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"The Big Book", der Grundtext der Anonymen Alkoholiker, ist eine Anleitung zu einem redlichen Lebensstil.
Beim Hinuntergehen ins Tiefparterre des Hauses in der Barthgasse 5 im dritten Wiener Gemeindebezirk steigt einem der Geruch von kaltem Rauch in die Nase. Unten sind mehrere Tische der Länge nach aneinandergereiht, an denen acht Männer und vier Frauen sitzen und sich in einem freundschaftlichen Ton unterhalten. Fast alle von ihnen ziehen an einer Zigarette. Es herrscht eine Stimmung, wie sie auf Vereinsabenden üblich ist. Doch eines fehlt: Alkohol. Statt Bier oder Wein stehen auf den Tischen mehrere Thermoskannen mit Filterkaffee.
An den Wänden hängen Poster mit Sprüchen. Auf einem von ihnen steht: "Wen Du hier siehst, was Du hier hörst - wenn Du gehst, bitte lass es hier." Die freien Stellen an der Wand sind nikotingelb gefärbt.
Was zunächst wie ein ausgelassenes Treffen unter Bekannten wirkt, ist ein Meeting der Anonymen Alkoholiker (AA). Die meisten kennen sich auch gar nicht so gut, wie es den Anschein hat. Der Familienname wird hier an der Tür abgelegt. "Denn es gilt halt immer noch: Besser ein stadtbekannter Trinker als ein Anonymer Alkoholiker", sagt Franz*, der sich um die Pressearbeit bei den AA kümmert. Obwohl die hier versammelten Menschen nicht viel über das Privatleben des anderen wissen, haben sie eine Gemeinsamkeit: Sie sind Alkoholiker, einige von ihnen trocken, andere nicht.
In den Meetings sprechen die Mitglieder der AA über ihre Erfahrungen mit dem Trinken. Dadurch sollen sie selbst nüchtern bleiben und anderen Alkoholikern zum Nichtkonsum verhelfen. Bei den AA geht man davon aus, dass nur ein trockener Alkoholiker einem anderen Alkoholiker helfen kann. Die gemeinsame Entscheidung zur Abstinenz wird hier als einziger Ausweg aus der Alkoholkrankheit gesehen. "Hauptziel der Anonymen Alkoholiker ist es, nüchtern zu bleiben und anderen Alkoholikern dabei zu helfen, nüchtern zu bleiben", sagt Franz. Auch er hat früher getrunken.
Die Meetings bei den AA haben weltweit immer den gleichen Ablauf: Zu Beginn wird die Präambel über das Selbstverständnis der AA vorgelesen. In ihr ist unter anderem festgeschrieben: "Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören."
Die Präambel ist das Vorwort des "Blauen Buchs", auch "The Big Book" genannt, das der Grundtext der Anonymen Alkoholiker ist. In ihm steht geschrieben, wie alkoholkranke Menschen in einzelnen Schritten ihre Persönlichkeit und ihr Leben verändern sollen. Dazu kommen Lebensgeschichten von Mitgliedern. Es liegt bei jedem Meeting auf dem Tisch.
Danach wird reihum das "12-Schritte-Programm" vorgelesen, das die Mitglieder der AA in die Nüchternheit führen soll. "Es ist ein einfaches Programm für komplizierte Menschen", sagt Franz. Der erste und grundlegendste Schritt ist, sich einzugestehen, dass man Alkoholiker ist.
Danach können sich die Mitglieder zu Wort melden. Mit den anderen diskutiert wird nicht. Es geht in erster Linie ums Reden und Zuhören. An diesem Abend beginnt Eva. "Servus, mein Name ist Eva und ich bin Alkoholikerin." "Servus Eva!", begrüßt die Gruppe sie lautstark. Eva ist klein und sehr schmal. Wie alt sie ist, lässt sich schwer schätzen. Sie könnte Ende 30, aber auch schon an die 50 sein.
