Bei Sam Hunt im Norden Neuseelands

Ingo Petz
11. Oktober 2012, 16:56

Wer Neuseeland verstehen will, sollte Sam Hunt kennen. Eine Reise zum populärsten Dichter des Gastlandes der Frankfurter Buchmesse 2012

Was hatte Sam Hunt doch gleich gesagt? Wo wohnt er? "Es steht kein Name am Briefkasten, der an der Einfahrt zu meinem Grundstück steht. Nur die Zahl 147, was 1,47 Kilometer von der Hauptstraße entfernt bedeutet. Hier gibt es keinen Handyempfang. Verfahr dich also nicht." Abseits der Welt wohnt er, natürlich. Wie es sich für einen Dichter gehört. Eine Reise zu Hunt ist auch eine Reise in die Seele Neuseelands.

Seit zwei Stunden geht es durch Käffer, hügelige Wälder und vorbei an Wiesen, auf denen friedlich Schafe oder Kühe grasen. Hier in Nordland, dieser Gegend nördlich von Auckland, ist Neuseeland, wie es meistens ist: grün und provinziell. Die Cafés sind nett, in den Pubs gibt es das etwas kohlensäurearme Bier Lion Red und in jedem Dorf eine saubere öffentliche Toilette. Auch wenn es Latte macchiato und Panini mittlerweile aus der verhassten Nordinselmetropole bis aufs Land geschafft haben.

Hier im Norden ist Neuseeland, so wie sich die Neuseeländer ihr Land gern vorstellen: bescheiden, beschaulich, bodenständig. Die Gemeinden heißen Kaiwaka, Pukekakoro, Maungataruto oder Paparoa. So viel Melodie, so viel Rhythmus. Eine gute Gegend für Dichter und Träumer. Rechts eine alte Tankstelle, die in einen Laden für allerlei Kuriosa umfunktioniert wurde. Aus dem ragen zwei riesige Beine - wie ein Mensch, der kopfsteht. "Dreams", Träume, steht auf einem Schild.

Sam Hunt (66) ist Dichter. Er ist sogar so etwas wie Neuseelands inoffizieller Nationaldichter. Kein anderer Poet erreicht mit seinen Gedichten eine derartige Popularität in dem südpazifischen Inselstaat. Das liegt vor allem an diesen Dingen: In Hunts Zeilen schwingt immer die Sehnsucht mit, die ein Neuseeländer im ständigen Angesicht der Natur verspürt. Es ist die Poesie des vagabundierenden Provinzneuseeländers, der ständig "on the road" ist. Auf der Suche nach dem Meer, nach der Einsamkeit, nach der Liebe oder nach sich selbst. Hunts Gedichte, die eher Songs gleichen als üblichen Gedichten, sind eng verwoben mit der neuseeländischen Landschaft und Seele. "A man can only find himself when lost. Such country, this, where all men are lonely: plateau, hawk and rivermist."

Dass manche Kritiker sein Dichtwerk als "zu pathetisch" oder "kitschig" beschreiben, passt ins Hunt'sche Gefühlsprogramm. Zudem: Hunts schweißtreibende Auftritte sind legendär. Er zelebriert seine Gedichte, vor allem in den kleinen Pubs, die sich überall im Land finden. Wie ein schamanenhafter Bluessänger, der die Seele der Poesie mit seiner whiskyrauen Stimme gekonnt hervorkitzelt. "Tell the story, tell it true - charm it crazy", ist sein Motto.

Zu guter Letzt: Hunt ist äußerlich und wohl auch charakterlich eine recht exzentrische Figur. Seine zottelige Frisur erinnert an die von Rod Stewart in den Achtzigern. Dazu trägt er Stiefeletten, Röhrenjeans und weite Hemden. Er trinkt gern, er liebt Frauen und den Rock 'n' Roll. Es gibt nicht viele, denen man in Neuseeland solch eine Exzentrik gestattet und die dennoch verehrt werden. Einer von ihnen ist Sam Hunt.

In Boxershorts vom Winde verweht

Hinter dem Ortsausgang von Paparoa geht es links auf eine Schotterstraße zu den vielen Farmgrundstücken. Der Briefkasten mit besagter Nummer ist schnell gefunden. Und während der Wagen die Schotterstraße hinunterstottert, ist Hunts große dünne Gestalt bereits auf der Veranda eines zweistöckigen Holzhauses zu erkennen. Er trägt ein weites, weißes Jim-Morrison-Hemd, Boxershorts, Stiefeletten. Den dürren Körper bedeckt ein Bademantel. Sein zerzaustes Haar flattert im Wind, der an dem dünnen Mann heftig zieht. So wirkt er ein wenig wie die umstehenden Bäume, dessen zerbrechliche Kronen und Äste der Wind geformt hat. Auf der Veranda: allerlei Holzkisten, Schrott, leere Flaschen. "Hi Ingo, good da meet ya", begrüßen eine freundliche, im tiefsten Kiwi-Akzent gefärbte Stimme und ein verschmitztes Lächeln.

Es geht hinauf in den zweiten Stock. Ein geräumiges Wohnzimmer, ein alter Sessel, alte Holzmöbel, Bücher, Platten von Bob Dylan und den Stones, natürlich. Die Zeit wirkt hier konserviert. Die Moderne hat hier keinen Platz. Von der Veranda geht der Blick weit, über das grün leuchtende Land hin zu einer Ausbuchtung des Kaipara Harbour, wo die See graubraun in der Bucht liegt. "Ach, du kannst ja nichts trinken", sagt Hunt und greift zur Rotweinflasche. "Aber ich genehmige mir einen Schluck. Cheers."

