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Wenn Menschen irrational und kollektiv ins Verderben laufen, heißt es, dass sie sich "wie die Lemminge" verhalten. Die überlieferten Massenselbstmorde der kleinen Nager verwies die Wissenschaft allerdings mittlerweile ins Reich der Mythen.

Robert Shiller postuliert mehr Finanzinnovationen für eine gerechtere Welt.
Der Mensch verhält sich rational, zumindest in dem Sinne, dass er in seinem eigenen Interesse handelt: Von dieser Prämisse geht die traditionelle ökonomische Theorie aus. Konjunkturschwankungen sind demnach vor allem die Folge technologischen Wandels oder unvorhersehbarer Eingriffe des Staates. Bei jedem Börsencrash müssen sich Wirtschaftswissenschafter wegen dieser und der Überzeugung, dass Finanzmärkte effizient seien, jede Menge Spott gefallen lassen.
Der amerikanische Wirtschaftswissenschafter Robert Shiller geht einen Schritt weiter. Diese Grundannahme der Ökonomie sei schlicht falsch, so der US-Forscher und postuliert zu viel Glauben an die Vernunft der Marktakteure. "Märkte-Versteher" (Manager-Magazin) Shiller hat die aktuelle Krise früh vorausgesagt. Heuer wird er wieder einmal für den Wirtschafts-Nobelpreis hoch gehandelt für seine Beiträge über die Volatilität der Finanzmärkte.
Ein wichtiger Auslöser der Finanzkrise war bekanntlich die Annahme, die Hauspreise würden immer nur steigen und nie fallen. Dass es sich dabei um eine grobe Fehleinschätzung handelt, weiß man mittlerweile allzu gut. Aber hätte man das nicht auch früher wissen können? Oder anders gefragt: Wie kommt es dazu, dass Menschen sich zu so irrigen Annahmen verleiten lassen?
In einem Interview mit der „FAZ" erklärt Shiller das so: "Es scheint, als ob die Menschen während des Booms sich nicht daran erinnert hätten, wie sie vor zwanzig Jahren über Hauspreise gedacht haben. Was wiederum daran liegen mag, dass sie damals ohnehin keinen Gedanken daran verschwendet haben. Außerdem steckten natürlich auch handfeste wirtschaftliche Interessen von Maklern und anderen dahinter, die die Menschen in ihrer falschen Einschätzung bestärkt haben." In gewisser Weise habe sich die Entwicklung eine Weile selbst hochgeschaukelt: "Die Beobachtung steigender Preise bestätigte die Menschen in der Auffassung, dass es stets bergauf gehen würde, und sie trieben durch ihre Käufe die Preise weiter. Spekulative Blasen entstehen durch solche sich gegenseitig verstärkende Effekte, die zur Verbreitung von Vorstellungen und Ideen führen."
Die Börsenkurse können also quasi abheben, weil die Masse der Anleger dem Herdentrieb folgt - und nicht rationalen Erwartungen von Gewinnchancen, wie die in der Finanzlehre vorherrschende Theorie der effizienten Märkte annimmt. Solch instinktgetriebenes Handeln ist nach Shillers Einschätzung eher die Regel als die Ausnahme. Dass Anleger, die in Scharen in überbewertete Technologieaktien investierten, wie die Lemminge dem Abgrund zuströmten, sagte Shiller Anfang 2000 in einem Buch voraus - gerade noch rechtzeitig vor dem Crash von Nasdaq, Neuem Markt und Co. Auch die US-Immobilienblase hat sich in Shillers Universum früh abgezeichnet.
Der Markt hat nicht immer Recht, lautet das Fazit des Forschers: "Menschen handeln vielfach eben nicht rational. Diese Inkonsistenz im Handeln ist die wesentliche Triebkraft der Wirtschaft." Das Gegenteil - nämlich, dass der Markt nie recht habe - sei allerdings auch nicht wahr, wie Shiller in der "FAZ" kundtat: "Ich erzähle meinen Studenten immer, dass Märkte effizienter sind als man vielleicht denkt. Ich sage: Erwartet nicht, dass ihr schnell viel Geld damit verdient, wenn ihr versucht, klüger zu investieren als die anderen auf dem Markt, auch wenn ihr Einser-Studenten seid. Es ist nicht einfach, den Markt zu schlagen. Es steckt also durchaus etwas Wahrheit in der Theorie effizienter Märkte. Nur gab es die Tendenz, es zu weit zu treiben."
Als einen der größten Fehler der Geschichte des ökonomischen Denkens bezeichnet der US-Forscher die Tatsache, dass die meisten Makroökonomen und Finanzmarktspezialisten der festen Überzeugung waren, dass man die Marktpreise respektieren müsse als die kollektive Weisheit der Menschen, die jedermanns individuelles Wissen übersteigt. Die Ökonomie als Wissenschaft müsse mehr Erkenntnisse aus der Psychologie aufnehmen, um das Verhalten der Menschen in der echten Wirtschaft erklären zu können, lautet sein Credo.
