforschungsinstitut des Kulturministeriums beziehe und darüber sozial- und krankenversichert bin. Das ist die Realität in China. (...) Ich kann verstehen, wenn Ausländer mich kritisieren. Wenn die Kritik aber von meinen chinesischen Landsleuten kommt, dann ist das unverschämt."

2009 Gast der Universität Wien

Auf Deutsch übersetzt wurden unter anderen "Die Schnapsstadt", "Die Sandelholzstrafe", "Die Knoblauchrevolte" und "Der Überdruss". Diesen Roman stellte er 2009 auch in der Aula des Campus der Universität Wien vor.

Mit seinem Roman "Frosch" (in China ein traditionelles Symboltier für Geburten) griff er das aktuelle Thema der gesellschaftlichen Auswirkungen der chinesischen Ein-Kind-Politik auf und sorgte für Diskussionen. Thema ist das Schicksal einer Geburtenärztin auf dem Land, die in heftigen Gewissenskonflikt zwischen der strikten staatlichen Geburtenkontrolle und dem Wert jedes einzelnen Lebens geriet. Als Vorbild für die Figur soll Mo Yan seine Tante gedient haben, die selbst seit Anfang der 80er-Jahre bei Geburten als Ärztin tätig war. Für das Buch gewann er 2011 den Mao Dun Preis,  im Frühjahr 2013 erscheint es in der Übersetzung von Martina Hasse im Hanser Verlag. Der ihm nun zugesprochene Nobelpreis ist mit acht Millionen Schwedischen Kronen (930.000 Euro) dotiert, zwei Millionen weniger als im Vorjahr.

Mo Yan wurde- so viel zur Stzatisitk - als erster in China lebender chinesischer Autor ausgezeichnet: Der Nobelpreisträger des Jahres 2000, Gao Xingjian, lebt in Paris im Exil, der Preis wurde seitens der Akademie Frankreich zugeordnet. Und weil  der auf Trinidad geborene Inder V. S. Naipaul der Staatsbürgerschaft nach Brite ist, gilt Mo Yan als der erst vierte Preisträger aus Asien nach Rabindranath Tagore (Indien, 1913), Jasunari Kawabata (Japan, 1968) und Kenzaburo Oe (Japan, 1994).

Bis zuletzt waren der Japaner Haruki Murakami und der Ungar Peter Nadas ganz oben auf der Liste der Buchmacher gestanden. Die Nobelpreise werden traditionsgemäß am 10. Dezember überreicht, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel. (APA, 11.10.2012)

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    Mo Yan 2009 als Festredner bei der Frankfurter Buchmesse.

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