Pfeifen im Wald

Kolumne10. Oktober 2012, 19:13
50 Postings

Kärnten wird anders

Vor acht Jahren haben im sizilianischen Palermo mutige Geschäftsleute eine außergewöhnliche Bürgerbewegung gegründet: "Addiopizzo" - also "Tschüss, Schutzgeld". "Ein ganzes Volk, das Schutzgeld bezahlt, ist ein Volk ohne Würde" lautet ihr Wahlspruch, zu dem sie sich in Form eines Aufklebers auf ihren Geschäften öffentlich bekennen um dadurch gegen die Erpressung durch die Mafia ein Zeichen zu setzen.

Inspiriert vom überraschenden Erfolg dieser Initiative und den jüngsten Erkenntnissen in Kärnten (Birnbacher-Prozess, Part-of-the-game-Affäre, von der Partei eingeforderte 240.000 Euro beim Verkauf von Schloss Reifnitz, das "Dörfler-Prozent" bei der Vergabe öffentlicher Bauaufträge, und vieles mehr), habe ich vergangenen Montag gemeinsam mit Robert Palfrader und Thomas Maurer eine Anti-Schutzgeld-Aktion für unser südlichstes Bundesland aus der Taufe gehoben: "Diese Firma ist so frei und zahlt kein Geld an die Partei" steht auf dem Pickerl, mit dem Kärntner Unternehmer ab sofort die Portale ihrer Büros und Geschäftslokale kennzeichnen können. Präsentiert haben wir den Aufkleber vor dem Jörg-Haider-Denkmal in Gurk, nicht ohne zuvor die dort dargestellten ineinander verschränkten Hände - offensichtlich ein Symbol für das Prinzip "eine Hand wäscht die andere" - im Geiste von "Mani pulite - saubere Hände" einer gründlichen Reinigung zu unterziehen.

Bei unserem anschließenden Besuch in Klagenfurt haben wir dann eine kleine Überraschung erlebt. Nicht nur, dass sämtliche von uns kontaktierte Geschäftsinhaber unsere Initiative begrüßt und dies auch vor einer laufenden Kamera zum Ausdruck gebracht haben, auch die Stimme des Volkes sprach zu uns in einer gängigen Kärnten-Klischees widersprechenden Art und Weise. Keine einzige negative Reaktion, stattdessen einhellige Zustimmung für die Notwendigkeit unserer Aktion. Ein Feedback, das unseren ursprünglich satirisch überhöht gedachten Ansatz doch infrage stellt. Als schließlich ein weißhaariger, sonnengegerbter Kärntner Anzug-Träger seinem Zorn auf die Dreistigkeit der regierenden Parteispenden-Abkassierer freien Lauf ließ, hätte es des panisch vor der Kamera Reißaus nehmenden Klagenfurter FPK-Bürgermeisters gar nicht mehr bedurft um eine Vermutung aufzustellen: Kärnten wird anders.

Das scheinen auch die Spitzen der Kärntner Landesregierung zu merken. Egal ob Gerhard Dörfler wider besseren Wissens versichert, dass niemals Anklage gegen ihn erhoben wird, oder Harald Dobernig mit intellektuellen Amokläufen von den auf ihn zukommenden Prozessen abzulenken versucht - es ist das Pfeifen im Walde zweier Verunsicherter, die nicht nur das Urteil der Justiz, sondern auch das der Wähler fürchten müssen.

Apropos Pfeifen. Auch die Gebrüder Scheuch wurden von unseren Gesprächspartnern in der Klagenfurter Fußgängerzone oft mit einem umgangssprachlich gefärbten Begriff bezeichnet. Ihr zumindest nach außen ungebrochen zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein lässt den Schluss zu, dass sie "den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen." Pfeifen im Wald also, wohin man hört und schaut. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 11.10.2012)

Share if you care.