Dem Yale-Professor liegt es allerdings fern, nun die Märkte, Finanzwelt und Banken zu verteufeln. Eher mehr als weniger davon, würde er verordnen. "Die jetzige Finanzkrise wird oft als ein Grund für einen geordneten Rückzug gesehen, für ein Zurück zur einfachen Finanzwelt von gestern", konstatiert Shiller. Das sei ein Fehler. "Im Gegenteil, diese Situation ist eine Gelegenheit, sich doppelt so stark um eine Verbesserung unserer Institutionen im Risikomanagement zu bemühen." Die Menschen sollten wirtschaftliche Risiken nicht scheuen, sondern sie eingehen - sich gleichzeitig aber gegen die Folgen absichern.
Keineswegs solle man Finanzinnovationen wie Kreditderivate eindämmen oder gar verbannen. Wer ein Haus kaufe und auf steigende Preise hoffe, könne sich mit Indexzertifikaten gegen sinkende Preise absichern. "Solche Verträge könnten viel dazu beitragen, Hauseigentümer vor Überschuldung zu bewahren, sodass sie in ihren Häusern bleiben können", rät Shiller zu emsigem Einsatz diverser Instrumente. Auch Staaten könnten ihre Bürger so gegen eine Rezession im eigenen Land versichern. Solch ein Markt funktioniere jedoch nur, wenn sich ein großer Teil der Bevölkerung daran beteilige und wenn er entsprechend gut informiert sei.
Dafür sei unabhängiger Rat - etwa von Konsumentenschützern und Verbraucherzentralen - notwendig. Die Bürger sollen sich also beim Hauskauf nicht auf das Urteil der Makler verlassen, ihr Vermögen nicht dem Bankberater anvertrauen und keinesfalls auf jemanden hören, der mit Provisionen am Verkauf von Produkten mitverdient. (rb, derStandard.at, 11.10.2012)
Der US-Ökonom Robert Shiller gilt als ein Vordenker der Verhaltensökonomie. Ihr Ziel: Die Psychologie in die Wirtschaftswissenschaften zu integrieren. Gemeinsam mit Karl Case hat Shiller den bekannten Case/Shiller-Index für amerikanische Hauspreise entwickelt. Shiller ist auch Mitgründer der Investmentfirma Macromarkets, die Futures auf den Case-Shiller-Index zum Handel an der Chicagoer Warenterminbörse anbietet. Als Investor wird ihm wenig Erfolg nachgesagt.
Zu seinen bekanntesten Werken gehören "Market Volatility" (1993), "Irrational Exuberance" (2000), "The Subprime Solution" (2008), "Animal Spirits" (mit George Akerlof, März 2009). Zuletzt erschien das Buch: "Märkte für Menschen", so schaffen wir ein besseres Finanzsystem.
Siehe auch: Gastkommentar Robert Shillers im Handelsblatt
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Auch seine Theorien sind guter Leserstoff.
Praktisch verwertbar in dem Sinn "Ist der Apple oder der Goldkurs bereits im Blasenstadium und wenn ja, wie schaut die Zeitliche Verteilung des Platzens aus" gibt es jedoch nicht.
Die klassische Theorie ist scheinbar exakte Mathematik, die aber auf extrem vereinfachenden Annamen beruht.
Die Shillersche Linie ist wieder schwammige Psychologie. Es sind die Annahmen plausibel, allerdings folgt dann daraus nicht wirklich was.
Prof. Schiller ist sicher nicht der Guru schlechthin zum Thema Boom+Crash, ich würde jedem Interessierten Charles Kindleberger "Manias, Panics and Crashes" empfehlen, ist zwar manchesmal etwas langatmig aber letztendlich analysiert dieser Klassiker der Wirtschaftswissenschaften sehr gut, wie sich aus einer rationalen Situation ein Boom bilden kann und wie dieser aller Wahrscheinlichkeit enden muss..... Viel Spass beim Lesen.....
http://www.amazon.de/Manias-Pa... 0471467146
Charles Mackay, Extraodinary Popular Delusions and the Madness of Crowds
http://en.wikipedia.org/wiki/Extr... _of_Crowds
Dieses Buch ist 1841!! erschienen und zeigt auf sehr vergnuegliche Art und Weise, dass Blasen so alt wie die Boersen sind.
Mackay geht aber auch auf relgioesen Wahnsinn ein.
Das Buch ist "journalistischer" als der wissenschaftliche Klassiker von Kindleberger
... hochangesehener Professor und ich sehe das auch so.
