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Rein oberflächlich betrachtet, ließen die Top-Gestalter wie Sarah Burton oder Paul Smith nicht viel vom Original, dem Ameisenstuhl von Arne Jacobsen, übrig. Und genau das war gewollt.
Jamie Oliver, der Koch, Geschäftsmann und Sozialaktivist, ist niemand, der kleine Brötchen bäckt. Dem 37-jährigen Engländer geht es um das ganz große Brot, es geht ihm um die Revolution der Ernährung, um die Erneuerung der Beziehung zwischen Mensch und Lebensmittel. Eine der größten Leistungen des Fernsehkochs ist wohl die Erneuerung des englischen Schulessens, das in der Zeit vor Oliver ein frittiertes und fettiges Dasein fristete. Der Rest ist bekannt.
Oliver und seine Better Food Company denken also gerne groß; und wer groß denkt und Großes bewegen will, braucht nicht nur Elan und Ehrgeiz, sondern auch die Marie dafür. Also haben Oliver und Co 20 bekannte Designer, Künstler und Modelabels bzw. Designer eingeladen, Stühle nach ihrem kreativen Wohlmeinen zu gestalten. Nicht irgendwelche Stühle. Die Designer durften sich an dem Kantineklassiker schlechthin austoben: am Ameisenstuhl, 1952 vom dänischen Designer Arne Jacobsen für den dänischen Pharmazeuten Novo Nordisk entworfen. Bis heute wird der Klassiker, dessen Sitzfläche an den Umriss einer Ameise erinnert, von dem Unternehmen Fritz Hansen hergestellt.
Als Oliver sein Londoner Restaurant Fifteen, in dem er Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien zu Köchen ausbildet, eröffnete, gehörten die Ant-Stühle zum Interieur. Die Eröffnung des Restaurants sowie Olivers Better Food Company feiern in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. "Und so hatten wir die Idee", erklärt Oliver, "Spenden für die Foundation zu sammeln, indem wir Stühle von renommierten Designern bearbeiten lassen und sie dann versteigern." 14 der 20 Stühle werden im Rahmen einer Online-Auktion, die noch bis Ende Oktober dauert, versteigert. Die restlichen werden über eine Online-Lotterie, für die man Lose kaufen kann, verlost.
Das sogenannte "Big Chair Project" hat international bereits für viel Aufsehen gesorgt, was auch an der guten Marketing- und PR-Arbeit von Olivers Leuten liegen dürfte. Aber auch an den eigenwilligen Entwürfen, die bei dem Benefizprojekt entstanden sind. Unter den 20 Arbeiten gibt es Eigenartiges, Ironisches, aber auch sehr Ernsthaftes. Manche Entwürfe konterkarieren die schlichte Eleganz des schönen Originals, indem sie die Sitzfläche wie etwa Sarah Burton mit kitschigen Rüschen versehen. Burton arbeitet als Chefdesignerin für das Modelabel Alexander McQueen. Sie verpackte das Möbelstück in eine Art Rüschenpracht und machte es so zu einem der gelungensten Stühle, der vielleicht schon bald ein Museumsstück sein wird.
Der Modeschöpfer Julien MacDonald hat den Stuhl mit bunten Plastikmessern, -gabeln und -löffeln gespickt und ein Sitzen auf dem Stuhl somit unmöglich gemacht. Eventuell mit dem Hintergedanken, dass zu viel der Völlerei träge macht. Ebenso etwas zu politisch korrekt kommt der Stuhl des Modeschöpfers Paul Smith daher, der die Vorderseite des Stuhls mit einer Fotocollage aus Bildern von "ungesunden" Schmankerln und die Rückseite mit "gesunden" Produkten verziert hat. Der Brite Jo Sampson, der unter anderem das Innenleben von Luxushotels ausstattet, hat die Beine des Stuhls mit barockem Glas verziert und die Sitzfläche in ein weißes Rosenbeet verwandelt. Nicht gut zum Sitzen, aber schön zum Anschauen.
Quentin Blake, der seinerzeit die Kinderbücher des Schriftstellers Roald Dahl illustrierte, hat sein Möbel mit Drachen bemalt. Und auch Oliver hat einen der Stühle entworfen. Zusammen mit dem international renommierten Fotografen David Loftus hat er ihn mit seinen fotografischen Konterfeis übersäht - was, wer Oliver kennt, eine ironische Note haben dürfte. Ebenso haben sich die englische Gestalterin Cath Kidston oder der Illustrator Barnaby Purdy an dem Projekt beteiligt, das die stattliche Summe von 500.000 Euro einbringen soll. (Ingo Petz, Rondo, DER STANDARD, 12.10.2012)
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