Der "Parasiten"-Komplex

Kolumne | Bernd Marin, 12. Oktober 2012, 17:16

"Sozialschmarotzer", "Parasiten", "Heuschrecken" und andere Ekelbegriffe sind zurück im öffentlichen Diskurs. "Schädlingsbebekämpfung" und "Vertilgung" unsichtbarer Feinde statt Politik?

Ekelerregende "Parasiten" sind zurück im öffentlichen Diskurs. Vorerst noch eher verschämt, indirekt, doch allüberall kriechen sie Milben gleich aus ihren Larven und verkoteten Hohlräumen unter unserer Hornhaut. Selbst harmlose Mitesser werden ausgedrückt.

Bei einem kürzlichen Interview im originellen und progressiven dada-dada.tv der Alexandra Süss und ecker & partner war der erste Reflex jemandes, der von politischer Korrektheit wenig hält, politisch überkorrekt: zu Nazi-Begriffen wie "Parasit", "Schmarotzer", "Volksschädling", die unvermeidlich mit dem Ruf nach "Vertilgen" und "Ausmerzen" des "Ungeziefers" enden, mochte man Abscheu bekunden, inhaltlich nichts sagen.

Es gibt eine Sprache aus dem Wörterbuch des Unmenschen, die Grauen und Ekel hervorruft, Vernichtung verlangt - und das gute Gewissen zur Tötung als hygienischer Operation der Selbsthilfe gleich mitliefert. Immer ging in der Geschichte von Völker-, Rassen-, Klassen- und Massenmorden die Vertierung der als "Schädlinge" perhorreszierten Opfer voraus. Schädlingsbekämpfung erlaubt Hochgiftiges, um parasitäre Erkrankung zu bezwingen, "Entwesung" durch Blausäure und Zyklon B als "Durchgasungstechnik". Die Nazis haben "lebensunwertes Leben" durch Parasitismus definiert und dann systematisch vernichtet.

Parasiten, das sind abstoßende Mitesser in Staub, Schmutz und Gedärm, Bakterien, Mikroben, Maden, Blutegel, Zecken, Flöhe, Läuse, Bettwanzen, Insekten, Milben, Krätze, Flechten, Pilze, Viren, Ausschläge, Misteln, Trichinen, lebendes Eingeweidgewürm im lebenden Menschen. Wie Küchenschaben leben sie "auf Kosten Anderer" und sind für deren Überleben zu beseitigen. Das hat uralte, menschenfeindliche und mörderische Tradition, vom Kampf gegen vagabundierende Bettelei als öffentliches Ärgernis vom Mittelalter bis heute, gegen "arbeitsscheues Gesindel" und "jüdische Parasiten" der Nazi, bis zur sowjetischen Feindbildpflege von Lenin bis nach Stalin: noch 1964 wurde der spätere Literaturnobelpreisträger Jossif Brodsky als "Parasit" für nutzloses "Verslein schreiben" zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Mit Münteferings "Heuschrecken" und dem "Kampf gegen Spekulantentum" hat der Sowjetdiskurs längst Sozialdemokratie und Volksparteien erreicht.

Lenin sah "Beamtentum und stehendes Heer...als Schmarotzer am Leib der bürgerlichen Gesellschaft...Parasiten, die die Lebensporen verstopfen." Im Kapitel über "Parasitismus und Fäulnis im Kapitalismus" seines gemeinverständlichen Abriß über Imperialismus geißelt er das "außergewöhnlich Anwachsen...der Schicht der Rentner, d.h. Personen, die vom Kouponschneiden leben...deren Beruf der Müßiggang ist....Der Rentnerstaat ist der Staat des parasitären, verfaulenden Kapitalismus."

2012 sind wir also zurück 1917, 1933 bis 1945, vor 1989. Nichts eignet sich besser für Feindbilder als "unsichtbare Feinde", wo auf jeden wirklichen Schmarotzer unzählige eingebildete Parasiten lauern. Der Sozialdiskurs ist inzwischen durch Parasitenpauschalverdacht schwer vergiftet. Wir müssen ihn, Schritt für Schritt, wieder heilen. Indem wir das verdrängte Thema offensiv konfrontieren und nicht länger tabuisieren.

