Ein gscheites Möbel: Sessel-Kooperation mit Audi

  • Artikelbild
    foto: hersteller
  • Mittels Wärmebildkameras liefern Probesitzer Daten zur Optimierung des Möbels, was Material und Formgebung betrifft.
    foto: hersteller

    Mittels Wärmebildkameras liefern Probesitzer Daten zur Optimierung des Möbels, was Material und Formgebung betrifft.

Eine Art intelligenter Sessel, der in Kooperation mit Audi entstand, dient als Symbol für neue materialsparende Konstruktionsmethoden

Es gibt eine sorgfältig gezogene Grenze zwischen der Gestaltung von Automobilen und dem Design all der anderen Dinge, die uns umgeben. Wenn überhaupt, dann dürfen die Automobildesigner hin und wieder ein Fahrrad, eine Uhr oder eine Kamera entwerfen. Umgekehrt darf ein Designer, der sonst etwa Möbeln zu Form, Ansehen und Qualität verhilft, vieles tun, aber keine Autos entwerfen. Dass es Fachfremde versuchten, Walter Gropius um 1930 für die Firma Adler, die längst keiner mehr kennt, oder Gio Ponti, der bei seinem Autoentwurf Tropfen- und Rhombenformen kombinierte, sind allerdings keine Ausnahmen. Die Reihe ließe sich sogar lange fortsetzen.

Doch über Prototypen kommen Entwürfe von Designern, die nicht dauerhaft im Dienste der Autoindustrie arbeiten, sehr selten hinaus. Dennoch gibt es einen Austausch zwischen den Kreativen, der über blankes Marketing hinausgeht. Autofirmen präsentieren ihre Produkte gern im Kontext der Mailänder Möbelmesse. Gelegentlich wirken die Autos neben Möbeln eher deplatziert. Doch es gibt Ausnahmen, die sich allerdings erst auf den zweiten Blick erschließen.

Interaktiver Prototyp eines Stuhls

Im Mailänder Palazzo Clerici etwa zeigte unter Tiepolos Deckengemälden die Zeitschrift Domus ihre visionäre Schau "The Future in the Making". Und dort, genauer gesagt im Innenhof des Palastes aus dem 17. Jahrhundert, stand ein Leichtbaubolide. Außer zum Staunen wurde der Audi-Rennwagen R18 TDI, der im vergangenen Jahr das 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewann, aber lediglich als Namenspatron für den R18 Ultra Chair gebraucht. Als Public Beta, als öffentlichen Test, kündigten Audi und die Designer Clemens Weisshaar und Reed Kram die Präsentation ihres Projektes, das in Kooperation mit Audi und dessen Leichtbauingenieuren entstand. Aber was gab es nun wirklich zu sehen? Bloß einen weiteren Stuhl, neben tausend neuen Modellen, die sich jährlich auf dem Markt stapeln? Mitnichten! Gezeigt wurde der interaktive Prototyp eines Stuhls, der primär als Versuchsanordnung zu verstehen ist: Probesitzen ausdrücklich erwünscht.

"Was passiert zwischen dem Stuhl und dem Menschen, der auf ihm sitzt?", fragt Clemens Weisshaar und erinnert an Bruno Munaris visuelle Auseinandersetzung mit dem "unbequemen Sessel" von 1944. Bei der Vorstellung neuer Produkte gehe es heute meist um die Erzeugung vordergründiger Bilder, weniger um den Gebrauch und dessen Rückwirkung auf die Gestaltung, sagt Weisshaar.

Autos wollen faszinieren, Designer erschaffen dazu emotionale Skulpturen. Automobilkonstrukteure wie etwa Karl Durst vom Audi-Leichtbauzentrum in Neckarsulm haben aber weitergehende Ziele. Sie versuchen den ungebrochenen Trend zu immer mehr Gewicht im Auto umzukehren. Bislang führten gesetzliche Anforderungen, akustische Optimierung, Crashverhalten und Komforterwartungen zu immer mehr träger Masse, die durch immer stärkere Motoren in Gang gebracht werden. Durch Einsatz neuer Materialien - Durst promovierte zum Thema Faserverbundwerkstoffe - und neue Bauweisen soll das Gewicht nun erstmals sinken: So wiegt der neue Audi A6 bereits 60 Kilogramm weniger als der Vorgänger, der in höheren Stückzahlen produzierte neue A3 wird sogar um 80 Kilogramm abspecken. "Leichtbau ist inzwischen nicht mehr nur ein Thema für Manufakturen, sondern eines für die Industrie", erklärt Clemens Weisshaar. 

Zerlegbar und 2,3 Kilogramm

Der R18 Ultra Chair ist als Industrieprodukt konzipiert, nicht als handwerkliches Einzelstück. Er ist zerlegbar und wiegt rund 2,3 Kilogramm. Seine Beine, werkzeuglos in den Korpus gesteckt, bestehen aus einer hochfesten Aluminiumlegierung, die Sitzfläche aus einer steifen Kohlefaserstruktur, die Rückenlehne aus ei- ner Carbon-Kautschuk-Verbindung. Verdammt viel Hightech, wo es letztlich nur ums Sitzen geht? Ausgangspunkt war die Frage, wie sich die Konstruktion dieses Stuhls womöglich perfektionieren ließe. Die Nutzer des Stuhls in Mailand wurden nicht um ihre Meinung gefragt, wie der Stuhl besser aussehen könnte. Was sollten sie darauf auch antworten? Stattdessen lieferten sie beim Probesitzen unmittelbar Daten zur Optimierung des Möbels.

Sämtliche Probanden, die auf dem Stuhl Platz nahmen, wurden mit einer Wärmebildkamera gefilmt (die Videos sind auf der unten angeführten Website zu sehen). Was während des Sitzens passierte, der Kräfteverlauf auf dem Stuhl, wurde in Echtzeit mit Falschfarben visualisiert. Vielleicht, so hoffen Designer und Ingenieure, ließe sich mit ähnlichen Verfahren künftig bei der Konstruktion Gewicht einsparen, nicht nur bei Stühlen, sondern auch bei Brücken oder Autos? Womöglich wird genauer als bisher sichtbar, welche Partien tatsächlich sicherheitsrelevant sind und bei welchen Material entbehrlich ist. Ob und wie sich der R18 Ultra Chair durch den Massentest verändert, sollen dann die Besucher der renommierten Messe Design Miami im Dezember begutachten und ausprobieren. (Thomas Edelmann, Rondo, DER STANDARD, 12.10.2012)

Share if you care