Zwei Vizes müssen Küsschen geben

Nach ihren Chefs sind die Kandidaten für die Vizepräsidentschaft für ihr TV-Duell dran. Sie müssen ihre Politik möglichst verständlich unter die Leute bringen und die Wähler herzen. Joe Biden hat dabei leichte Vorteile.

Washington/Wien - Es gibt einen Tag im US-Wahlkampf, an dem die Zweiten Erste sein dürfen. Und der ist in diesem Jahr heute, Donnerstag. Gegen 21 Uhr (drei Uhr MESZ am Freitag) werden Joe Biden und Paul Ryan, die beiden Vizepräsidentschaftskandidaten, zu ihrem landesweit ausgestrahlten Fernsehduell auflaufen. Anderthalb Stunden lang wird es im Centre College in Danville, Kentucky, um innen- und außenpolitische Themen gehen. Wahlentscheidend wird diese Konfrontation nicht sein. Aber sie ist spannend, weil sie in einen starken Aufwärtstrend für die Republikaner in den Umfragen fällt.

Die beiden Kontrahenten könnten nicht unterschiedlicher sein: Hier der alte Joe Biden, seit 36 Jahren Mitglied des Senats, mit lockerem Mundwerk und waffenscheinpflichtiger Leutseligkeit. Dort der junge Paul Ryan, immerhin auch schon seit 14 Jahren Mitglied des Repräsentantenhauses, als Fitnessfreak, ideologisch schneidiger Liebling der Tea-Party-Bewegung und gnadenloser Budget-Berserker.

Der eine, Biden steht für das Amerika der 1970er-Jahre, in dem alles und noch mehr ging. Der andere für jene konservativen Eiferer, die am liebsten mit Dreispitz und Perücke aus Gründerväterzeiten auftreten und die einst so businessorientierte Grand Old Party seit einigen Jahren in Geiselhaft genommen haben.

Seit Wochen bereiten sie sich auf die Debatte vor. Arbeitslosigkeit, schlechte Konjunktur und die hohen Schulden der Vereinigten Staaten werden sie wohl dominieren. "Ich gehe davon aus, dass der Vizepräsident wie eine Kanonenkugel auf mich losgeht", sagte Ryan im Vorfeld. Und sein Chef, Präsidentschaftskandidat Mitt Romney, mutmaßte: "Ryan hat, soviel ich weiß, noch niemals an einer Debatte teilgenommen ... Vielleicht auf der High School."

Trotz allem gilt der 42-Jährige als guter Redner, der Massen ansprechen und auch aufheizen kann. Die Frage ist nur, ob er diese Fähigkeiten auch im Mann-gegen-Mann-Redekampf umsetzen kann. Mit dem 69-jährige Biden hingegen gehen mitunter seine rhetorischen Pferde durch. Er riskiert gerne eine spitze Zunge, ohne - wie sein zaudernder Chef, Präsident Barack Obama - lange über die möglichen Konsequenzen nachzudenken.

Auf beiden lastet ein enormer Druck. Der eine muss die Scharte Obamas aus der ersten Debatte auswetzen, der andere an die gute Performance Romneys anknüpfen. 2008 gewann Biden nach Auffassung von politischen Beobachtern und Umfragen die Debatte mit großem Abstand. Damals sahen rund 70 Millionen Amerikaner zu, das war der zweitbeste je gemessene Wert für eine TV-Debatte in den USA und mehr als zuletzt bei Romney gegen Obama. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 11.10.2012)

Livestream zur Debatte der Vizepräsidenten:

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