Akademisches Viertel, ade!

Blog25. Oktober 2012, 10:59
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Durch die Studieneingangsphase wirkt die Wahlmöglichkeit recht eingeschränkt, das System insgesamt sehr verschult

Jetzt geht es richtig los mit meinem Studium der Informatik. Nach der Zulassung muss jeder mit seiner Matrikelnummer und dem Passwort der Erstanmeldung online seinen "u:net"-Account freischalten. Nach der Aktivierung bekommt man automatisch eine E-Mail-Adresse, an die man alle Infos der Uni Wien gesendet bekommt.

Bereits seit 2010 werden keine Studienunterlagen mehr auf Papier versendet. Die Studienbestätigungen muss man sich am privaten PC ausdrucken. Für den Fall, dass man nicht über eine derartige Infrastruktur verfügt, kann man das an Terminals der Uni erledigen. 

All das war natürlich vor 20 Jahren undenkbar, und das Vorlesungsverzeichnis gab es damals noch nicht online, sondern nur als dicken Schmöker. Auch die Anmeldung zu allen Lehrveranstaltungen muss heute digital erfolgen. Es ist erstaunlich, wie viel man dabei als Studentin schon wissen muss: Nicht nur, welche Veranstaltungen man besuchen möchte, sondern auch schon genau, für welches Pflichtmodul man sie sich anrechnen lassen will. 

Durch die seit dem Wintersemester 2011/2012 gesetzlich vorgeschriebene STEOP, die Studieneingangs- und Orientierungsphase, wirkt die Wahlmöglichkeit recht eingeschränkt, das System insgesamt sehr verschult. Wählt man zum Beispiel eine Lehrveranstaltung, die nicht für das erste Semester vorgesehen ist, kann man sich dafür schlicht nicht anmelden. 

Das mag für manche sicher eine Hilfe sein, um in der Fülle des Angebots eine Auswahl zu treffen und sich nicht zu verbummeln. Glückliche Zufälle werden damit aber sicher ausgeschlossen. Zum Beispiel jener einer Bekannten, die sich vor 20 Jahren nur aus Jux und Tollerei mit ihrem Freund in eine Vorlesung für Technische Mathematik gesetzt und dabei ihr Talent für die Materie entdeckt hat. Eine Ausnahme, gewiss, aber sie wird im heutigen System immer unwahrscheinlicher.

Ich fasse den Plan, mich in höhersemestrige Lehrveranstaltungen einzuschleichen. Aber davor absolviere ich brav die zweitägige Einführungsvorlesung. Vor dem nagelneuen Institutsgebäude stehen ein paar Typen rauchend herum, man trägt Rucksack. Das also hat sich nicht geändert.

Gibt es eigentlich noch die c.t.-Regel? Ich bin nicht sicher. Zehn Minuten vor neun, dem angekündigten Veranstaltungsbeginn, ist es vor dem Hörsaal mucksmäuschenstill, keiner da. Also doch cum tempore! Ich nütze die Zeit für eine Inspektion der Toilettanlagen, pipifein! Klopapier gab es vor 20 Jahren an der Uni noch nicht. Um fünf vor neun betrete ich den Hörsaal, der bereits rappelvoll ist. Es war so still, weil schon alle drinnen waren. Ab jetzt weiß ich: sine tempore! (Tanja Paar, derStandard.at, 25.10.2012)

Tanja Paar, geb. 1970, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Graz, Wien und Lausanne. Nach journalistischen Aufenthalten bei "Falter", "Trend" und "Profil" ist sie seit zehn Jahren Redakteurin des STANDARD. Nun kehrt sie an die Uni zurück und studiert Informatik an der Universität Wien.

  • Das neue Institut für Informatik der Uni Wien.
    foto: apa/harald a. jahn

    Das neue Institut für Informatik der Uni Wien.

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