Die Bucht der komischen Käuze

Dann erzählt Hunt von seinem ungarischen Kindermädchen, das ihm Gedichte beibrachte, und von seiner Kindheit in Castor Bay, Ende der 1940er-Jahre und in den Fünfzigern, als dieser am Nordufer gelegene Stadtteil von Auckland noch ein Ort bekannt für seine komischen Käuze war. Heute gehört Castor Bay den Reichen und den Pensionisten. "Nein, das ist nicht mehr meine Heimat."

Hunt kommt aus einer Familie von Gauklern und Musikern. Seit seiner Kindheit schreibt er und rezitiert Gedichte. Hunt stottert, sucht nach Wörtern, wenn er erzählt. Aber wenn er Gedichte von seinen Mentoren wie Alistair Campbell, James K. Baxter oder Denis Glover rezitiert, ist seine Sprache klar und stark. Hunt mag die Einsamkeit. Und wahrscheinlich hält es auch nur die Einsamkeit mit ihm aus.

Von seiner Frau lebt er getrennt. Sein Hund Minstrel, vielfach in seinen Gedichten besungen, ist vor vielen Jahren gestorben. Nur mit seinem jüngsten Sohn versucht er so viel Zeit wie möglich zu verbringen. Hunt ist ein Troubadour, ein Hippie, und vor allem ein Anarchist, der heute anerkannt ist, der sich aber in den puritanisch-konservativen Zeiten der neuseeländischen 1960er- und Siebzigerjahre an der Gesellschaft und an der akademischen Poesie abrieb, die ihn erst in den vergangenen Jahren in ihren Kanon aufgenommen hat.

In seinem Sessel, mit einem Glas Rotwein in der Hand, wirkt "der neuseeländische Jack Kerouac" wie ein melancholischer Wächter einer anderen Zeit. Die neuseeländische Variante der Beat Generation verkörpert er als Solitär. Aber wie seine Heimat ist auch Hunt in gewisser Weise provinziell. Er sei mal in den USA, natürlich in England und in Australien gewesen, sagt er. "Aber ein Weltreisender war ich nie. Ich wollte immer verstehen, in was für einem Land ich lebe. Deswegen bin ich vor allem durch Neuseeland gereist." Und das sehr exzessiv.

In den Achtzigern umfasste eine seiner Touren einmal 86 Gemeinden, für ein kleines Land eine beachtliche Zahl. Doch bei der Frankfurter Buchmesse ist der ewige Tramper nicht dabei - fast ein bisschen schade: Neuseeland ist dort schließlich Ehrengast, und Hunt so neuseeländisch wie der Hokey-Pokey-Tanz, Gummistiefel oder die Nachspeise Pavlova. "Nein. Buchmessen. Das ist nichts für mich", raunt er. "Da halte ich mich lieber fern." So einen wie Hunt, den kann man nicht der Landschaft entreißen, in der er verortet ist.

Auf der Rückfahrt, der Wind pfeift, der Schotter springt gegen das Autoblech, krächzt und singt Hunts Stimme aus dem CD-Player, und man versteht ihn sofort: "When my first boy was born, I went off the road two years. Twenty-one years on, another son, I do the same, go off - roads, and backroads. And if that's not enough to keep the boy happy, take a river of a road to the sea." Hunt offenbart den Neuseeländern den lockenden Blick auf die See - selbst wenn man sie nicht sieht. (Ingo Petz, Rondo, DER STANDARD, 12.10.2012)

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11 Postings
"Es gibt nicht viele, denen man in Neuseeland solch eine Exzentrik gestattet und die dennoch verehrt werden"

Da hat Herr Petz das Land aber nicht sehr intensiv bereist. Ich kenne keine Weltgegend, in der man mehr derart entspannte und nach europäischen Maßstäben völlig durchgeknallte Typen trifft wie in NZ. Im Schlafrock in den Supermarkt? Wird dort niemandem auffallen. Der neue anglikanische (!) Bischof von Wellington trägt dreadlocks, kurze Hosen und grundsätzlich keine Schuhe - nicht einmal bei der Amtseinführung mitten im Winter. Dagegen kommt Herr Hunt wie ein angepasster Langweiler daher. Wenn es überhaupt noch echte Nonkonformisten gibt in der westlichen Welt, dann dort. Nachteilig daran ist nur, dass man die Welt nicht mehr versteht, wenn man nach Österreich zurückkehrt und in all diese grauen, gelangweilten Gesichter blickt ...

Bin schon froh, wenn dieses HDR wieder aus der Mode kommt

darf man fragen

warum denn?

Ich gebs ja nicht gerne zu..

..aber ich weiß nicht was HDR bedeutet.

.) Haut die Reichen !
.) Heirate den Reinhard !
.) Hast Du Roiperln ?
.) Heast, du Rindviech !

Bitte klären Sie mich auf.

bezieht sich auf das erste Bild

"High Dynamic Range"

ich dachte (ernsthaft) es steht für 'Herr der Ringe' O_o

aber der sinn bleibt mir dennoch verborgen.

vermutlich ist mein englisch zu schlecht -;o )

Mr. Rodrigez gefällt die derzeit sehr moderne Foto Darstellungstechnik nicht, welche Kontraste stark überzeichnet und dadurch ein "grelleres" Bild mit knalligen Farben bringt. Es hat schon was, aber wenn man allzuviel derartiges sieht kriegt man wohl genug davon. Aber wie bei allen Fotos gilt: Das Motiv macht das Bild. Wenn das Motiv uninteressant ist kann man das mit Technik nicht wettmachen.
Frei nach Gerhard Polt :"Wenn eine Sache genetisch versaut ist, das kann man mit Prügel allein nicht korrigieren, die Irmengard hat dann immer geweint"
Das hier (http://www.martinfrank.info/wp-conten... x2005.jpg) ist zum Beispiel ärgstens HDR.

Wie wär's mit google? :-)

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