Stakkatoartig beginnt Eva ihre Geschichte zu erzählen: Mit 14 Jahren hat sie zu trinken begonnen und "lieber die Schule gestangelt, statt in die Kirche zu gehen". Der Alkohol war ständiger Begleiter in ihrem Leben. In den drei Jahren, bevor sie zu den AA gegangen ist, hat sie täglich getrunken. In der Nacht zum Durchschlafen und in der Früh, damit sie aufstehen konnte. Mehrmals täglich ist sie zum Billa gegangen, um sich mit Alkohol einzudecken. Sie dachte, dass so niemand etwas merkt. "Ich bin mir vorgekommen wie das letzte Stück Dreck."
Eva erzählt, dass sie nichts mehr essen konnte und sich für ihren Alkoholkonsum schämte. Was folgte, war ein dreimonatiger Entzug im Spital, mit unvorstellbaren Entzugserscheinungen. Ob Eva heute trinkt oder nicht, lässt sich nur schwer einschätzen. Durch die Gespräche bei den AA habe sie aber das erste Mal über sich nachgedacht und viel über sich selbst gelernt: "Ich schau' immer nur auf die anderen, aber nicht auf mich. Ich muss lernen, mich selbst zu mögen."
Die Lebensgeschichten, die an diesem Abend erzählt werden, sind zum Teil sehr unterschiedlich, kommen beim Thema Alkohol aber immer wieder auf einen gemeinsamen Nenner: Alle berichten vom Kontakt mit Alkohol in sehr jungen Jahren. Von einem unkontrollierbaren Trinkverhalten und der fehlenden Einsicht, alkoholkrank zu sein. Von der Überwindung und der Scham, darüber zu sprechen, sowie von Panik- und Schwitzanfällen in der Nacht, die Schlaf unmöglich machen.
Franz erzählt, dass er die ersten drei Monate bei den Meetings nur zuhörte, aber sich von Anfang an in den Geschichten der anderen wiedererkannte. "Ich gehe hin und höre mir mein Leben von den anderen an", sagt Franz über die Gemeinsamkeiten innerhalb der Gruppe, die trotz sozialer Unterschiede bestehen.
Die AA haben einen besonderen Zugang zum Alkoholismus. Sie gehen davon aus, dass jemand, der Alkoholiker ist, auch immer einer bleiben wird. Es wird lediglich zwischen trinkenden und nicht trinkenden Alkoholikern unterschieden.
Dass jemand, der Alkoholiker ist, jemals wieder wie ein Nichtalkoholiker trinken kann, ist für die AA ein Irrglaube. "Die Krankheit geht mit. Sie kommt zum Stillstand, aber man kann sie nicht wegbringen", sagt Franz. Obwohl er seit 17 Jahren trocken ist, geht er noch ein- bis zweimal wöchentlich zu einem Meeting. "Damit ich nicht vergesse, dass ich krank bin."
Ein regelmäßiger Besuch der Treffen sei vor allem deshalb wichtig, weil das Programm der AA nur für den jeweiligen Tag funktioniere. "Einem Alkoholiker zu sagen: 'Du darfst nie wieder etwas trinken', wäre eine Zeitspanne, die man nicht aushält", sagt Franz. Ziel sei deshalb, immer für die nächsten 24 Stunden trocken zu bleiben. Für den Fall, dass der Suchtdruck zu stark ist, tauschen die Mitglieder ihre Telefonnummern aus, um im Notfall mit jemandem sprechen zu können, der sie versteht.
Der Weg zur langfristigen Trockenheit ist laut Franz von Mensch zu Mensch sehr unteschiedlich: "Manche kommen zehn Jahre und werden nicht trocken, und auf einmal funktioniert es doch. Das ist bei jedem anders." Wie viele tatsächlich dem Alkohol abschwören, lässt sich nicht feststellen, da es bei den AA keine Mitgliederzahlen und Erfolgsstatistiken gibt.
