Furcht vor der virtuellen Staatenrettung

Der IWF rechnet damit, dass Investoren bald austesten werden, ob es die Euro-Zentralbank ernst meint

Tokio - Zwischen den hunderten Finanzministern, den Topökonomen und den unzähligen Bankmanagern sind die eigentlichen Stars der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Tokio eine kleine Gruppe unscheinbarer Männer: die europäischen Notenbanker.

Europäische Notenbänker gefragt

Die Organisatoren der Tokioter Konferenz haben sie auf jedes zweite Podium gesetzt. Kaum taucht Vítor Constâncio, Vizedirektor der Europäischen Zentralbank (EZB), oder Christian Noyer, Chef der französischen Notenbank, irgendwo auf, werden sie umringt und mit Fragen bombardiert. Selbst asiatische Geschäftsleute reißen sich um sie.

Das Interesse ist begründet: Mit ihrer Ankündigung im September, nötigenfalls unbegrenzt Staatsanleihen von Italien und Spanien zu kaufen, hat die EZB für die bisher spürbarste Beruhigung in der Schuldenkrise gesorgt. Ohne dass auch nur ein Euro ausgegeben wurde, sind die Zinsen für spanische Anleihen von sieben auf unter sechs Prozent gesunken. Neben der Anerkennung wächst beim IWF die Angst, dass die Europäer den Hilfsmechanismus zu spät aktivieren. Der IWF rechnet damit, dass Investoren bald austesten werden, ob es die Europäische Zentralbank ernst meint.

"Das angekündigte EZB-Programm darf von den Märkten nicht als rein virtuell angesehen werden", warnte José Viñals, Direktor der Kapitalmarktabteilung beim Fonds, am Mittwoch in Tokio. Er würde daher einen Hilfsantrag Spaniens begrüßen. Der IWF-Chefökonom, Olivier Blanchard schürte Angst vor einem Wiederanstieg der Risikoaufschläge für Madrid und Rom: Die Lage habe sich schließlich nur beruhigt, weil Investoren die Aktion der EZB antizipiert haben.

Situation könnte unkontrollierbar werden

Europäische Diplomaten meinten hingegen am Mittwoch, für Spanien gebe es bei den derzeitigen Marktbedingungen einfach keinen Grund, den Rettungsschirm in Anspruch zu nehmen.

Das Problem: Wartet man zu lang, könnte die Situation unkontrollierbar werden. Denn es würde einige Zeit dauern, bis die EZB aktiv wird. Spanien müsste einen Antrag an den Rettungsschirm stellen und sich mit den Euroländern auf ein Programm einigen. Dabei gibt es derzeit noch nicht einmal beim bereits beschlossenen Hilfsprogramm für Madrid - 100 Milliarden für die Rekapitalisierung der Banken - eine Einigung. Bisher ist kein Cent geflossen. Diplomaten in Tokio erzählen, dass sich der Streit darum dreht, was unter "Rekapitalisierung" zu verstehen ist. Die Verbindlichkeiten einiger spanischer Banken übersteigen das verbliebene Kapital dieser Institute offenbar massiv. Für diese Löcher soll Madrid selbst aufkommen. Der Rettungsschirm will nur das notwendige Kapital für bereits sanierte Banken beisteuern.

Dass die Probleme in Europa nicht gelöst sind, lässt sich auch aus der IWF-Schätzung ablesen, wonach Banken ihre Bilanzen zwischen Ende 2011 und Ende 2013 um 2,8 Billionen Dollar (2,1 Billionen Euro) eindampfen werden, um Risiken abzubauen und ihr Kapital zu stärken. Noch im April war der IWF von 2,6 Billionen ausgegangen, ein Großteil des Schrumpfungsprozesses soll Südeuropa treffen. (András Szigetvari, DER STANDARD, 11.10.2012)

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