"Schmerz alleine ist kein Grund für eine Operation"

10. Oktober 2012, 17:05
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Deutscher Schmerztherapeut empfiehlt, vor einer OP eine zweite Expertenmeinung in spezialisierten Schmerzzentren einzuholen

Göppingen - Kann man ständige Schmerzen einfach wegoperieren?  Ärzte und Patienten scheinen mitunter davon überzeugt zu sein. So stieg beispielsweise in Deutschland die Zahl der Bandscheiben-Operationen zwischen 2007 und 2010 um 30 Prozent. Im Jahr 2007 registrierte das Statistische Bundesamt 140.000 Eingriffe, 2010 waren es bereits 171.000. Aus dem vergangenen Jahr stehen noch keine entsprechenden Daten zur Verfügung.

Gegen nahezu alle Schmerzarten werden heute Operationen angeboten, sogar gegen Migräne. Trotz aller Fortschritte der Operationstechniken mehren sich jedoch die Hinweise, dass viele dieser Eingriffe überflüssig sind und sogar schädlich sein können. "Wir wissen beispielsweise schon seit Jahren, dass es Patienten mit Bandscheibenvorfall und ins Bein ausstrahlenden Schmerzen, egal ob mit oder ohne Operation, nach einem Jahr besser geht", berichtet Gerhard Müller-Schwefe, Leiter der Südwestdeutschen Schmerztage, die am 12. und 13. Oktober in Göppingen stattfinden.

Meistens keine OP notwendig

Deshalb empfiehlt der Experte, vor einer derartigen OP eine zweite Expertenmeinung in spezialisierten Schmerzzentren einzuholen. Von diesem Angebot haben in Deutschland mehr als 600 Patientinnen und Patienten Gebrauch gemacht, die bereits einen OP-Termin vereinbart hatten. In 87 Prozent der Fälle riet das Schmerzteam - bestehend aus Schmerzmediziner, Psychotherapeut und Physiotherapeut ­- von einer Operation ab. Der Mehrzahl dieser Patienten (66 Prozent) wurde eine Weiterbehandlung bei ihrem betreuenden Arzt empfohlen. Bei 21 Prozent der Patienten empfahl das Team eine sogenannte multimodale Therapie, die inzwischen der Goldstandard in der Schmerzbehandlung ist.

Multimodal bedeutet, dass verschiedene Therapien - Medikamente, Bewegung, psychologische Strategien, Physiotherapie - von jeweiligen Experten im Rahmen eines Kompaktprogrammes kombiniert werden. "Dieses Vorgehen ist besonders bei Rückenschmerzen - mit einer Erfolgsrate von über 80 Prozent - hochwirksam", so Müller-Schwefe.

Schmerztherapie nach OP

Der Experte räumt allerdings ein, dass es natürlich Fälle gibt, bei denen eine Operation hilfreich ist. "Auf der einen Seite sind Operationen zwar Verletzungen und bergen Risiken, auf der anderen Seite darf man nicht so lange warten bis unumkehrbare Schäden entstanden sind, wenn ein Eingriff die beste Lösung ist", lautet das Fazit des Mediziners.

"Ist eine Operation erforderlich, müssen die Therapieziele realistisch gesetzt werden«, rät Müller-Schwefe. Denn nicht nur der Eingriff selbst, sondern auch die richtige Nachbehandlung sind für das Behandlungsergebnis entscheidend. "Zu dieser Nachbehandlung gehört in jedem Fall eine gute Schmerztherapie", ist der Experte überzeugt. Wer Schmerzen hat, mag sich nicht bewegen und aktiv werden. Doch genau das kann entscheidend für den Behandlungserfolg sein. "Wenn ein Therapieergebnis nicht zufriedenstellend ausfällt, muss dies nicht an der Operation liegen, sondern kann die Folge einer ungenügenden postoperativen Schmerzbehandlung und damit das Ergebnis mangelnder Aktivierungs- und Trainingsmöglichkeiten sein", so die Schlussfolgerung von Müller-Schwefe. (red, derStandard.at, 10.10.2012)

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    Multimodale Therapien sind besonders bei Rückenschmerzen hochwirksam, meint Schmerzexperte Gerhard Müller-Schwefe.

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