SP-Weidenholzer: Briten sollen sich entscheiden, ob sie in EU bleiben

Interview | Katrin Burgstaller, 12. Oktober 2012, 05:30
  • SPÖ-Abgeordneter Josef Weidenholzer kritisiert seine eigene Partei: "Die wirklichen Fragen werden überhaupt nicht berührt."
    foto: reuters/herwig prammer

    SPÖ-Abgeordneter Josef Weidenholzer kritisiert seine eigene Partei: "Die wirklichen Fragen werden überhaupt nicht berührt."

Der EU-Parlamentarier über Großbritannien, das andere Länder "ewig in Geiselhaft nimmt", und die Selbstdemontage der SPÖ

"Das ist zum Verzweifeln", sagt Josef Weidenholzer, SPÖ-Abgeordneter im EU-Parlament. Die Sozialdemokratie demontiere sich selbst, dabei müsste sie "gerade in dieser historisch bedeutenden Situation eine Alternative formulieren, die klar sichtbar wird". Stattdessen verliere sich die Politik in sinnlosen persönlichen Auseinandersetzungen. Auch an seinen EU-Parlamentskollegen aus Großbritannien übt Weidenholzer im Gespräch mit derStandard.at Kritik: "Es ist mühselig, wenn bestimmte Kräfte ununterbrochen gegen Europa auftreten. Die stellen sich sogar ihre britischen Fahnen auf die Sitze."

derStandard.at: Als EU-Parlamentarier konnten Sie die Entstehung des Europäischen Rettungsschirms "vor Ort" mitverfolgen. Nun ist er in Kraft getreten, es gibt  jedoch große Bedenken. Werner Kogler von den Grünen sieht die Gefahr, dass in erster Linie die Banken und Spekulanten "gerettet" werden.

Weidenholzer: Es war wichtig, dass die sogenannten Märkte beruhigt werden. Die ganz wilde Zockerei ist nun beendet. Es gibt viele Sicherungsmechanismen, damit das Geld nicht den Spekulanten in den Rachen geschoben wird. Doch das wirkliche Problem löst der ESM nicht. Wir müssen zu einem anderen System kommen, in dem die Banken reguliert werden. Es ist allerhöchste Zeit, dass sämtliche Maßnahmen, die wir im Europäischen Parlament beschlossen haben, vom Rat umgesetzt werden. Die Briten müssen endlich aufhören zu blockieren. Doch diesbezüglich gibt es leider viel zu wenig politischen Druck.

derStandard.at: Und wenn die Briten ihren Widerstand nicht aufgeben?

Weidenholzer: Dann muss man sich überlegen, wie man Europa ohne die Briten macht. Es gibt immer wieder Drohungen des britischen Regierungschefs David Cameron, ein Referendum abzuhalten. Irgendwann muss man sich in Großbritannien die Frage stellen: Will man EU-Mitglied sein oder nicht? Dieser Augenblick wird sich in den nächsten zwei, drei Jahren ergeben. Es kann nicht so sein, dass ein Land die anderen ewig in Geiselhaft nimmt.

derStandard.at: Glauben Sie, dass Europa besser arbeiten könnte ohne Großbritannien?

Weidenholzer: Nein. Die Labour Party hat sehr deutlich erkannt, wie wichtig Europa für die Briten ist. Aber es ist mühselig, wenn bestimmte Kräfte ununterbrochen gegen Europa auftreten. Die stellen sich sogar ihre britischen Fahnen auf die Sitze. Entweder sie tragen das europäische Projekt mit oder nicht. Die Briten sollen sich entscheiden.

derStandard.at: Stellen Sie sich vor, die Briten halten ein Referendum ab und treten dann aus. Was würde das für die EU bedeuten?

Weidenholzer: Alle Mitgliedsstaaten haben das Recht auszutreten. Europa ist so attraktiv, dass es keinen Sinn macht auszutreten. Die Briten müssen sich fragen: Sind sie die Freunde der Amerikaner oder die Freunde der Europäischen Union?

derStandard.at: Sprechen wir über "Ihre" Partei, die SPÖ. Sie haben in einem Blogeintrag unter dem Titel "Sonntagsdepression" geschrieben: "Selten hat sich eine Partei so sehr selbst demontiert, wie dies der SPÖ in den letzten Monaten gelungen ist." Inwiefern hat sich die SPÖ selbst demontiert?

