Soziologe: "Anpassung der Studienbeihilfe überfällig"

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  • "Aus finanzieller Armut haben Studierende oft die Möglichkeit, sich durch 
Erwerbstätigkeit zu befreien. Es leidet aber dann das, was sie eigentlich
 tun wollten: das Studium", sagt Hochschulforscher Martin Unger.
    foto: derstandard.at/pumberger

    "Aus finanzieller Armut haben Studierende oft die Möglichkeit, sich durch Erwerbstätigkeit zu befreien. Es leidet aber dann das, was sie eigentlich tun wollten: das Studium", sagt Hochschulforscher Martin Unger.

Martin Unger fordert für die Berechnung der Studienbeihilfe eine Entkoppelung vom Unterhalt der Eltern

Studierende arbeiten immer mehr neben dem Studium und finanzieren sich laut einer aktuellen Studie zu 42 Prozent durch Erwerbsarbeit. Die Studierendensozialerhebung vor zwei Wochen wurde präsentiert (derStandard.at berichtete). Studienautor Martin Unger vom Institut für Höhere Studien (IHS) verlangt im Interview mit derStandard.at eine Anhebung der Studienbeihilfe. Die allgemeine Teuerung wirkt sich auf Beihilfenbezieher besonders aus, seit fünf Jahren wurde die Beihilfe nicht angehoben: "Diese Leute sind so stark auf die Beihilfe angewiesen, dass die Inflation sie ganz besonders trifft, vor allem wenn die Förderhöhe nicht mitwächst."

derStandard.at: Ein Ergebnis der Studierendensozialerhebung ist, dass mehr Studierende neben dem Studium arbeiten als früher. Ab welcher Stundenanzahl werden Studium und Beruf zum Problem?

Unger: Ungefähr zehn Stunden Nebenjob sind noch halbwegs gut mit dem Studium vereinbar. Bei einer Erwerbstätigkeit von über zehn Stunden sinkt der Studienaufwand deutlich. Das betrifft rund 20 Prozent der Studierenden. Aufgrund finanzieller Probleme beginnen sie zu arbeiten, kommen im Studium in Verzug, werden weniger von den Eltern unterstützt und verlieren Beihilfen. Sie dehnen dann in der Regel die Erwerbstätigkeit aus. Das ist ein Teufelskreis.

derStandard.at: Inwiefern sind Studierende von Armut betroffen?

Unger: Die Armutsgrenze ist bei Studierenden schwer anzuwenden. Aus finanzieller Armut haben Studierende oft die Möglichkeit, sich durch Erwerbstätigkeit zu befreien, es leidet aber dann das, was sie eigentlich tun wollten: das Studium. Sie haben dann weniger Geldprobleme, aber dafür große Probleme im Studium. Eine Kollegin hat hierfür den Begriff Studienarmut statt finanzieller Armut geprägt.

derStandard.at: Kann man sagen: Je schlechter die Bedingungen an den Universitäten sind, desto höher ist die Erwerbstätigkeit?

Unger: Desto länger dauert das Studium. Man darf aber nicht vergessen: Wenn ich von vornherein weiß, dass ich erwerbstätig sein muss, dann sind Massenfächer vielleicht attraktiver. Sie bieten wegen der vielen Parallelveranstaltungen zumindest in den Anfangssemestern eine gewisse Flexibilität.

derStandard.at: 63 Prozent arbeiten neben dem Studium. Wie groß ist der Anteil derer, die studiennahe Berufe ausüben?

Unger: Von allen, die nebenher arbeiten, sagen etwas mehr als die Hälfte, dass sie studienadäquat beschäftigt sind. Das nimmt im Studienverlauf zu. Es gibt Studienrichtungen, in denen es leichter ist, etwas Studienadäquates zu finden. Am geringsten ist der Anteil in naturwissenschaftlichen Studienrichtungen, zum Beispiel, weil sie Labore brauchen. Da haben wir im Schnitt 40 Prozent. Für Künstler ist es relativ leicht, da haben wir im Schnitt 75 Prozent.

Das nimmt auch mit dem Alter zu. Gegen Ende des Studiums geben schon sehr viele an, studienadäquat beschäftigt zu sein. Es gibt aber auch zunehmend Studierende, die vor dem Studium arbeiten. Die wollen mit dem Studium entweder eine Weiterbildung oder eine Umbildung machen und halten ihre Erwerbstätigkeit oft während des ganzen Studiums aufrecht.

derStandard.at: Der Anteil des Budgets, den Studierende selbst erwirtschaften, steigt. Warum ist das so?

Unger: Studierende bekommen weniger Mittel von zu Hause, studieren länger und die Zusammensetzung der Studierenden ändert sich, teilweise sind es "andere" Studierende als früher. Wir haben zum Beispiel mehr, die ursächlich erwerbstätig sind und nebenbei studieren. Langfristig schwankt das immer. Das hängt mit Reformen zusammen, aber auch mit der Situation am Arbeitsmarkt.