Im Prinzip sagt er ja nichts Neues, wenn er bemerkt, Individuen bzw. Märkte (als Summe aller individuellen Marktteilnehmer) agieren ökonomisch gesehen nicht immer rationell. Freilich, wenn dem so ist (was nur der verborteste Wirtschaftsfundamentalist abstreiten wird), dann gibt es aber nur eine Schlussfolgerung, nämlich irrationales Fehlverhalten der Märkte möglichst zu verhindern bzw. einzuschränken oder die Ergebnisse daraus (Booms, Crashes etc.) von der Realwirtschaft zu isolieren.
Auf gut Deutsch: Man muss von der wahwitzigen Idee möglichst liberalisierter und globalisierter Finanzmärkte abrücken. Das dürfte wohl eines Tages als das Vermächtnis der Finanzkrise 2008 gesehen werden
das schon hundert Andere geschrieben haben.
Klar ist der Mensch ein Herdentier und in der Masse kann er nicht rational handeln.
Aber das weiß eigentlich jeder, der ein paar Jahre an den Finanzmärkten tätig ist. Was aber nicht bedeutet, dass sich jeder dem zu jeder Zeit entziehen kann. Die Institutionen müssen schließlich auch der Masse folgen, sonst sind sie sofort weg vom Fenster!
Shiller ist ein toller Lehrender, war mal Gasthoerer in seinem Kurs fuer 3 Seminare, etwas kauzig, aber sehr gut.
Durch ihn hab ich einige neue Investmenttechniken mitbekommen, besonders was Korrelation angeht.
Todsicher, wenn man die richtigen Zahlen hat und rechnen kann.
Blasen und Crashes lassen sich wohl auch mit dem altmodischen Lebenszyklusmodell erklären sowie mit dem Auseinanderklaffen von Real- und Finanzwirtschaft. Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass Güter und Dienstleistungsbranchen, die real stark nachgefragt werden, auch mit entsprechenden finanziellen Mitteln ausgestattet werden, damit sie investieren, expandieren und die Nachfrage bedienen können. Offenbar versäumen aber viele InvestorInnen den Zeitpunkt der realen Marktsättigung und spielen das Spiel steigender Kurse weiter - so entsteht wohl die Blase über dem realen Nachfrageplafond. Und die platzt halt, wenn der Sog nach unten dann doch zu gross wird...
Fraktale Zyklen finden sich im gesamten Leben auf dieser Welt wieder.
Das liegt in der Natur des Ganzen.
Aber ein unredliches Geldsystem (sehr viel billiges ungedecktes Geld überwschwemmt die Welt) verstärkt die Zyklen an den Finanzmärkten enorm.
Man sollte die Ursache angehen, aber das traut man sich politisch nicht, weil sofort die Schuldenpyramide einstürzen würde.
Es ist ein Teufelskreis!
Die Geister die ich rief... der Teufel verlangt seinen Tribut.
Solch ein Markt funktioniere jedoch nur, wenn sich ein großer Teil der Bevölkerung daran beteilige und wenn er entsprechend gut informiert sei. ...“
Frage: wer sind die counterparts, die diese risken „versichern“ (dafür in jedem fall gerade stehen) – wie komplex soll unser leben noch werden – wie viel wissen sollen wir uns aneignen, wie viel zeit dafür aufwenden – von welchem bildungsniveu spricht er beim „großen teil der bevölkerung“, die sich an solchem „risikomanagement“ beteiligen möge – wie hoch schätzt er das bildungsnivau unsere politiker ein ...
Weg mit der allmacht der finanzinstitute, reduzieren wir die wirtschaft auf ihre unser aller leben dienende funktion.
Eine Absicherung funktioniert natürlich nur wenn man auf der anderen Seite Leute hat ("Spekulanten" mit Kapital), die auch bereit sind das Risiko zu übernehmen.
Aber genau diese Leute hat sich die SPÖ (die Regierung) als Feindbild auserkoren, um von den eigenen sehr großen Unzulänglichkeiten in populistischster Form abzulenken. Und es funktioniert derzeit prächtig.
Siehe SPÖ! Neue Steuern so weit das Auge reicht.
Die sind unersättlich, wenn es um die Sicherung ihrer eigenen Privilegien geht.
Bei den Größenordnungen, die hier notwendig sind, werden diese Counterparts im Falle dass die Risiken schlagend werden natürlich geschützt werden müssen. Und zwar von wem? Vom Steuerzahler. Genau so wie heute die Banken too big to fail sind und vom Steuerzahler geschützt werden.
P.S.: Faszinierend, dass es also tatsächlich Leute gibt die glauben, durch Derivate könnten Risiken aus einem System verschwinden. Und wir reden auf dieser Ebene bereits von einem Gesamtsystem.
wo wir schon bei wortspielen sind:
http://www.dict.cc/englisch-... shill.html
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