Medienprotest bei Orbáns Berlin-Besuch

10. Oktober 2012, 18:25
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Preisgekrönte ungarische Journalisten überreichen deutscher Kanzlerin Merkel Petition für Pressefreiheit

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán wird heute, Donnerstag, von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Arbeitslunch in Berlin empfangen. Der rechtsnationale Regierungschef ist in den europäischen Hauptstädten eher selten zu Gast, und auch bei Merkel sieht er keiner ungetrübten Begegnung entgegen. Denn die Konsequenzen des umstrittenen neuen ungarischen Mediengesetzes werden ihn dort einholen.

"Leipziger Petition für Pressefreiheit in Ungarn"

Kurz vor dem Merkel-Orbán-Termin werden die ungarischen Fernsehjournalisten Balázs Nagy Navarro und Aranka Szávuly im Bundeskanzleramt ihre "Leipziger Petition für Pressefreiheit in Ungarn" überreichen. Rund 600 Menschen haben dieses Dokument bis Mittwochfrüh in Leipzig unterschrieben. Sie verurteilen darin "die staatlichen Eingriffe in die ungarischen Medien entschieden", wovon besonders die öffentlich-rechtlichen Medien betroffen seien. Für diese hatten Nagy Navarro und Szávuly gearbeitet, bis ihnen, obwohl sie als Gewerkschafter geschützt gewesen wären, widerrechtlich gekündigt wurde.

Sitzstreik

Die beiden nahmen am Montag - zusammen mit der mexikanischen Aufdeckungsjournalistin Ana Lilia Pérez und der deutschen Afrika-Berichterstatterin Bettina Rühl - den renommierten Leipziger Medienpreis entgegen. Nagy Navarro und Szávuly kämpfen seit mehr als 300 Tagen mit einem Sitzstreik vor dem Gebäude des öffentlich-rechtlichen Fernsehens MTV gegen den Missbrauch des Senders als Propagandainstrument der Orbán-Regierung. Die Leipziger Ehrung galt ihrer Zivilcourage und ihrem unbeirrbaren Eintreten für freie Medien. Die Idee der Petition zum Orbán-Besuch wurde spontan am Tag der Preisverleihung geboren.

Leipzig erinnerte am Dienstagabend mit dem "Lichterfest" an den Beginn der friedlichen Revolution in der damaligen DDR vor 23 Jahren. Ungarn, das sich mit der spektakulären Grenzöffnung für DDR-Bürger als Geburtshelfer des Mauerfalls erwiesen hatte, war heuer Ehrengast. Die große Rede in der Nikolai-Kirche hielt der liberale ungarische Schriftsteller György Dalos. (Gregor Mayer aus Leipzig, DER STANDARD, 11.10.2012)

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    Keine ungetrübten Beziehungen: Premier Viktor Orbán und Kanzlerin Angela Merkel.

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