Was erklärt aber die Wiederkehr der "Parasiten" des 19. im 21. Jahrhundert? Über die Verursachungskräfte und die Renaissance der Schmarotzer-Diskurse seit ungefähr 1980 demnächst. (Bernd Marin, DER STANDARD, 13.9.2012)

  • Alle bisherigen Kolumnen von Bernd Marin finden Sie auf der Website www.euro.centre.org

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  • 13.9 2012
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  • 31.3.2012
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  • 3.2.2012
    • Bernd Marin

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      Intelligent Sparen ist eine Frage der Moral - und wirtschaftlichen Überlebens. Kein ruinöses Kaputtsparen an wichtigen (Human-)Investitionen, sondern Gesundsparen an unnützen, ja selbstgefährdenden Konsumausgaben

  • 7.1.2012
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rentner

lenin meinte ganz klar grundrentner und aktienrentner, kurzum: nicht pensionisten. das wissen Sie sicher auch, aber Sie suggerieren extra was anderes.

schade.

das thema ist ja an und für sich nicht uninteressant und schon gar nicht unwichtig.

die art der formulierung und das abschliessende fazit sind aber nicht mehr als ein möglicher startpunkt für eine diskussion. eine eigene meinung vertreten sie - herr marin - höchstens versteckt hinter den meinungen von zitierten persönlichkeiten.

die aufforderung zur heilung ist ebenso einfach zu wenig. wäre schön anregungen und ansätze zur lösung zu lesen - nicht nur eine bestandsaufnahme oder eine aufzählung von gruppierungen.

und bitte vergessen Sie nicht JEDE FORM von schmarotzertum zu inkludieren, egal ob auf finanzsystem ODER sozialsystem aufbauend.

ich bin wirklich wirklich neugierig ob der angekündigte part meine erwartungen erfüllt.

1917, 1933 bis 1945, vor 1989, 2012 - wo waren Sie 2005 ?

Zitat "Report vom Arbeitsmarkt im Sommer 2005" von Minister für "Wirtschaft und Arbeit" Wolfgang Clement:

"Biologen verwenden für Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen - ihren Wirten – leben, übereinstimmend die Bezeichnung Parasiten"

Bild-Zeitung:

"Die üblen Tricks der Hartz-IV-Schmarotzer! … und wir müssen zahlen"

Herr Clement wurde diesen Juni zum neuen Vorsitzenden der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft"

Bravo.

Wie sind übrigens am Artikelende genannten "wirklichen Schmarotzer" zu verstehen?

"Parasit" und "Schmarotzer" ist ein und dieselbe Wikipedia-Seite

(altgriechisch und mittelhochdeutsch)

Wie wäre es einfach damit, die Menschen nicht mehr mit Kommentaren zu beehren?

Wenn nun sogar Klagsdrohungen gegen Poster im Raum stehen, wäre es doch besser für Herrn Marin, hier gar keinen Kommentar mehr zu verfassen.

Denn wer auf standard.at Kommentare verfasst, muss damit emotional umgehen können, dass es zum Teil auch heftigen Widerspruch geben kann, zumal es um das umstrittene Thema Pensionsalter und die Frage geht, wie Menschen damit in Zukunft umgehen sollen, ab 45 aufwärts kaum mehr einen Job zu finden. Insbesondere ist dann mit heftigem Widerspruch zu rechnen, wenn die vorgetragenen Ansichten mit den empirischen Erfahrungen der Menschen im krassen Widerspruch zu stehen scheinen.

Ich meine, wer mit Vorliebe hier Kommentare verfasst, muss den Diskurs annehmen können. Es gibt nämlich keine Deutungshoheiten.

Na bumsti

Einen Menschen mit solch einer Einstellung, ist ja genau richtig als leitender Direktor am Institut für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung.

Das erfreuliche; in drei Jahren darf sich der Hr. Marin in die Pension verabschieden.

Eulenauge,
ich gratuliere Dir zu Deiner Courage.
Bitte lass Dich durch diesen von Wirtschaftsverbänden
finanzierten "feinen Herrn Experten (Lachkrampf)" nicht einschüchtern. Ich bin im Übrigen ganz Deiner Meinung.
mfg

...danke Kuh Yvonne für die Unterstützung...!

Eulenauge?

Nein, das muß wer anderer sein.

Aber der liebe Herr M. hat sich mit seiner lächerlichen Klagsdrohung offensichtlich nicht viele Freunde gemacht hier.

...nein, ich bins: ruhigundklar...

danke für die Solidarität, wir werden sie in Zukunft noch brauchen können.

Aufruf zur Solidarität!

Bitte lest euch die Beiträge dieses Forum genau durch und urteilt dann. Ich finde es entlarvend und letztklassig, was der "Herr Sozialexperte" Marin hier aufführt, nämlich User(in) Eulenauge, das mit keinem einzigen Wort Marin persönlich angegriffen oder gar beleidigt hat, einzuschüchtern sowie mit einer Klagsandrohung mundtot zu machen. Eulenauge hat meine vollste Unterstützung und möge sich bitte melden, falls er/sie durch einen Anwalt eingeschüchtert werden sollte - wir finden eine Lösung.

Danke für Deine Solidarität, lieb Yvonne, aber leider -

oder Gott sei Dank - ist sie nicht vonnöten: Ich war schon in den ausgehenden 70ern an der JKU politisch aktiv und zähle unter Anderem daher einige der prominenteren Juristen OÖs zu meinem Bekanntenkreis, und die größte und angesehenste (private) RA-Kanzlei zu meinem Kundenkreis.