Entstanden sind die Anonymen Alkoholiker 1935 in den Vereinigten Staaten. Damals lernten sich der Börsenmakler Bill Wilson und der Arzt Bob Smith in Ohio kennen. Beide waren Alkoholiker und hielten sich gegenseitig vom Trinken ab, indem sie einander von ihren Problemen erzählten und Erfahrungen austauschten. Damit war die Initiative geboren. Schätzungen zufolge haben die AA heute weltweit rund zwei Millionen Mitglieder.
In Österreich gibt es die Selbsthilfegruppe seit 1960. Mittlerweile sind es landesweit etwa 200 Gruppen, die sich regelmäßig treffen. Die Teilnahme an den Meetings ist anonym, kostenlos und an keine Bedingungen geknüpft. Bei offenen Meetings können auch Angehörige und Interessierte vorbeikommen.
Finanziert werden die AA durch die freiwilligen Spenden der Mitglieder, die am Ende eines jeden Meetings in einem Hut deponiert werden. Es gibt keine festgesetzten Mitgliedsbeiträge oder Gebühren. Wie hoch die Einnahmen der AA sind, wird nicht offengelegt. Staatliche Mittel und Spenden von Außenstehenden nimmt der Verein nicht in Anspruch.
"Die Anonymen Alkoholiker sind kein Allheilmittel, aber mir haben sie geholfen", sagt Franz. "Millionen können nichts damit anfangen, aber durch sie habe ich zwei Millionen trockene Freunde auf der ganzen Welt."
Den AA haftet aber auch der Ruf einer Sekte an. Vor allem die klaren Regeln des "12-Schritte-Programms" sowie die zentrale Bedeutung von Gott und religiösen Werten in ihren Schriften sind Gründe dafür. Zudem meiden die AA öffentliche Debatten.
Den Glauben der AA an eine höhere Macht erklärt Franz folgendermaßen: "Alkoholismus ist eine Krankheit, die nur durch spirituelle Erfahrung überwunden werden kann. Man muss an etwas glauben, das stärker ist als man selbst."
Ganz im Zeichen der höheren Macht steht auch das Abschlussritual eines jeden Meetings. Alle Mitglieder stellen sich im Kreis auf, reichen sich die Hände und sagen im Chor: "Gott, gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden." (Elisabeth Mittendorfer, derStandard.at, 12.10.2012)
* Die Namen wurden von der Redaktion geändert.
Info
Informationen sind täglich persönlich oder unter der Telefonnummer 01/799 55 99 erhältlich. Die zentrale Kontaktstelle der Anonymen Alkoholiker Österreich befindet sich in Wien 3, Barthgasse 5 und ist täglich von 18 bis 21 Uhr besetzt.
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Interessant zu sehen, dass das Konzept der AA anscheinend wirklich auch über kontinentale Grenzen derart wenig variiert. Wer authentische Einblicke in das Thema Sucht und AA gewinnen will (und zu vielen anderen Dingen) und viel Zeit und Lust am Lesen hat, dem sei Unendlicher Spaß von D. F. Wallace ans Herz gelegt.
(charismatische) Führungspersönlichkeiten/Autoritätspersonen
finanzielle Verpflichtungen
Anwerbung
Kontrolle (durch Anrufe etc.)
Einschüchterungen, Verfolgung bei Ausstieg
hierarchische (pyramidenartige) Strukturen
Dogmen
Sammlung persönlichster Informationen zwecks Erpressungsmöglichkeiten
(Welt-)Herrschaftsansprüche
Fanatismus (Anspruch auf Besitz der einzigen Wahrheit)
apokalyptische Tendenzen
...meines Wissens nach nicht gegeben.
beim ansatz der aa fehlt mir irgendwie etwas.
wenn jemand sauft steckt da wohl ein problem dahinter - mindestens! aber anstatt das problem zu lösen (versuchen) oder es zumindest kennenzulernen kümmert man sich hier immer nur ums saufen.
