"Wer Geld macht, gilt schon als unappetitlich"

Interview |
  • Bernd Jeschek (stehend) rudert um privates Geld.
    foto: wolfgang fuchs

    Bernd Jeschek (stehend) rudert um privates Geld.

Das Geld für sein musikalisches Theaterprojekt "Die Gratellis" hat Bernd Jeschek mittels Crowdfunding im Bekanntenkreis aufgetrieben

Wien - Kunstschaffende, deren Projekte vonseiten der öffentlichen Hand nicht gefördert werden, suchen seit einigen Jahren auf Crowdfunding-Plattformen nach neuen, webbasierten Finanzierungsmöglichkeiten. Vorreiter bei dieser Form des Kunstsponsorings war die amerikanische Seite Kickstarter, die seit 2009 über 350 Millionen Dollar lukrieren konnte. Im deutschen Sprachraum übernimmt diese Aufgabe Startnext, gegründet 2010.

Unter dem Motto "Unterstütze deine Kreativlandschaft!" buhlen die online präsentierten (Kunst-)Projekte um das private Geld von Interessierten. Der Markt dominiert also das Angebot, d. h., populäre, griffige Themen haben bei Crowdfunding (Schwarmfinanzierung) leichter Erfolg. So ist auf Startnext etwa ein Filmprojekt über Bud Spencer bereits zu 136 Prozent finanziert.

Der Wiener Theatermacher Bernd Jeschek hat sein neues musikalisches Stück "Die Gratellis", das am Freitag in der Anker-Expedithalle Uraufführung hat (20 Uhr), ebenfalls mit privaten Geldern finanziert. Vorerst hat er nur seinen Freundeskreis angezapft.

STANDARD: Warum haben Sie sich für Crowdfunding entschieden?

Jeschek: Weil ich keinerlei sonstige Unterstützung bekommen habe.

STANDARD: Auch nicht versucht?

Jeschek: Doch. Ich reiche immer Förderanträge ein und werde immer abgelehnt. Ich will mich aber nicht daran hindern lassen, das zu tun, was ich tun möchte, und habe dann alle Menschen in meinem Umfeld angesprochen und versucht, sie für mein Projekt zu gewinnen. Es ist mir fast bei allen gelungen. Und ich möchte auch alles wieder zurückzahlen, nachdem wir abgespielt haben. Meine letzten Produktionen habe ich im ganzen Sprachraum bis zu 80-, 90-mal gespielt. Das könnte sich ausgehen. Ich habe auch Inserate fürs Programmheft verkauft, auch Vorstellungen. Wir spielen in Stuttgart, Düsseldorf, Leverkusen usw. Alte Kontakte von mir.

STANDARD: Wie gehen Sie beim Betteln um Geld vor? Man will sich ja die Freunde nicht vergraulen ...

Jeschek: Ich mache das in dieser Weise zum ersten Mal. Und das Wichtigste ist, dass man die Menschen für die Sache begeistert.

STANDARD: Warum sollte man sich für Ihr Projekt begeistern?

Jeschek: Es ist eine skurrile Geschichte, die vom Leben erzählt. Sie handelt von einem Vater mit drei Töchtern, die als Showtruppe unterwegs sind. Der Vater wurde von drei Frauen verlassen, als diese voneinander erfahren hatten. Jede ist bei ihm dann noch einmal aufgetaucht und hat ihm ein kleines Mädchen hinterlassen. Also musste er sich fortan mit den drei Töchtern durchschlagen. Zuerst versuchte er sich ohne Erfolg als Staubsaugervertreter, dann kam er auf die Idee, die Töchter einen Staubsauger-Song singen zu lassen, und daraus entstand dann die Showtruppe.

STANDARD: Das ist hoffentlich nicht Ihre Geschichte?

Jeschek: (lacht) Nein, das ist vollkommen erfunden. Zum Beispiel muss die Familie schon zu Beginn beim geheimen Krampus- fest des österreichischen Auslandsgeheimdienstes auftreten, und zwar in einem U-Boot unterwegs von Wien zum Donaudelta. Zurück fahren sie in einer Kutsche des rumänischen Geheimdienstes, werden aber von einem gefährlichen transsilvanischen Räuber überfallen und gefangen genommen, und dem entkommen sie nur, indem sie diesem das Jodeln beibringen. Also hart an der Realität (lacht). Es soll im allerbesten Fall eine unterhaltsame Geschichte werden.

STANDARD: Hauptaugenmerk liegt auf der Musik?

Jeschek: Ja, vier Komponisten und Komponistinnen sind am Werk: Ingrid Oberkanins, Monica Reyes, Leonhard Paul und Thomas Gansch. Wir machen das komplett unplugged.

STANDARD: Wie viel Geld benötigen Sie für die Produktion?

Jeschek: Ich hatte ein Worst-Case-Szenario, für den Fall, dass ich gar kein Geld auftreibe. Das hätte bedeutet, dass ich meine Truppe erst bezahlen kann, wenn wir was einspielen. So ist es zum Glück nicht gewesen. Ich habe jetzt so viel beisammen, dass ich jedem zunächst ein Probengeld zahlen kann.

STANDARD: Eine Summe wollen Sie nicht nennen?

Jeschek: Ich habe über 60.000 Euro aufgetrieben. Ich hätte gerne mehr gehabt, weil zum Beispiel Werbung sehr viel kostet. Wir haben ja keine diesbezügliche Infrastruktur. Wir haben unsere Adresslisten verwendet, plakatieren auch, in bescheidenem Maße.

STANDARD: Crowdfunding ist ja ein Netzphänomen. Sie haben das aber noch auf "old school" gemacht?

Jeschek: Ja, aber der Weg über das Netz wird ein nächster Schritt werden. Mir schien diese anonyme Variante für meine jetzige Produktion noch nicht erfolgversprechend.

STANDARD: Erst wenn Ihnen die Freunde davongelaufen sind?

Jeschek: (lacht) Ich werde alles tun, um das Geld zurückzuzahlen. Aber irgendwann wird man sich die größere Variante überlegen müssen.

STANDARD: In Deutschland sind die Crowdfunding-Plattformen derzeit wieder auf dem absteigenden Ast. Menschen sind nicht (mehr) so spendierfreudig.

Jeschek: Es ist dennoch ein Modell der Zukunft. Die öffentliche Hand gibt immer weniger her.

STANDARD: Die Open House Theatre Company in Wien sucht Geld für "A Christmas Carol". Ab 50 Euro Spende wird ein Date mit den Schauspielern in Aussicht gestellt. Würden Sie das auch machen?

Jeschek: Selbstverständlich. Da herrscht bei uns falsche Zurückhaltung. Geld zu machen ist in Österreich unappetitlich, aber wer keinen Erfolg hat, der wird auch schief angeschaut. Also wenn ich mit jemandem Tee trinken gehe und er mir dann 1000 Euro gibt - nichts Schlimmeres soll mir passieren! Wir spielen auch in Wohnzimmern, auf Festen. Jeder, der Interesse hat, ist willkommen. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 11.10.2012)

Bernd Jeschek wurde 1949 in der Steiermark geboren und hat als Regisseur (u. a. Mnozil Brass) sowie Theater- und Fernsehschauspieler (u. a. am Düsseldorfer Schauspielhaus, "Eurocops") Erfolge gefeiert. Seinen Soloabend "Novecento - Die Legende vom Ozeanpianisten " hat er 70-mal gespielt.

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