Milo tritt wieder in Montenegro an

Reportage10. Oktober 2012, 18:47
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In Montenegro finden am Sonntag Parlamentswahlen statt - In dem kleinen Staat an der Adria sind die Abhängigkeiten groß

Bojan war drei Jahre alt, als Milo an die Macht kam. Als er erwachsen wurde, hat Bojan auch immer Milo gewählt. Aber nun ist seine Familie enttäuscht, weil er ihre Geschäfte nicht ausreichend unterstützt hat. "Eigentlich wollen wir diesmal nicht Milo wählen. Aber einige von uns haben Angst, dass sie dann ihren Job verlieren", sagt der 26-jährige Montenegriner. In traditionellen Familien entscheidet noch immer nicht das Individuum. Und wie in allen Staaten Südosteuropas gilt die Partei - welche auch immer - als Garant für Jobs und soziale Sicherheiten. Wahlen sind dazu da, den Deal zwischen der Partei und den Bürgern zu bekräftigen.

Milo Djukanovic ist zwar 2010 offiziell aus der Politik ausgeschieden, aber nun kandidiert er wieder als Spitzenkandidat der Regierungspartei DPS. Niemand weiß, welches Amt der Mann, der zwischen 1991 und 2010 abwechselnd Premierminister und Präsident war, nun anstrebt. Viele meinen, "Milo" sei ohnehin der Boss.

"Die Angst, bestraft zu werden, wenn man nicht wieder die Partei wählt, gehört zur Balkan-Paranoia", erklärt Vanja Calovic von der NGO Mans. Die 35-jährige Ökonomin geht seit Jahren Korruptionsfällen nach und fordert mehr Konsequenz der EU. "Wie lange müssen wir auf unseren Sanader-Prozess warten?", fragt sie in Anspielung an den ehemaligen kroatischen Premier.

Meinungsumfragen zufolge werden die Regierungsparteien mit 44,1 bis 50,2 Prozent die Wahlen gewinnen. Allerdings ist noch unklar, ob sich alle Albanerparteien auf ihre Seite stellen werden. Diesmal tritt auch die Opposition stärker auf. Neu sind die Parteien "Demokratische Front" und "Positives Montenegro". Bisher konnte das Regierungslager mit dem Argument punkten, dass ein Sieg der Opposition den Staat gefährden würde. Als 55 Prozent der Montenegriner 2006 für die Unabhängigkeit stimmten, plädierte die Opposition für die Staatenunion mit Serbien. Der neuen Partei "Positives Montenegro mit dem Logo der österreichischen Grünen kann aber diesmal nicht mehr der Vorwurf gemacht werden, Jugoslawien wieder aufleben lassen zu wollen.

"Es sind diesmal dynamischere Wahlen, weil die Regierungsparteien nicht alles unter Kontrolle haben", konstatiert Daliborka Uljarevic vom Zentrum für zivile Bildung. "Aber die DPS ist so lange an der Macht, dass sie sich mit dem Staat gleichgestellt hat."

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Ein wenig Nervosität ist trotz aller balkanischen Gelassenheit zu spüren. Medien berichten über Versuche der Regierungsparteien, gegen Geld Personalausweise von Leuten "einzusammeln", die die Opposition wählen könnten. "Eine Stimme kostet 50 bis 70 Euro", sagt die Journalistin Milka Tadic. Tadic bezweifelt, dass ein Machtwechsel überhaupt möglich ist. "Es gibt 100.000 Pensionisten, und mit 50.000 Personen ist der öffentliche Sektor der größte Arbeitgeber. In Montenegro wurden Wahlen noch nie dazu genutzt, Führungskräfte auszutauschen."(Adelheid Wölfl aus Podgorica, DER STANDARD, 11.10.2012)

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    Für viele der Boss, egal in welchem Amt: der mehrfache Premier und Präsident Milo Djukanovic im Wahlkampf.

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