Zum Beispiel wird sich durch die Reduzierung der Familienbeihilfe die Situation ändern. Es ist noch unklar, weil möglicherweise die Familien die Kürzung teilweise abfangen. Wenn die Kürzung aber voll weitergegeben werden würde, dann würde der Anteil am studentischen Budget, der von der Familie kommt, deutlich sinken.

derStandard.at: Sie haben bei der Präsentation der Studie gesagt, dass die Studienbeihilfe valorisiert gehört.

Unger: Das hat Minister Töchterle auch gesagt. Diese Leute sind so stark auf die Beihilfe angewiesen, dass die Inflation sie ganz besonders trifft, vor allem wenn die Förderhöhe nicht mitwächst.

Wenn ich mich mehr über den Arbeitsplatz erhalte, dann habe ich die Chance zu versuchen, einen besser bezahlten Job zu finden oder um Lohnerhöhungen zu verhandeln. Dann bleiben die Löhne halbwegs im Einklang mit der Inflation. Die letzte Beihilfen-Erhöhung war vor fünf Jahren, und das waren nicht jene Jahre mit der niedrigsten Inflation.

derStandard.at: Sie sind beauftragt, die Studienförderung zu evaluieren.

Unger: Es ist vor allem eine Wirkungsanalyse. Die Studienförderung ist 40 Jahre alt und es gibt dazu bisher keine Studie. Die Frage ist, wie sie wirkt: Schaffen Studierende dadurch öfter und schneller einen Abschluss oder nicht? Ich darf darüber noch nichts sagen. Nur so viel: Die Studienförderung schadet zumindest nichts. Wir werden aber keine fertige Reform der Studienförderung präsentieren.

derStandard.at: Sollte man die Studienbeihilfe erhöhen?

Unger: Eine Anpassung ist überfällig. Dazu gibt es Gruppen, die derzeit keinen Anspruch haben und eine bräuchten.

derStandard.at: Zum Beispiel?

Unger: Ein Dilemma ist, dass das Studienförderungsgesetz unterstellt, dass die Eltern Unterhalt zahlen. Das tun nicht alle. Beim Antrag wird das Einkommen der Eltern berücksichtigt, davon hängt der Anspruch ab.

In dem offenen Teil der Fragen in der Studierendensozialerhebung haben wir auch relativ viele Scheidungskinder, bei denen der Vater nicht zahlt. Meistens sind es Väter, es hat sich noch keiner über seine Mutter beschwert. Andere merken an, dass Eltern nur dann zahlen würden, wenn sie ein Studium wählen, das den Eltern gefällt.

Das kann das jetzige Fördergesetz nicht berücksichtigen, weil es unterstellt, dass die Eltern in jedem Fall zahlen. Die Antwort für die Studis heißt dann immer: Ihr müsst eure Eltern klagen.

derStandard.at: Sollte man das entkoppeln?

Unger: Ja, aber das ist leichter gesagt als getan. Diese Unterhaltsverpflichtung betrifft weite Teile des Sozialstaats. Wenn man das entkoppelt, hat man viele Baustellen. Dann würde auch die Zahl der Studienbeihilfenbezieher deutlich steigen.

Würde ich die Studierenden als Individuen behandeln, dann würde wie in Skandinavien ihr individuelles Einkommen zählen. Wenn man direkt von der Schule kommt, hat man dann in der Regel Anspruch auf eine Studienbeihilfe.

derStandard.at: Das wäre eine Art Grundeinkommen für Studierende?

Unger: Ja, das ist aber in Skandinavien finanziert durch höhere Steuersätze. Zu den Klagen gegen die Eltern: Da ist ein Unterschied zu Minderjährigen. Bei ihnen tritt das Jugendamt in Vorleistung. Der Staat verklagt dann die Eltern. Studierende müssen sich um ihre Sachen selber kümmern. Das Problem ist auch: Wenn man seine Eltern verklagt, kann die Entscheidung lange dauern. Es hilft einem aber nicht, wenn man fünf Jahre später einen Prozess gewonnen hat.

derStandard.at: Der Anteil derjenigen, die noch zu Hause wohnen, sinkt auch.

Unger: Zumindest in Nordeuropa ist es ein gesellschaftlicher Trend, dass Leute, die ein Studium aufnehmen, von zu Hause ausziehen. Die Studienbeihilfe erfordert es auch von manchen, dass sie daheim bleiben. Das hat aber auch mit dem Wohnungsmarkt zu tun. Wenn die Mieten weiter so steigen wie in den letzten Jahren, könnte sich dieser Trend umkehren. Der Anteil der Wohnkosten steigt in der Gesamtbevölkerung an, das trifft Studierende genauso.

derStandard.at: Genauso oder härter?

Unger: Man müsste glauben, dass es sie härter trifft, aber 30 Prozent für das Wohnen auszugeben entspricht genau dem üblichen Haushaltsbudget in der Gesamtbevölkerung. Das ist aber ein Durchschnitt. Wenn ich jung bin und gerade von zu Hause ausgezogen bin, ist mein Mietanteil am Gesamtbudget höher. Je älter man wird, desto mehr nähert man sich dem Bevölkerungsschnitt an. (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 12.10.2012)

Martin Unger ist Soziologe und arbeitet am Institut für Höhere Studien im Bereich Hochschulforschung. Er ist einer der Autoren der Studierendensozialerhebung.

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