Wandern extrem: Über die Alpen glühen

Franziska Horn
14. Oktober 2012, 16:52

Acht Amateure wandern in sieben Tagen vom Ötztal ins Schnalstal. Der Marsch ist auch ein Gipfeltreffen mit Alpinlegenden, die den Wettbewerb am Berg bereits hinter sich ließen

"My god, where's my hardshell?" Niemand antwortet. "Geh, hot wer mei Trinkflasch'n g'sehn?" Schweigen. Acht Leute reden durcheinander, hier unten im Keller eines Ötztaler Hotels. Mal auf Französisch, mal in Deutsch, Italienisch - und Englisch, offizielle Sprache des interkulturellen Bergsteigertrosses durch die Alpen. Aufregung liegt in der Luft.

Im Türbogen kauert ein Mann. Dass er Alpingeschichte geschrieben hat, lässt er sich nicht anmerken. Schmal wirkt er in seinem erbsengrünen Softshell. Ein Kapperl mit "Südtirol"- Schriftzug beschattet den Blick. Gelassen schaut er auf das Treiben - solche Szenen kennt Hans Kammerlander einfach zu gut. "Wir spielen Expedition", mag er sich denken. Sagen tut er das nicht. Endlich sind die Rucksäcke gepackt. Es geht los.

Outdoor-Fotograf Bernd Ritschel hat die Tour akribisch geplant. Ihm zur Seite steht Bergführer Patrick Hediger aus Zug. Neben seinem rund 15 Kilogramm schweren Rucksack trägt der Schweizer die Verantwortung für die gesamte Gruppe. Sieben Tage über Gipfel und Pässe, mit fremden Gesichtern und Alpen-VIPs, das ist aufregend für Marine und Erica, für Lorenzo und Natalia, für Philipp, François, Lorenzo, Yacine und Tiziana. Auf Einladung des Outdoor-Ausrüsters Gore kommen die acht aus Polen, Frankreich, Belgien, Italien, Deutschland und Österreich in die Alpen. Fast 75 Kilometer wollen sie gehen, vier bis neun Stunden am Tag, von Oberried im Ötztal über den Hauptkamm ins Schnalstal, Aufstiege bis 1400, Abstiege bis 1700 Höhenmeter. Den höchsten Punkt bildet die vergletscherte Wildspitze mit 3768 Metern.

Keiner, der ständig Englisch redet

"Ja, my English is a Sherpa-English", scherzt Kammerlander unterwegs. Schon ist das Eis gebrochen, Berührungsängste gibt's keine, von hier an reichen Vornamen. Im Nebel steigt der Treck hinauf zum Hauersee mit seiner Selbstversorgerhütte. Es reißt es auf. Nach einem Sprung in den 14 Grad kalten See erzählt Hans beim Aufwärmtee von seinen Projekten - und aus seinem Leben. Als echter Bergler ist er keiner, der ständig redet. "Für mich ist der Wettbewerb am Berg nicht mehr interessant", sagt er knapp, "heute schau ich mehr aufs Drumherum". Und er ergänzt: "Früher sind die Leute übers Gehen zum Klettern gekommen, heute ist es umgekehrt. Da eiern sie dann am Berg herum", kommentiert er.

Tiziana, Medizinstudentin aus Leoben, will mehr wissen, wo er lebt und wie - und überhaupt. Also erzählt Hans. Von seinen 39 Oldtimern und den Rennen in Kitzbühel, vom Eigenheim im Nepal-Stil, von der Kette, die er um den Hals trägt, ein Geschenk Messners. Zwei rundgeschliffene Steine hat er daran gehängt, "einen vom K2, einen vom Everest". Während er das erklärt, beginnt es zu schütten. Was heißt das: Dicker Neuschnee auf dem Gletscher zur Wildspitze?

Nach einer Nacht im Matratzenlager heißt es Zähneputzen im Morgengrauen, draußen am Bach. Abmarsch um halb sieben. Der Regen hat nachgelassen. Siebeneinhalb Stunden geht es nun über die Pässe, über fünf Übergänge, rauf und runter, über nasses Gestein, Schotter, Schrofen. Kaum Sicht. An der Luibisscharte schlägt Patrick mit dem Pickel Stufen ins Toteis. Dennoch fällt jemand, humpelt. Kammerlander übernimmt den Rucksack. Die Truppenmoral bleibt gut.

Gruppenbild mit Gulasch

Am Gipfel des Gahwinden in 2649 Metern Höhe schart sich die Truppe ein letztes Mal um ihn. Gruppenbild. 300 Meter darunter liegt die Rüsselsheimer Hütte im Nebel. Steinböcke soll's hier geben. Doch die kriegt die Gruppe erst auf dem Teller zu Gesicht: als Gulasch. Yacine, Franzose und Gentleman der Truppe, staunt und bestellt einen Salat. Seine Familie stammt von algerischen Berbern ab. Für ihn kommt nur Fleisch infrage, das halal ist, auf besondere Art geschlachtet. Kammerlander ist da schon weg.