Weidenholzer: Wir haben eine Situation, in der die SPÖ eigentlich nicht bei 26 Prozent liegen sollte, sondern weit über 30 Prozent. Die SPÖ hat grundsätzlich recht bekommen mit ihrer inhaltlichen Position. Wir leben in einer Wirtschaftskrise, ihre Antworten sind die richtigen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern stehen wir, was die Wirtschaftsentwicklung und die Arbeitslosigkeit betrifft, gut da.

derStandard.at: Warum kann die SPÖ diese Situation nicht besser für sich nutzen?

Weidenholzer: Es gibt in Österreich ein sehr großes Potenzial von großteils jungen politischen Menschen, das in keiner Weise wirksam wird. Das ist zum Verzweifeln. Die Sozialdemokratie müsste gerade in dieser historisch bedeutenden Situation eine Alternative formulieren, die klar sichtbar wird. Stattdessen verliert sich die Politik in ziemlich sinnlosen persönlichen Auseinandersetzungen und im Parteien-Hickhack. Die wirklichen Fragen werden überhaupt nicht berührt.

derStandard.at: Wir kommt es, dass die jungen progressiven SozialdemokratInnen in der Partei nicht vorankommen?

Weidenholzer: Das Problem ist, dass sich der politische Überbau und die politischen Institutionen seit Jahrzehnten nicht verändert haben. Die Welt ist weitergezogen, doch das politische System in Österreich ist so, wie es nach 1945 entstanden ist. Die Sozialdemokratie ist Teil dieses Systems. Sie war in ihrem Ursprung eine oppositionelle Bewegung, die Reformen formulieren konnte. Doch das ist weitgehend verloren gegangen. Das Konzept Partei ist seit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts gleich geblieben, es gibt keine Beteiligung inhaltlicher Natur. Auch gibt es keine Angebote für Menschen, die in neuen Medien aktiv sind. Das alles findet in dieser Struktur keine Berücksichtigung. Das ist eines der gravierendsten Probleme.

derStandard.at: Machen Sie es sich nicht einfach, wenn Sie sagen, die Struktur ist schuld? Es gibt handelnde Akteure, die, die Jungen nach vorn kommen lassen können.

Weidenholzer: Diese Diskussionen gibt es schon ewig: Kann man innerhalb des Systems Revolution machen? Aber Personaldiskussionen sind verzichtbar, wenn man nicht überlegt, wie die Strukturen aussehen sollen. Man muss das gesamte politische System reformieren nicht nur eine einzelne Partei. Die Menschen müssen stärker mit einbezogen werden, so kann man sie auch wieder in das politische System zurückführen.

derStandard.at: Der SPÖ stünde es auch in diesem System frei, in einzelnen Fragen zumindest die Basis zu befragen. In der Wehrpflichtfrage hat einzig die Führungsriege über die neue Parteilinie entschieden.

Weidenholzer: Man sieht, dass in der wehrpolitischen Frage ein großer Diskussionsbedarf vorhanden ist. Man kann kein einzelnes politisches Thema ohne Miteinbeziehung der BürgerInnen behandeln. Wohin das führt, wenn man das nicht tut, sieht man jetzt sehr gut. Die Populisten haben nur dann keine Chancen, wenn die Menschen beteiligt werden.

derStandard.at: Glauben Sie, dass Stronachs Aufwind die Großparteien zum Umdenken bewegen kann?

Weidenholzer: Man würde ihm nicht so ein großes Forum geben, wenn er nicht mit entsprechenden finanziellen Mitteln ausgestattet wäre. Aber sein Zuspruch zeigt, dass es in der Bevölkerung eine große Sehnsucht gibt, den bestehenden politischen Betrieb zu überwinden. Diese Idee hatten auch Haider und Strache. Letztlich haben sie jedoch nichts bewirkt.

Die etablierten Parteien haben daraus nichts gelernt, sondern sie haben sich vor diesem Phänomen gefürchtet. Sie haben getan, was die Populisten gefordert haben, siehe die "Ausländerfrage". Die Menschen wollen aber, dass die Politik mit Leistung überzeugt. Es geht immer nur darum, die anderen zu verhindern.

derStandard.at: Am Samstag wird Werner Faymann wieder zum Vorsitzenden der SPÖ gewählt - ohne Gegenkandidaten. Würden Sie sich einen solchen wünschen?