"ich trink die nächsten 24h nix" erinnert a bissl an "denk nicht an rosa elefanten".
das selbe gilt für den satz "hallo ich bin der ... und ich bin alkoholiker" - ja wie soll der denn jemals kein alkoholiker mehr werden?!?
und mir scheint die behauptung, dass ein alkoholiker immer einer bleibt - auch wenn er nix mehr trinkt - ja schon fast ein mantra dort ist.
auch noch nach vielen jahren. zudem werden sie von der angst beherrscht, wieder trinken zu beginnen. Die Angst treibt sie auch zu den regelmässigen Meetings.
Reflexion gleich null, und sie sehen in jedem der zwei glas trinkt, einen potentiellen bekehrungswürdigen alkoholiker.
Das Bekehren steht meines Wissens sogar in den 12. Schritten
dass sich "dort" die Menschen doch nicht genug verändern?
Persönliche Veränderung kann nicht heißen, irgendwo (wie gut es auch sein mag) obligatorisch teilzunehmen. Vielmehr muss man sich mutig in ein unbekanntes Abenteuer stürzen und dabei einfach alles in Kauf nehmen ...
Wenn es um eine "notwendige" spirituelle Erfahrung geht, dann MUSS man sie auch machen - so wie ein echter Genius seinen Weg gehen muss.
Das gilt vermutlich für alle Menschen, denn alle sind doch kreativ und höchst individuell veranlagt.
Wenn die sich dort eine "gültige" Lösung erhoffen, wird das vielleicht oft gehen, aber es ist nicht radikal genug für jene, die lernen müssten, ihre Gaben zu entdecken und zu entwickeln. Denn nur das ist der wahre Lebenszweck ...
Aber, auch wenn es noch so unverständlich ist, das stimmt. Es dauert lang, bis man alkoholkrank wird (meistens). Aber wenn es einmal soweit ist, kann man nur mehr NICHTS mehr trinken, aber Nichtalkoholiker kann man nicht mehr werden. Man kann natürlich eine Kleinigkeit trinken, ohne gleich rückfällig zu werden. Aber man merkt es weder, wenn der Übergang zum Alkoholiker erreicht ist, noch wann er dann WIEDER so weit erreicht ist. Das ist ja das Gefährliche an dieser Krankheit.
Bitte lesen Sie sich die Überschrift genau durch, da steht es doch: "Reden und zuhören statt trinken."
Die werden da sicher nicht nur vom Saufn reden, sondern die AA haben da die Möglichkeit über darüberstehende Probleme zu reden. (sofern die das halt auch wollen)
Ich selbst war noch nie dort, Sie scheinbar auch nicht. Denn Ihre Vorstellung der AA scheint direkt aus dem Fernseher zu entspringen.
Jeder muß einen eigenen Weg finden, trocken zu bleiben oder zu werden. Es ist nicht jedermanns Sache, mehrmals monatlich sich die Ohren vollseiern zu lassen, oder selbst zu seiern - manche wollen und können damit alleine fertig werden. Ist nicht jeder so ein Gruppenmensch - aber wems hilft wieder und wieder und wieder das gleiche Problem durchzukauen, und auch noch immer wieder mit der Lupe raufzuschauen, ok.
Es so darzustellen, wie in Ihrem posting ist oft noch mehr Schuldgefühle schüren und unerfullbare, kontraproduktive Hoffnung, doch alleine dem Alkohol entrinnen zu können und sich damit im gleichen Moment wieder hoffnungsvoll selbst zu überfordern.
ich habe mich vielleicht ein bißchen ungeschickt ausgedrückt, mit alleine davon wegkommen und daran arbeiten, meinte ich nach einer stationären und rehatherapie - nach diesen therapien fällt es vielen oft leichter, im alltag alleine damit fertig zu werden - manche halt leichter in der gruppe. ich wollte selbstverständlich niemandem schuldgefühle oder sonstwas machen, ich kann mir gar nicht vorstellen wie sauschwer es sein muß, von diesen dingen loszukommen - habe nur erfahrungen in der richtung im beruflichen bereich.
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