Am nächsten Morgen glänzt der Himmel wie reingewaschen. Relaxt geht es hinunter ins Pitztal. Natalia (26), Hotelmanagerin und Snowboardlehrerin in der Nähe von Krakau, macht Faxen, sie scheint ein Konditionstiger zu sein. Jetzt, am dritten Tag, zeigt der Marsch Spuren beim einen oder anderen. Doch Patrick ist zufrieden: Das Team kommt schnell voran. Gedanklich sortiert er die Seilschaften für die Tour auf die Wildspitze.

Mittags in Mandarfen stößt Yann Delevaux, Bergführer aus Chamonix, dazu. Seit zwölf Jahren arbeitet er für die Guides de Haute Montagne, eine Art Elitetruppe. "Are you afraid?", witzelt Yann und schiebt nach: "No fear, no fun." Dann erklärt er sachlich und schlicht, wie man Steigeisen anlegt - und anschließend damit geht. Dann macht sich der Treck auf den dreistündigen Weg zum Taschachhaus. Nach dem Abendessen verschwindet die Mannschaft früher als sonst in den Federn. Alle haben Respekt. Vor dem nächsten Tag, vor der langen Tour.

Aufstehen um 3.45 Uhr. Abmarsch um fünf. Es ist stockdunkel. Im Schein der Stirnlampen geht es eine Stunde über felsigen Grund. "Gut, dass es so finster ist, dann sieht man den Abgrund nicht", scherzt Philipp. Am Gletscherrand binden Patrick, Yann und Bernd ihre Leute ins Seil. Während Yann ein flottes Gehtempo anschlägt, folgt Patrick mit seiner Seilschaft verhaltener: Der Tag ist ja noch lang. Zu dieser frühen Stunde, in einer Welt aus Eis - ein Glücksmoment. Flach geht es hinauf zum Mittelkarferner, dann steil zum Brochkogeljoch. "Der Gletscher ist je nach Saison ganz schön zerrissen", hatte Patrick zuvor erwähnt. Ab und zu braucht es einen vorsichtigen Schritt, ansonsten ist der Gletscher zahm. Bis Marine plötzlich einbricht und in einer Spalte steckt, ohne Grund zu berühren. "Jetzt weiß ich, warum wir am Seil gehen", meint sie. Alles geht gut.

Versteckte Tritte, im Team gefunden

Um halb elf steht das erste Team auf dem Gipfel. Am Kreuz begrüßt Bernd Ritschel jeden mit Handschlag. Besser als jede Smartphone-App sagt er die Namen der umliegenden Bergriesen auf. Doch stundenlanges Sattsehen ist nicht drin. Der Abstieg beginnt mit einer gesicherten Kletterpassage, für einige Neuland. François zeigt Teamgeist - und den Kameraden die versteckten Tritte. Da kommt schon das nächste Hindernis im Parcours: eine 40 Grad steile Firnflanke. Fast 1700 Meter hat dieser Abstieg. Zu viel für Lorenzos Knie. Für ihn ist die Tour vorbei. Die Gruppe, längst ein Team, verabschiedet ihn herzlich. Bevor er geht, sagt er: "Das Beste war die Wildspitze! So hoch war ich noch nie. Das gab mir das Gefühl, mehr zu können, als ich glaubte."

Am fünften Tag holt Karl Gabl die Weitwanderer an den Rofenhöfen ab. Gabl ist Meteorologe, Bergführer und frisch in Pension. Offiziell. Fertig mit seiner Arbeit ist er nicht. Mit seinen Prognosen hat Gabl Spitzenalpinistinnen wie Gerlinde Kaltenbrunner die Gipfeltouren ermöglicht. Auf dem Weg zur Similaunhütte beginnt Gabl zu erzählen. Erklärt die netten Wolken, die weniger netten und das Drei-Schichten-System. "Wolken sind ja nicht mit Nägeln an den Himmel getackert, sondern ständig in Bewegung", erklärt er. Wie auf Kommando zieht es zu.

Patrick drängt zum Aufbruch, quert eine Zunge des Niederjochferners, über die Schmelzwasser rinnt. Achtung, Glatteis! Später holt Gabl noch einmal aus, Klimaveränderungen sind das Thema. Abends wird verkündet, dass die Biwaknacht am Schröfenwandsattel entfällt: Niederschlag kündigt sich an.

Ein letztes Mal heißt es: frühmorgens raus, im Dunkeln los. Rauf aufs Hauslabjoch zum Ötzi-Denkmal. Um sieben stehen die Alpenüberquerer im ersten Licht vor der Steinsäule. Einige schweigen. Alle fotografieren. Jeder konserviert den Augenblick auf seine Weise. Als Fremde sind sie gestartet, als Freunde heimgekommen. Dazwischen liegen 6500 Höhen- und 8000 Abstiegsmeter. "Ötzi-Family" nennt Marine fortan die Clique. (Franziska Horn, Rondo, DER STANDARD, 12.10.2012)

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