Weidenholzer: Nüchtern betrachtet: Faymann hat eine erfolgreiche Bilanz als Bundeskanzler vorzulegen. Eine Gegenkandidatur wäre nicht im Sinne der Partei. Generell betrachtet ist es sicher sinnvoll, wenn es bei Neubesetzungen von Positionen eine breite Diskussion gibt.

derStandard.at: Welche Stimmung bekommen Sie diesbezüglich von der Basis mit. Es wäre doch eine Katastrophe, müsste die SPÖ kurz vor der Wahl den Parteichef austauschen.

Weidenholzer: Das ist ein Fall, der zurzeit völlig hypothetisch ist und über den man nicht spekulieren sollte. Es kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Zurzeit sehe ich überhaupt keine Ansätze, dass das ein Thema wäre.

derStandard.at: Die SPÖ gibt sich ein neues Partieprogramm, koordiniert von Karl Blecha. Was ist Ihnen diesbezüglich wichtig?

Weidenholzer: Ich hoffe, dass es ein breiter Diskussionsprozess wird, in dem die Entscheidungen offen und transparent fallen. Wir brauchen in Österreich dringend einen politischen Reformprozess. Wir müssen über die politischen Strukturen des Landes sprechen. Außerdem ist mir ein wichtiges Anliegen: Wir brauchen dringend Politische Bildung als Schulfach in allen Schulstufen. Nur dann haben wir mündige BürgerInnen. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 12.10.2012)

Josef Weidenholzer, geboren 1950 in St. Florian am Inn, ist stellvertretender Institutsvorstand und Professor für Gesellschaftspolitik und Sozialpolitik der Johannes-Kepler-Universität Linz. Seit 1991 ist er Präsident der Volkshilfe Österreich, seit Dezember 2011 Mitglied des Europäischen Parlaments.

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"Die ganz wilde Zockerei ist nun beendet."

Gleichzeitig lese ich davon, dass mit griechischen Anleihen wieder Milliardengeschäfte gemacht werden.

Im EU-Parlament weiß die Rechte nicht, was die Linke tut.

Da hat er wohl Recht!

Es kann nicht so sein, dass ein Land die anderen ewig in Geiselhaft nimmt.

Und soll es sein, dass die Meute der Mehrheit mit diesem Argument über die anderen d'rüberfährt? Österreich traut sich schon im vorauseilendem Gehorsam nicht aufzumucken. Ein Veto anzudrohen, oder gar auszusprechen, Ogottogottogott.
Es kann sich jeder Volksschüler ausrechnen, dass eine EU, die Länder dazu zwingt, zum eigenem Nachteil zu handeln, kein langes Leben haben wird.

so wie die briten gegen den euro und den rest europas auftreten sind sie ja schon defacto der 51. bundesstaat der usa.
also raus mit ihnen.
ps.: gepostet an bord der qm2 von southampton nach new york

Äh jetzt wird nicht mehr spekuliert?

Ich möchte an so einer Wahl auch teilnehmen.

Aber für Österreich.

Aber geh, ihr seid nur neidisch..))

http://www.youtube.com/watch?v=aDzYMPNYcYI

nix gelernt

wenn man die Briten auf ihrer Insel alleine läßt, is mim Friedensprojekt bald Essig

die SPÖ hätt schon unter Gusenbauer den Molterer am Nasenring durch die Manege schleifen können wie einen Tanzbärn

dazu gehört aber auch ein fähiger Dompteur

man fragt sich ja, wo ihre die Typen immer herhabt, die Bundeskanzler werden

offenbar sind die vor 20 Jahren als Laura Rudas Vorgänger an Bord gekommen

So sieht die Misere auch aus

btw.

ein thema ist erst dann richtig tot, wenn alles darüber informiert sind!

die aussagen von weidenholzer gegenüber großbritannien sind die 5000te wiederholung des ganzen, offenbar weiß auch jeder poster warum dies so sein müsste, das thema ist definitiv sowas von tot!

long live the queen!

p.s. für den durchschnittlichen leser ist ein interview offensichtlich dann gut, wenn es eine längst bekannte mit dem leser übereinstimmende meinung wiedergibt. oder habt ihr tatsächlich was neues in den aussagen gefunden?

