Kiwi-Klischees: Unrasiert im Eierbecher

  • Kiwipflanzen erreichen in kurzer Zeit eine beachtliche Größe.
    foto: apa/georg hochmuth

    Kiwipflanzen erreichen in kurzer Zeit eine beachtliche Größe.

Die Kiwi und ihre Klischees: Die populäre Neuseeländerin ist in Wahrheit gebürtige Chinesin, und dass sie in Österreich nicht reifen mag, ist auch Blödsinn

Die Kiwi gilt zu Recht als die pelzigste unter den Löffelfrüchten. Jetzt im Oktober hat das lange Warten endlich ein Ende, inschallah, und die Kiwiernte samt folgendem Verzehr kann beginnen. Doch langsam. Zuvor möchte die Pflanze natürlich herangezogen werden.

Dazu hat die Gärtnerin im Jahr vor dem Vorjahr die kleinen, schwarzen Samen aus der Frucht herausgefitzelt, gut gereinigt und für ungefähr einen Monat im Eiskasten verschwinden lassen. Danach sollten sie keimfähig sein. Wem das zu umständlich ist, der kauft sich fertige Kiwianzuchtsamen im Fachhandel. Die Samen streut man am besten auf ein Aufzuchtsubstrat. Normale Gartenerde ist wahrscheinlich zu nährstoff-, bakterien- und pilzreich. Die Keimlinge würden das kaum überleben.

Bei Kiwisamen ist es zudem ratsam, sie nicht zu tief in das Substrat einzubringen, denn sie brauchen ein wenig Licht zum Keimen. Nach ungefähr einer kompletten Mondphase sollten sich aus den Samen gesunde Keimlinge gebildet haben. Dann geht es rasch.

Daumendick in einen massiven Spalier

Kiwipflanzen erreichen in kurzer Zeit eine beachtliche Größe, die Triebe arbeiten sich daumendick in einen massiven Spalier hinein. Ist der nicht massiv gebaut, so sind die Pflanzen in der Lage, diesen recht bald zu sprengen.

Die weißen Blüten sind im Frühsommer hübsch anzusehen, können aber alleine nichts ausrichten. Kiwis, Actinidia chinensis, sind diözisch. Das bedeutet, dass eine Pflanze nur Blüten eines Geschlechts trägt. Wer also ernten möchte, sollte danach trachten, stets ein Weibchen neben ein Manderl zu setzen, um so für eine fruchtbringende Befruchtung zu sorgen.

Kiwis stammen ursprünglich aus dem südlichen China. Populär wurden sie in Neuseeland, wo sie 1904 das erste Mal eingesetzt wurden und ab 1910 Früchte lieferten. Die gängigste Sorte, Hayward, benannt nach ihrem Züchter Hayward Wright, wurde in der Bay of Plenty im großen Stil angebaut und von dort in die ganze Welt verschifft.

Mittlerweile kommen die meisten Kiwis im österreichischen Handel allerdings aus Italien. Da Kiwis ein subtropisches Klima brauchen, dem Weinbau nicht ganz unähnlich, stehen sie auch mit Weingärten und Olivenhainen im Contest um die besten Platzerln des Landes. Diese finden sich an den Nordosthängen des Apennin, südlich von Bologna.

Wenn man bei Imola den Blinker rechts rausgibt und in die Ausläufer des Apennin fährt, sich langsam in Richtung des entzückenden Brisighella schlängelt, passiert man endlose Kiwihaine. Die Kulturlandschaft nimmt es dort locker mit jener der Toskana auf, mitunter sind die Hügel noch schroffer und die Vegetation noch parzellierter als jene der Gegend rund um Pienza oder Asciano.

Windschutz und einen großen Pflanztrog

Wer hier in Österreich auf seiner Terrasse oder auf seinem Balkon kein Weinbauklima hat, muss trotzdem nicht auf seine selbstgezogenen Kiwis verzichten. Dazu braucht es erst einmal Windschutz, gut wasserdurchlässige Erde, regelmäßige Düngergaben und einen großen Pflanztrog, der an einer Südwestwand mit massiven Kletterhilfen steht.

Da Kiwis am alten Holz blühen, kann man erst im zweiten Jahr mit einer Ernte rechnen. Dieser Rhythmus bleibt laut gängiger Literatur auch bestehen, man spricht hier von Alternanz. Das bedeutet, dass auf ein ertragreiches stets ein ertragarmes Jahr folgt.

Die heftig austreibende Pflanze muss man im Sommer in ihre Bahnen lenken, die Neutriebe auf fünf bis sieben Blätter kürzen. Was das Erntegewicht betrifft, so betreibt die Kiwi eine Art Nullsummenspiel. Je weniger Früchte man am Strauch behält, desto größer werden diese.

Nach der letzten Ernte und dem Verzehr hat man letztendlich auch genug vitale Kraft, den Strauch im Winter zu normieren, also auf ein für die Rahmenbedingungen erträgliches Maß zurückzuschneiden. Die Löfferln, die haben dann Urlaub. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 12.10.2012)

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