Es wäre mir ein Fest, im Gerichtssaal zu sehen, wie W. Moringer oder ein anderer Anwalt von Haslinger, Nagele & Partner Herrn Marins Klagsschrift kunstgerecht zerlegt.

Meine Anwälte kämen Herrn M. nicht gerade billig, aber er hat's ja.

Im Übrigen sei festgehalten, daß etwas juristische Grundausbildung Herrn M. nicht schaden könnte: Es ist noch keine Beleidigung oder Verleumdung, nur weil sich ein rhetorisches Mimoserl beleidigt oder verleumdet fühlt.

Keine Sorge

Keine Sorge, ich werde hier nicht mehr weiter diskutieren oder gar prozessieren. Wer Beleidigungen als Beleidigungen nicht erkennen will oder kann, dem ist nicht zu helfen. Schade um das Forum.

bm

Könnten Sie auch gleich aufhören, im Standard zu schreiben?

Vielen Dank.

empfehle das manila cybercrime law!

ein paar oligarchen zusammen mit hollywood haben einen gummiparagraphen gegen beleidigung und verleumdung rein geschmuggelt, in die übliche suppe zwischen IP kriegsrecht und antiterror-paranoia.
bitte nachlesen.
aquino cybercrime act
(der präsident wurde wohl ähnlich obama platt gemacht, der wär selber eher auf der anderen seite, als langjähriger internet-freigeist)

hört sich aber eher nach "wie man in den wald ruft so..." an!

@B. Marin

Ah so, "dümmer geht's nimmer" (an Plinius, 13.10.2012, 13:07) und Eulenauge als nicht lesefähig zu bezeichnen, sind keine Beleidigungen.

Möchte anmerken, dass in diesem Threads zwei Postings von mir gar nicht gebracht wurden.

Wo ist eine Beleidigung seitens Eulenauge zu finden?

Bevor ich mir von Ihnen helfen lasse, spiele ich eine Woche gratis die Putzfrau in der ÖVP Zentrale.

Marin (=Sprachrohr der Wirtschaftsinteressen),

Typen wie Sie sind völlig überflüssig! Verbreiten Sie Ihren Schwachsinn bei der Industriellenvereinigung, beim WIFO und ähnlichen Interessensvertretungen; dort gibt es wahrscheinlich tosenden Beifall. Außer durch total weltfremden, asozial-ausbeuterischen Schwachsinn (Arbeitsplätze für 80-Jährige etc.) sind Sie noch nicht aufgefallen, im Gegenteil.

scheisse !!! ich will euch mal nicht durchfüttern !!
bzw. fürchte ich, werde ich nicht mehr in den genuß kommen, weil das buffet schon vorher leergefressen wurde.
naja genießst das fressen, so lange es noch warm ist.

Noch alle Tasse im Schrank?
Und wer oder was bist du dann,wenn du frißt statt ißt?!

Ich fürchte, daß hier ein Mißverständnis

vorliegt: Ich selber brauche nicht "durchgefüttert" zu werden, und werde auch nicht vor 65 in Pension gehen, wenn es irgendwie vermeidbar ist: Eine SVA-Pension kann ich mir schlicht nicht leisten ;-)

Und falls ich erlebe, mache ich auch nach 65 weiter, solange ich kann.

Andererseits habe ich erste Reihe fußfrei erlebt, wie meine Ex-Frau in den Burn-out schlitterte, weil der Sanierungskurs ihrer Firma betriebswirtschaftlich korrekt ergab, ihren Vorgesetzten sowie dessen Vorgesetzten einzusparen und deren Arbeit bei unverändertem Gehalt von meiner lieben Ex machen zu lassen.

Nach längerem Krankenstand hat sie es jetzt noch geschafft, rechtzeitig vor deren Abschaffung in die Altersteilzeit zu schlüpfen: Ich bin ihr's nicht neidig.

ah,

da steigt jemand mit dem Hr. Marin in die Grube. Viel Spaß :)

Schon gut
wo bleibt die Eigenleistung zum Gesamten, der anspruch zum Gemeinwohl beitragen zu wollen
Es sind nicht nur die sogenanten Reichen, was ist ist mit den 80% Hängematten bzw. tlw Hängemattenbegünstigten in AT. Wer will denn überhaupt noch was nach vorne bringen?
Wieviele können ohne Staatsbeitrag in Österreich überhaupt noch überleben??

Schwarzgeldstaat Schweiz

Was ist mit all den Abermilliarden von Steuerflüchtlingen,dem Blutgeld von Diktatoren uäm. von dem die Schweiz auf Kosten der Bürger anderer Staaten blendend lebt?
Der löchrige Käse und die Uhren können doch nicht den Reichtum der Ch geschaffen haben(hab ich was vergessen..?)

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