Offen für Widersprüche und unvertraute Welten

10. Oktober 2012, 17:31
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Das Jüdische Filmfestival präsentiert bis 24. Oktober knapp 20 Filme in Votivkino und De France

Wien - Dass der Fundamentalismus in den Religionen etwas mit verdrängtem Begehren zu tun hat, ist unschwer zu erkennen auch dann, wenn man nicht alles und jedes auf sexuelle Bedingungen zurückführen will. Der israelische Film Ha-Maschgichim (God's Neighbors) von Meni Yaesh tut vor diesem Hintergrund das Naheliegende: Er formuliert den Widerspruch erzählerisch aus.

Junge Orthodoxe aus Bat Yam, einer Stadt im Einzugsgebiet von Jaffa, versuchen, in ihrer Umgebung ihre Auffassung von Moral durchzusetzen. Konkret läuft das in der Öffentlichkeit auf Kleidungsvorschriften hinaus, die ein junges Mädchen nicht einhält. Sie zeigt sich anders und erweckt so die Sehnsüchte von Avi, dem Wortführer der strengen Gruppe. So entwickelt sich ein Konflikt, der durchaus als repräsentativ gelten kann, und zwar über die Grenzen der Religionen hinweg.

Der Unterschied zwischen der Gesellschaft in Israel und in manchen muslimischen Ländern ist dabei der, dass in Letzteren Filme wie God's Neighbors vielfach gar nicht möglich wären. Das Jüdische Filmfestival in Wien zeigt hingegen nicht nur mit diesem Beitrag, dass die Debatte darum, welche Form jüdischer Identität möglicherweise näher an religiöser Wahrheit oder an kultureller Überlieferung liegt, gerade auch im Kino intensiv geführt wird. In Geschichten wie The Other Sohn, einer französisch-israelischen Koproduktion von Lorraine Levy, wird die Identitätsfrage dabei auf ihren genetischen Kern fokussiert - das Wechselbalgmotiv dient hier einer erhellenden Spiegelung von Vorstellungen dessen, was das "Eigene" ausmacht.

Knapp zwanzig Filme werden bis 24. Oktober im Votivkino und im De France gezeigt. Darunter ist auch der Agentenspaß OSS 117 - Er ist sich selbst genug (beim Festival als OSS 117: Lost in Rio) mit dem durch The Artist berühmt gewordenen Jean Dujardin in der Hauptrolle und einer Mossad-Agentin an seiner Seite. Dass es sich um eine Parodie handelt, wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass der Held sich bei der Kollegin danach erkundigt, was die Juden denn gegen die Nazis hätten (die er auftragsgemäß jagt, aber ohne geschichtspolitischen Durchblick).

Weitere interessante Punkte im Programm der Jüdischen Filmwoche haben stärkeren Österreich-Bezug, etwa die Dokumentation Das Weiterleben der Ruth Klüger von Renata Schmidtkunz oder Jeremy Braunsbergs Jüdische Identität in Wien, in dem Peter Stephan Jungk als Reiseführer in eine naheliegende und doch für viele Bewohner der Stadt vermutlich gar nicht vertraute Welt fungiert.

Eine gute Idee ist, an den kürzlich verstorbenen Kurt Maetzig mit seinem Drama Ehe im Schatten zu erinnern, in dem er schon zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs an die Courage erinnerte, die nicht alle in den von Nazis als "Mischehen" diskreditierten Ehen mit jüdischen Partnern aufbrachten. Eine weitere historische Station ist Lang ist der Weg (1948), der als der erste Spielfilm über die Shoah gilt, der aus jüdischer Perspektive erzählt wird.

Aus allen diesen Titeln setzt sich ein facettenreiches und lebendiges Bild jüdischen Lebens zusammen, das sich nicht zuletzt allen Formen von Zensur und Verdrängung widersetzt. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 11.10.2012) 

Bis 24.10.

  • "OSS 117: Rio ne répond plus" bzw. "OSS 117: Lost in Rio": Jean Dujardin als Hubert Bonisseur de La Bath aka OSS 117, Louise Monot als Dolorès Koulechov, Alex Lutz als Heinrich von Zimmel.
    foto: koch media

    "OSS 117: Rio ne répond plus" bzw. "OSS 117: Lost in Rio": Jean Dujardin als Hubert Bonisseur de La Bath aka OSS 117, Louise Monot als Dolorès Koulechov, Alex Lutz als Heinrich von Zimmel.

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