Ja, daß die Sozialdemokraten glauben, sie würden eher gewählt werden, wenn in den Schulen politische Bildung unterrichtet werde. Epic fail. Muahahahahaha.

briten raus aus eu

wer braucht in einem verein ein mitglied, das nur profitiert aber der gemeinschaft nichts zurückgibt und keine beiträge zahlt? oder zumindest sowenig, dass sie nicht ins gewicht fallen?
gleiche rechte und gleiche pflichten für alle, oder wir lassen es bleiben.
dann sollen die schrulligen inselbewohner wieder einfuhrzölle zahlen für alles was aus der eu kommt und deren exporte zu uns sollen auch wieder verzollt werden. dazu der ganze administrative sch..., damit es ja schön teuer wird. geschäfte an der londoner börse sollen für nicht-briten extra von der eu besteuert werden, und dann werden die sandwichpappen wieder lang werden...

Sie reden wohl von Griechenland!
Falls es Ihnen nicht aufgefallen ist, Großbritannien ist Nettozahler.

GB ist trotz aller Vergünstigungen immerhin der fünftgrößte Nettozahler.

Briten wären gerne unabhängig

Sind es aber freilich nicht... Nicht von Eu und nicht von USA... Das schafft Widersprüche im Inland, wo einfache Menschen mit IdentitätsProblemen zum nationalismus neigen...

wir sollten romney auffordern

truppen nach großbritannien zu entsenden

immerhin haben die dort schon seit ewigkeiten eine diktator-familie
atomwaffen besitzen die auch

man müsste schleunigst die demokratie nach großbritannien bringen :]

ja aber nicht von usa aus
die haben ja selber keine
ansonst
ist deine analyse korrekt,
eine korrupte diktatorenfamilie,
die seit jahrunderten herrscht
nie
für die millionen toten, die sie am gewissen haben,
zur verantwortung gezogen wurden
geschweige denn dass raubgut restituiert wurde
(so wie die habsburger halt auch)

Interessante Innenansichten

Mag schon sein, dass "die Briten" manchmal bocken und scheinbar gegen Europa auftreten. Der Hr. Abgeordnete hat da sicher gute Einblicke in den politischen Alltag auf europäischer Ebene. Dass er allerdings so einen Gegensatz zwischen Europa und Amerika konstruiert, macht mich stutzig und führt zu der Frage, was für Kräfte da im Spiel sind, die eine solche Entscheidung fordern. Emanzipation von Amerika ja, aber es ist doch etwas beunruhigend, hier so eine Dramatik herbeizureden.

naja,wenn europäische gerichtsfälle mehr oder weniger nach amerikanischem recht beurteilt werden,dann finde ich das bedenklicher.

die briten bocken nicht manchmal,sondern haben einen sonderstatus.da wird nichts herbeigeredet.

und damit muss endlich schluss sein.
gleiches recht für alle eu-mitglieder.

Die Briten sollten wirklich sich entscheiden, ob sie der Pudel der USA oder Mitglied der EU sein wollen!

Die Einschätzung der Briten als EU-Bremse ist von Weidenholzer richtig und auch der Schluss, dass es hier endliche klare Entscheidungen braucht.

Aber was hat die SP-Weidenholzer im EU-Parlament getan um das europaweite neoliberale Spardiktat von Merkel-Sakorzy zu verhindern?

Warum nur die Briten?

Die SPÖ sollte auch den Weg freimachen zu einer EU-Volksabstimmung in Österreich. Schließ will auch das Österreichische Volk entscheiden, ob es endlich wieder von der EU-Vormundschaft wegkommt. Österreich wurde in die EU hineingelogen und somit sollte das Volk auf Basis der neuen Fakten neuerlich abstimmen dürfen.

na sie wollen wohl auch nur geld verschwenden

die umfragen zum thema eu-austritt sind so deutlich dagegen, da können sie 100 mal abstimmen lassen

das traut sich keiner weil jeder weiß wie das ausgehen würde.

Die Briten gehoeren unverzueglich raus.

Licht ins Dunkel

Schön zu sehen, daß es in der SPÖ noch jemand gibt, in dessen Worten ich meine Gedanken wiederfinden kann.

Trojanisches Pferd

Die Briten sind sowie so das trojanische Pferd der amerikanischen Interessen in Europa und haben die wirkliche Einigung oft genug blockiert.

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