Kein nachhaltiger Hype für Kunst und Kultur

Herwig Höller aus Maribor
10. Oktober 2012, 18:10

In Maribor zählt man im Kulturhauptstadtjahr auf Kulturbotschafter. Auch Österreich gehört dazu

Außenminister Michael Spindelegger nützte die Präsenz österreichischer Kunst und Kreativindustrie zur ersten offiziellen Visite bei seinem Amtskollegen.

Zwar neigt sich die diesjährige Evropska Kulturna Prestolnica (EPK), das Europäische Kulturhauptstadtjahr in Maribor (Marburg), dem Ende zu. Doch am Mittwoch gab es noch eine diplomatische Visite. Erstmals seit der Unabhängigkeit Sloweniens beehrte ein österreichischer Außenminister offiziell die Draumetropole. Im Vorfeld hatte zwar ein umstrittene Sager den Besuch überschattet - der Kärntner Landesrat Harald Dobernig hatte sinngemäß den Kärntner Slowenen ihren Status als echte Kärntner abgesprochen.

Doch Michael Spindelegger fand klare Worte - sehr zur Freude des slowenischen Außenministers Karl Erjavec, der seinerseits betonte, wie gut er sich doch mit "Minister Michael" verstehe.

Der Grund für Spindeleggers kurzen Abstecher über die Grenze lag in der Programmatik der Kulturhauptstadt 2012. Die EPK-Macher hatten - mit wenigen Ausnahmen wie etwa einer beachtenswerten Schau im Frühjahr, die sich mit den Deutschen in Maribor beschäftigte - auf eigene große Würfe verzichtet. Stattdessen setzten die Slowenen auf "Kulturbotschaften".

Dies war wohl auch einem finanziellem Kalkül geschuldet: Die eingeladenen Staaten brachten jeweils einen beträchtlichen Teil der Finanzierung mit. Im Oktober gibt sich nun Österreich alle Mühe, sich mit sympathischen Projekten in der Kulturhaupstadt zu präsentieren. Ganz im Sinne der offiziellen Kulturdiplomatie, die die Republik als weltoffen präsentieren möchte.

Österreichs Kreativindustrie

Angekommen in Maribor, liefen die beiden Minister kurz durch die Altstadt. Sie hielten vor einer temporären Spiegel-Installation des Grazer Künstlers Gustav Troger am zentralen Trg Leona Stuklja und passierten am Trg svobode den sehr skulpturalen Salzburg-Pavillon White Noise: In dem auffälligen temporären Bauwerk werden Errungenschaften der österreichischen Kreativindustrie präsentiert.

In aller Kürze besichtigten die Gäste auch die zentralen Austro-Ausstellungen im Festivalzentrum Vetrinjski Dvor: etwa jene des Fotoklassikers Erich Lessing - in Maribor sind 200 Schwarz-Weiß-Fotografien mit Schlüsselszenen der europäischen Nachkriegsgeschichte zu sehen.

Und, ja, es gab große Diplomatie und nette Worte. Doch über die realen Probleme der Stadt im Allgemeinen und der Kulturhauptstadt im Besonderen wurde geflissentlich geschwiegen. So schuldet die krisengebeutelte Kommune Maribor der Kulturhauptstadt-Betriebsgesellschaft derzeit mehr als fünf Millionen Euro. Und Maribors rechtspopulistischer Bürgermeister Franc Kangler, der vor Spindelegger eine nette Show als Gastgeber abzog, hat nahezu ein Dutzend Ermittlungsverfahren am Hals - es geht um Korruption.

Aber noch schlimmer: Das Kulturhauptstadtjahr hat es nicht geschafft, in der Stadt selbst einen nachhaltigen Hype für Kunst und Kultur auszulösen. Als am vergangenen Samstag das ambitionierte steirische Kunst-im-öffentlichen-Raum-Projekt Borderline in einem Rundgang präsentiert wurde - unter anderem mit der vorhin erwähnten Arbeit von Gustav Troger - blieben die angereisten österreichischen Steirer weitgehend unter sich. Wie schon zum EPK-Auftakt wirkte das Stadtzentrum an diesem Samstagnachmittag nahezu wie ausgestorben.

Wo Jodeln bereichert

Nichtsdestotrotz kamen zuletzt vermehrt Tagestouristen aus dem Norden. So liefen die Minister am Mittwoch einer Lavanttaler Pensionistengruppe in die Arme. Die wollte nicht nur Fotos machen, sondern stimmte auch ein Kärntnerlied an. "Über Kultur läuft vieles im zwischenmenschlichen Bereich, damit kann man einen Dialog beginnen", hatte der Außenminister kurz zuvor in einer Pressekonferenz erklärt.

Nun grinsten er und sein slowenisches Gegenüber im Gleichklang. Und Spindelegger lobte die Jodelkünste: "Mit eurem Gesang habt ihr die Kulturhauptstadt bereichert." (Herwig Höller, DER STANDARD, 11.10.2012)

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